Rezension
von Sabine Ibing
Lichterloh - Funken in der Luft
von Sarah M. Kempen
Die Nacht schweigt, wenn der Teufel in der Nähe ist. Aufgrund der finsteren Ahnung, dass er kommen wird, verbarrikadiert man die Häuser und versteckt sich vor ihm. Verharrt mucksmäuschenstill, voller Angst, dass er einen selbst als sein nächstes Ziel auserwählt. Leise hört man ihn durch die Straßen ziehen. Mit seiner Maske, die sein Gesicht versteckt. Mit seinen Fackeln, die das Verderben bringen. Wie ein Narr, der nur Hohn für die Menschen übrig hat und unerkannt seine Lügen speit, wo immer er zuschlägt: ‹Kohle ist Dunkelheit›, schreibt er an die Wände. ‹Kohle ist Verderben. Ohne Kohle wird unser Leben hell und warm.› Wenn dann seine Flammen alles verzehren, was einem lieb und teuer ist, könnte man glauben, dass er recht hat. Und vor lauter Angst vergisst.
Rußstadt wird von einer neuen Gefahr bedroht: Ein unbekannter Feuerteufel zündet scheinbar wahllos Häuser an, natürlich nur in den ärmeren Vierteln. Cleo greift das ein oder andere Mal beherzt ein und wird gefeiert. Die Schornsteinfeger tun alles, um die Bewohner der Stadt zu schützen, und so ergreift die Innung Maßnahmen, die bei nicht wenigen die Glut der Wut weiter schürt. Sie durchforsten die Häuser und kassieren fast alle Geräte ein, vom Toaster bis zur Waschmaschine – auch die Handwerker sind eingeschlossen. Die Schornsteinfeger werden nun gehasst! Cleo hat den Feuerteufel fast erwischt! Irgendetwas ist im Gange!
‹Verrußt!›, fluchte Cleo. Sie war sich sicher, dass diese Person etwas mit dem Brand zu tun hatte! Sie konnte doch nicht einfach verschwunden sein. Cleo sah sich um – und stockte. ‹Oh nein›, entfuhr es ihr. Die Rückwand des Hauses war noch nicht vom Feuer verzehrt worden, doch mitten auf ihr zündelten kleine Flammen, die brennende Buchstaben bildeten, eine lodernde Nachricht: ‹Kohle bringt den Tod! Ihr alle brennt bald lichterloh.› Das letzte Mal als Cleo alle Schornsteinfeger an einem Ort versammelt gesehen hatte, war bei ihrer Abschlussprüfung gewesen.
Bei ihrem Versuch, die Bevölkerung vor dem Feuerteufel zu schützen, kommen sich Cleo und Leander unweigerlich näher. Und längst ist nicht mehr nur Gwynnie, Cloes Schwester, davon überzeugt, dass die Stadt die Macht der Industriellen eingedämmt werden mus s. Denn die blasen ihren Ruß in die unteren Stadtteile. In dieser Oberstadt wohnen die Reichen, die nagelneue Geräte besitzen, die nicht bandgefährdet sind. Die Leute in den unteren Teilen der Stadt haben uralte Geräte, immer wieder repariert, nicht ungefährlich. Die Revolution braut sich ganz unten zusammen – doch der Feuerteufel kommt keineswegs von hier. Und plötzlich wird Gwynnie verdächtigt … Es geht um Leben und Tod – besonders für die Menschen, die Cleo liebt ...
Wieder einmal war Cleo beeindruckt von der Klarheit der Luft, die sie gierig einsog, genau wie von den hellen Straßen und Gebäuden und der Vielzahl an Luftfiltern im Viertel, sodass kein Ruß sich hierher verirrte. Doch hatte sie sie letztes Mal noch sehnsüchtig betrachtet, wurde ihr jetzt bei dem Anblick schlecht. Jeder einzelne Luftfilter, jeder der zahlreichen Schornsteine, jedes Gerät hier fütterte eins der Rohre, die den Ruß ins unterste Viertel transportierten. Der Luxus hier war dafür verantwortlich, dass es allen anderen schlecht ging. Doch die Industriellen scherten sich nicht darum. Die weiß gekleideten Menschen, die sie passierte, musterten Cleo neugierig, einige steckten die Köpfe zusammen und tuschelten. Wer von ihnen wusste über die Sache mit den Rohren Bescheid? Oder waren es sogar alle?
Gwynnie hat zu Hause neue Geräte entwickelt, die nicht mehr mit Kohle betrieben werden müssen, sonder mit Sonnenenergie und anderen Energiequellen. Doch das sind erst Prototypen. Und irgendjemand will das verhindern. Alle Protagonist:innen haben eine wichtige Erkenntnis und entwickeln sich. Einige Lovestorys bahnen sich an, ganz nebenbei, ohne kitschig zu wirken. Auch dieser Band ist wieder durchgehend spannend. Eine Systemdystopie mit scharfer Gesellschaftskritik, die zeigt, wie leicht Menschen durch Propaganda zu beeinflussen sind – und da ist Cloe nicht ausgenommen. Schön auch dargestellt, wie Kids der oberen Gesellschaft sich für den unteren Teil interessieren, sich solidarisieren. Wortwörtlich fällt mir hier ein Song von Franz Josef Degenhardt ein: «Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder.» Eine spannende, facettenreiche Dystopie und Fantasy. Der Magellan Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 14 Jahren – von mir ab 12 Jahren. Vom Verlag als Young-Adult ausgeschrieben, für mich aber ein typischer Jugendroman, und zwar ein sehr guter!
Weitere Bände der Reihe:
Lichterloh - Stadt unter Ruß (Band 1)
Lichterloh - Himmel in Flammen (Band 3)
Sarah M. Kempen schreibt Geschichten für Kinder und Jugendliche und die, die es noch werden wollen. Neben Romanen verfasst sie auch Drehbücher für Animationsserien und Kinofilme. Für „Lichterloh“ erhielt sie 2022 den Literaturpreis der Hamburger Kulturbehörde sowie das Stipendium des Phantastik-Autoren-Netzwerks in der Kategorie „Kinder- und Jugendbuch“. Sie lebt mit vielen Knöpfen und noch mehr Strickjacken im Süden Hamburgs.
Melanie Korte, geboren in den 1980er Jahren, ist seit 2009 als freiberufliche Illustratorin tätig. Durch die große Bandbreite in ihrer Stilistik konnte sie sich im Büchermarkt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene einen Namen machen. Ihre Werke zeichnen sich durch Detailverliebtheit, lebendige Figuren und Farben aus. Heute lebt und arbeitet Melanie Korte als freischaffende Künstlerin in Hamburg.
Lichterloh - Funken in der Luft von Sarah M. Kempen Band 2
Illustratorin: Melanie Korte
Trilogie, Systemdystopie, Dystopie, Jugendroman, Kinder- und Jugendliteratur, Fantasy
Schmuckausgabe mit außergewöhnlicher Klappenbroschurbindung broschiert, 288 Seiten
Magellan, 2025
Altersempfehlung: ab14 Jahren (Verlag) – von mir an 12 Jahren
Lichterloh - Stadt unter Ruß von Sarah M. Kempen
Cleo und ihre Schwester Gwynnie leben in Rußstadt, einer von Kohle dominierten Welt, wo das Atmen schwerfällt und ein einziger Funke alles zerstören kann. Rauch verschleiert den Himmel und die Hoffnung auf hellere Tage liegt in weiter Ferne. Während Gwynnie heimlich umweltfreundliche Techniken erforscht, ist es Cleos größter Traum, Schornsteinfegerin zu werden, denn das sind die wichtigsten Personen in Rußstadt. Sie beschützen die Stadt durch das Kehren und Reparieren von Maschinen – denn hier wird alles mit Kohle betrieben. Fantasy, Dystopie, spannendes Jugendbuch ab 12 Jahren.
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Kinder- und Jugendbücher - 10 bis13 Jahre
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.Fantasy, Fantastic, Dystopien
Hier bin ich leider in letzter Zeit etwas ratlos. In dieser Rubrik wird wenig auftauchen. Leider habe ich das Gefühl, dass hier keine neuen Ideen kommen. Ich mag nicht immer wieder das gleiche Buch in Abwandlung lesen ... Aber auch hier lasse ich mich gern überraschen. Meist findet man unter den Dystopien doch mal was Neues.Fantasy

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