Rezension
Sabine Ibing

Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter
von Lukas Bärfuss
Diese dumme, egoistische, verräterische, hurerische Schlampe.
Nach «Vaters Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst.
Aus der Traum
... und er will wissen, warum die Atome einen Spin haben, und er will vor einem ungelösten Rätsel stehen und eine Frage finden, und er will der Schönheit begegnen, in jedem Augenblick. Er will nicht, was sie wollen, und er weiß, es liegt kein Sinn und keine Erklärung in seinem Schicksal, das ihn an diesen Ort geworfen hat. Er hat mehr Bücher gelesen als jeder, den er kennt, mit Ausnahme des Buchhändlers Maar, der liest sie allerdings, weil er sie verkaufen muss, er freut sich an ihnen, keine Frage, aber er muss auch die schlechten, die dummen Bücher lesen, weil auch dumme Menschen manchmal ein Buch wollen. Der Junge dagegen will sich nur mit Büchern abgegeben, bei ihm sollen nur die Bücher stehen, die er nicht versteht und von denen er ahnt, dass er sie verstehen kann, eines Tages, mit Mühe und Anstrengung, er weiß mehr, als sein Lehrer je gewusst hat, aber er weiß nicht, was er wissen muss, damit er einen Platz bekommt unter jenen, die mit dem Kopf arbeiten, die rechnen, schreiben und lesen.
Sie steckt ihren Sohn zu Bauern in die Ausbildung, kassiert dafür ab, und der schmächtige Bub müht sich, schuftet in einer Welt, in die er nicht gehört. Er ist gut in der Schule, schafft sogar die schwere Prüfung für die höhere Schule. Der Bauer entscheidet allerdings, er taugt nicht für die Landwirtschaft, entlässt ihn, die Mutter entscheidet, die höhere Schule ist nichts für ihn. Aus der Traum. Der Junge landet mit 15 Jahren nun obdachlos auf der Straße.
Ein Teil des Systems der Armut im Land
Er rechnet: Sechzig Franken geteilt durch die dreizehn Tage bis zur nächsten Rente, das ergibt vier Franken und sechzig Rappen. Das entspricht in diesem Land einer kleinen Mahlzeit im Restaurant. Einer Tasse Kaffee in einer schicken Bar. Einem Kinoticket.
Und im Alter bleibt der Mutter kein anderer Ausweg als der in die Armutsmigration, sie zieht in die Dominikanische Republik, wo sie mit ihrer kleinen Rente ein anständiges Leben führen kann. «Sechzig Franken zum Überleben», so der Bankauszug am Vorabend ihres Todes, den der Sohn findet. Der Sohn und sie hatten sich den Rücken zugekehrt, hatten jahrelang keinen Kontakt. Der Sohn musste sich früh in der Kunst üben, seine Mutter zu überleben. Und darum fühlt er sich auch nicht verantwortlich für sie. Und er verurteilt nicht ihr Verhalten, weil das auch ein Teil des Systems der Armut im Land ist in den 1970er und 80er Jahren. Das in einem reichen Land, das beinhart mit einem Teil seiner Bevölkerung umging – noch heute umgeht.
Bis zu ihrem vierundvierzigsten Lebensjahr war sie Bürgerin eines Landes, das der Ehefrau die Unterordnung befahl. Eine verheiratete Frau durfte keinen Vertrag unterschreiben, keine Versicherung abschließen, keinen Wagen mieten, keiner Arbeit nachgehen ohne Genehmigung ihres Ehemanns. Die politischen Rechte hatten die Frauen fast zwei Jahrzehnte früher erstritten. In der Ehe verloren sie die bürgerlichen Privilegien. Eine ledige Mutter durfte kein Kind großziehen. Entweder sie war verheiratet, oder der Nachwuchs wurde unter staatliche Vormundschaft gestellt. In dieser Klassengesellschaft hatte Mutter schlechte Karten. Zwar stammte ihre eigene Mutter aus einer angesehenen Familie, doch dann hatte ihr Vater, der Großvater meiner Mutter, wegen einer Bürgschaft den Hof verloren. Der Vater meiner Mutter war Sattler, Kind von Fahrenden, unehelich. Zum wirtschaftlichen kam ein ethnischer Makel. Für meine Mutter war er eine reale Gefahr.
Analytisch setzt sich Lukas Bärfuss zunächst mit seiner Mutter auseinander, die ihn nicht haben wollte. Er wächst in einem kriminellen Milieu auf, zwischen Kleinkriminellen und Nutten, völlig ohne Mutterliebe. Im zweiten Teil analysiert Bärfuss das soziale System der Schweiz und wie sich das auf seine Familie ausgewirkt hat. Und in der Rückschau stellt er sich die Frage, wo in einem elenden Leben die persönliche Verantwortung aufhört und die einer ganzen Gesellschaft beginnt. Ein beinhartes, ehrliches Buch, ein politisch unbequemes Essay. Bärfuss ist kein Moralapostel, sondern er zerlegt das System und zeigt, was es anrichtet, legt den Finger in die offenen Wunden. Wer nicht viel hat in diesem Land, der mag dem Rest nicht auf der Tasche liegen – auch noch heute geht man nicht sehr gefühlvoll mit seinen Armen um. «Sie hat es gefühlt, aber sie hatte keine Bildung, um die Zusammenhänge zu erkennen. Sie trat nach unten, nicht nach oben.» Es ist ja nicht so, dass sie faul war – sie war ohne Ausbildung, hat nur die Jobs bekommen, bei denen man nicht viel verdiente. Wer nichts hat in diesem Land, auf dem lastet enormer Druck! Bärfuss verurteilt nicht. Die Mutter war verheiratet mit einem alkoholsüchtigen Schuft, der sie bald verlassen hat. Man mag es ihr nicht verdenken. Erst am 1. Januar 1988 tat das neue Eherecht im Zivilgesetzbuch in Kraft! Bis dahin waren die Frauen entmündigt! Frauen, die unverheiratet schwanger wurden, nahm man die Kinder weg, gab sie in ländliche Familien, wo sie meist sklavenmäßig bereits als Kinder arbeiten mussten, die Frauen steckte man in Besserungsanstalten. Bis 1988 benötigten die Frauen die Unterschrift des Ehemanns für bestimmte Verträge, wie Arbeitsverträge, Mietverträge, die Erlaubnis, den Führerschein zu machen, ein eigenes Bankkonto führen zu dürfen. Das alles ist auf der einen Seite nüchtern und glasklar beschrieben, stahlhart in der Sache – doch mit sehr viel Empathie für die Betroffenen. Auch widmet Bärfuss einen Teil in seinem Essay dem fahrenden Volk, dem einer seiner Großväter entstammt. Er berichtet sehr eindringlich, was es für diese Menschen bedeutete fotografiert, personalisiert und katalogisiert wurden. Eine harte Familiengeschichte, die sich gleichzeitig mit dem Sozialsystem der Schweiz auseinandersetzt. Ein Autor der sich selbst Rechenschaft ablegt – warum er den Kontakt zu seiner Mutter abbrach. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht.
Das Fälschen und Verbergen von Papieren, die Namensänderungen und das Leugnen seien nun zwecklos geworden, die Identität könne man zweifelsfrei feststellen, und damit habe man auch eine Handhabe gegen Personen, die längst über die Grenze abgeschoben worden waren und doch immer wieder zurückkamen. Zugleich, so arm nicht ohne Stolz, gewissermaßen als Zusatznutzen, da die Fotografien im Hofe des Berner Zuchthauses gleichzeitig mit der Untersuchung aufgenommen wurden, bildete die Maßnahme ein moralisches Schreckmittel gegen Vorbringung unrichtiger Angaben. Und fast genüsslich teilt der Bundesanwalt die Beobachtung, wie sich die Heimatlosen schon verraten fühlten, wenn sie mit festgeschraubtem Kopfe vor der Maschine saßen, die in wenigen Minuten ihr Bild erzeugte. Die Fotografie raubte diesen Menschen die Seele, die Lebensweise und die Würde, und diese Registrierung oder, wie man heute sagen würden, diese Datensammlung wurde zum entscheidenden Machtmittel des jüngst formierten Bundesstaates gegen die Fahrenden.

Lukas Bärfuss
Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter
Essay, Roman, Schweiz, Mutterliebe, soziale Verhältnisse Schweiz, Schweizer Literatur
Hardcover mit Schutzumschlag, 128 Seiten
Rowohlt Verlag, 2026
Die Krume Brot von Lukas Bärfuss
Man könnte den Roman mit einem Satz zusammenfassen: Das unglückliche Leben der Adelina und die Sprachlosigkeit der Väter. Die Tochter italienischer Einwanderer arbeitet in einer Zürcher Fabrik, muss die Schulden der Familie bezahlen, als sie Toto kennenlernt, der sie schwanger sitzen lässt. Sie kämpft ums Überleben und arbeitet hart, hat viele Jobs, alles unterbezahlt – es reicht gerade dazu, nicht verhungern zu müssen. Als sie ihre Stelle und die Wohnung verliert, lernt sie Emil kennen, der ihre Schulden bezahlt und Adelina mit der kleinen Emma bei sich aufnimmt. Es ist ein Abkommen – denn Liebe verspürt Adelina für Emil nicht. Er kauft ein Anwesen in den Bergen des Piemont, was Adelina so gar nicht gefällt. Doch mit diesem heruntergekommenen Haus wird das Leben von Adelina noch einmal völlig durcheinandergeraten. Der großartige Auftakt einer Trilogie. Authentisch, sprachlich eine Perle, ein kraftvoller Text mit Nachhall.
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