Rezension
von Sabine Ibing
Noch fünf Tage
von Andrea Fischer Schulthess
Der Anfang:
‹Seit ich denken kann, plane ich meine eigene Beerdigung, wie andere Mädchen ihre Hochzeit.› AmandaAm Anfang war nichts. Zumindest nichts, woran ich mich erinnern könnte. Dann kamen die Spinnen. Nacht für Nacht zwängten sie sich hinter meinen geschlossenen Augenlidern hindurch, schrammten mit ihren Beinen über meine Augäpfel. Verletzten deren feuchte Haut. Wenn ich es dann endlich schaffte, meine Lider hochzuziehen, mich ins Jetzt zurückzudenken, waren die Tiere noch immer da. Erstarrt sah ich ihnen dabei zu, wie sie sich vermehrten, aus jedem Winkel hervorquollen und schwarz auf grau die Zimmerwände hochkrabbelten, um sich im deckenlosen Dunkel des Zimmers zu verlieren, sich irgendwo weit über mir zusammenzurotten. Eine wachsende Traube aus Beinen und Leibern.
Das Buch wird als Krimi vermarktet – aber das ist eine völlig falsche Kategorisierung. Denn es müsste einen Kapitalverbrechen geben, das von irgendwem ermittelt wird. Es ist ein sehr langsamer Thriller, was allerdings erst auf den letzten Seiten klar wird. Amanda hat bereits als Kind an ihre Beerdigung gedacht, eine depressive Frau, die ihren Suizid plant: Noch 5 Tage. Bereits ihre Oma und ihre Mutter haben Suizid verübt und bei ihr scheint diese Linie genetisch verankert. Sie ist eine ewige Außenseiterin, die versucht, sich irgendwie einzufügen. Amanda hat ihren kranken Großvater bei sich aufgenommen, den sie als Kind sehr liebte und vor dem sie sich heute ekelt, ein frauenfeindlicher Zyniker, ein Miesepeter. Ihr Mann geht fremd, ihr Sohn und seine Freundin, beide noch im Studium, erwarten ein Kind.
Ein depressiver Text
Die Jahre zwischen jenem Tag und heute berühren sich für einen Augenblick wie zwei verschüttete Tropfen und vereinen sich zu einem. Auf Benjamins Wangen unter dem Haarvorhang leuchten himbeerrote Flecken, wie immer, wenn er nervös ist. Er legt den Kopf schief und grinst. Sein Anblick erinnert Amanda an einen dieser Teenager in den unsäglich langweiligen amerikanischen High-School-Komödien.
Der Roman beschreibt die fünf Tage bis zum Tag X, und er geht gleichzeitig in die Erinnerungen von Amanda, die sich an die Stufen in ihrem Leben erinnert. Sie denkt an ihre Mutter, den Schmerz, als sie die Welt verließ, an die Zeit mit Großvater, an den Keller im Haus vom Großvater. «Stundenlang verlässt sie ihre trostlose Realität und versinkt im Früher, durchlebt alles nochmal…» Das Haus der Großeltern gehört jetzt ihr. Und es gibt ein Familiengeheimnis, das offen auf der Hand liegt – allein die Protagonistin kapiert es erst auf den letzten Seiten. Ich habe mich durchgekämpft durch diesen depressiven Text und weder die Geschichte, noch die Protagonistin konnten mich erreichen. Spannend wurde es für mich erst ab Seite 190 von 259. Von da an nahm die Geschichte Fahrt auf und bekam Farbe. Amanda ist depressiv und hält sich mit Benzos, die sie zusammen mit Wodka schluckt, aufrecht, kämpft sich so durch den Tag. Dieser düstere Text zieht sich durch und könnte herunterziehen. Mich hat es eher gelangweilt. Die letzten 70 Seiten sind passabel, auch in der Spannung, und es gibt interessante Wendungen. Das Ende hat mich ein bisschen mit dem Kriminalroman versöhnt. Eine Randfigur ist Edouard, der stalkende Nachbar, der für mich so gar nicht reinpasst. Ganz am Ende bekommt er Bedeutung – es hätte gereicht, wenn an dieser Stelle das erste Mal aufgetaucht wäre.
Sprachgewalt künstlich erzwungen
Amanda weiß, wie bieder die Frage ist, ein kleines, dummes Klötzchen aus Wörtern, aber Benjamin scheint zu verstehen. Unversehens ist sie wieder da, diese Brücke zwischen ihnen, die Amanda hat morsch werden lassen und nie wieder betreten wollte. Weil sie sonst nicht fortgehen könnte. Und doch setzt sie nun vorsichtig einen Fuß darauf, wagt einen Schritt.
Amanda ist auf einer Selbstmordplattform, erkundigt sich, wie sie am saubersten sterben kann – ohne Schmerzen, ohne andere Menschen zu belästigen. Dabei hat sie einen Mann kennengelernt, dessen Frau ebenfalls Selbstmordgedanken hegt, mit dem sie einen regen Chatverkehr pflegt. Man kommt der Protagonistin nicht nahe, weil sie nicht wirklich nach innen geht, sondern in der Oberfläche hängen bleibt. Hätte die Autorin sie mehr aufgeblättert, hätte die Figur schon lange das Familiengeheimnis gelöst. Genau das ist das Problem. Von außen wird viel aufgeladen, zu viel, um das Tiefsinnige zu kaschieren. Das gilt auch für die Sprache. Metaphern sind Perlen in einem Text, die man mit Bedacht wählt. Hier wird eine nach der anderen rausgehauen, und die meisten haben mir eher ein Augenrollen abgerungen, wie auch die zwangsmäßigen vergleichenden Beschreibungen, die gezwungen klingen. Für mich hat das den Text im Lesefluss gebremst.
Der hohe 70er-Jahre-Bau neben den Gleisen erinnert Amanda an verdorbenen Fleischkäse. Das liegt nicht nur an der Farbe, sondern auch an der gammligen Note, die hartnäckig den Putzmittelduft durchdringt.
Andrea Fischer Schulthess** wurde 1969 in Zürich geboren. Nach dem Zoologie-Studium an der Universität Zürich hat sie die Ringier Journalistenschule absolviert und für diverse Medien geschrieben. 2019 übernahm sie künstlerische Leitung des Millers Theaters in Zürich, wo sie auch regelmäßig selbst auf der Bühne steht. Ihr erster Roman »Motel Terminal« erschien 2016. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.
Noch fünf Tage
Kriminalroman, Thriller, Suizid, Schweizer Literatur
Taschenbuch, 264 Seiten
Pendragon Verlag, 2025

Krimis und Thriller
Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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