Rezension
von Sabine Ibing
Der Fluch des Hasen
von Bora Chung
Gerade wollte sie die Toilettenspülung betätigen. ‹Mutter.› Sie drehte sich um. Aus der Kloschüssel ragte ein Kopf und rief nach ihr. ‹Mutter.› Die Frau sah ihn kurz an. Dann spülte sie. Der Kopf verschwand unter einem Wasserschwall. Die Frau verließ das Badezimmer.
Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Auch die Story mit der Füchsin, deren Blut zu Gold wird, ist klasse – sie geht ans Herz. Es gibt einen Kopf, der aus der Toilette auftaucht, mit der Protagonistin spricht, der sich aus ihren Exkrementen bildet und immer größer wird ... es geht um die Stigmatisierung von älteren Frauen. Eine Frau hat extrem starke Regelblutungen, bekommt dagegen die Pille, von der wiederum sie schwanger wird und nun der Kritik ausgesetzt ist; sie muss einen Vater finden, einen Mann, der sie nimmt, bevor das Kind geboren wird – es geht um die Stigmatisierung von alleinerziehenden Frauen. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte. Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen.
Kurzgeschichten, die Spaß machen
Es gab nichts mehr, auf das ich hätte warten können. Aber ich blieb dort stehen, in diesem Badezimmer, und wartete darauf, dass mich jemand fand, der mich von den Fesseln meines Lebens befreite. Ich wartete auf ein Wunder.
Zehn Geschichten, die sich nicht in ein Genre pressen lassen. Dabei beginnt jeder Geschichte ganz normal, weitet dann Stück für Stück ihren Horror aus, makaber, gruselig, surreal oder märchenhaft. Hinter allem steckt eine Kritik an den patriarchalen Strukturen der koreanischen Gesellschaftsordnung. Neben Misogynie und Stigmatisierung geht es um Ausbeutung und Kapitalismus – dem Streben nach Macht und Reichtum auf Kosten anderer. Kurzgeschichten, die Spaß machen, ein wenig gruseln. Empfehlung!
Bora Chung, geboren 1976 in Seoul, ist Autorin von mehreren Romanen und Storysammlungen. Sie übersetzt zeitgenössische Literatur aus dem Russischen und Polnischen ins Koreanische und ist Mitglied der »Science Fiction Writers Union of Korea«. Der Fluch des Hasen stand auf der Shortlist für den International Booker Prize 2022 und wurde in 16 Sprachen übersetzt.
Bora Chung
Der Fluch des Hasen
Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee
Kurzgeschichten, Koreanische Literatur
Taschenbuch, 264 Seiten
Blessing, 2025
Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …Zeitgenössische Roman

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