Rezension
Sabine Ibing
Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter
von Lukas Bärfuss
Diese dumme, egoistische, verräterische, hurerische Schlampe.
Aus der Traum
... und er will wissen, warum die Atome einen Spin haben, und er will vor einem ungelösten Rätsel stehen und eine Frage finden, und er will der Schönheit begegnen, in jedem Augenblick. Er will nicht, was sie wollen, und er weiß, es liegt kein Sinn und keine Erklärung in seinem Schicksal, das ihn an diesen Ort geworfen hat. Er hat mehr Bücher gelesen als jeder, den er kennt, mit Ausnahme des Buchhändlers Maar, der liest sie allerdings, weil er sie verkaufen muss, er freut sich an ihnen, keine Frage, aber er muss auch die schlechten, die dummen Bücher lesen, weil auch dumme Menschen manchmal ein Buch wollen. Der Junge dagegen will sich nur mit Büchern abgegeben, bei ihm sollen nur die Bücher stehen, die er nicht versteht und von denen er ahnt, dass er sie verstehen kann, eines Tages, mit Mühe und Anstrengung, er weiß mehr, als sein Lehrer je gewusst hat, aber er weiß nicht, was er wissen muss, damit er einen Platz bekommt unter jenen, die mit dem Kopf arbeiten, die rechnen, schreiben und lesen.
Ein Teil des Systems der Armut im Land
Er rechnet: Sechzig Franken geteilt durch die dreizehn Tage bis zur nächsten Rente, das ergibt vier Franken und sechzig Rappen. Das entspricht in diesem Land einer kleinen Mahlzeit im Restaurant. Einer Tasse Kaffee in einer schicken Bar. Einem Kinoticket.
Bis zu ihrem vierundvierzigsten Lebensjahr war sie Bürgerin eines Landes, das der Ehefrau die Unterordnung befahl. Eine verheiratete Frau durfte keinen Vertrag unterschreiben, keine Versicherung abschließen, keinen Wagen mieten, keiner Arbeit nachgehen ohne Genehmigung ihres Ehemanns. Die politischen Rechte hatten die Frauen fast zwei Jahrzehnte früher erstritten. In der Ehe verloren sie die bürgerlichen Privilegien. Eine ledige Mutter durfte kein Kind großziehen. Entweder sie war verheiratet, oder der Nachwuchs wurde unter staatliche Vormundschaft gestellt. In dieser Klassengesellschaft hatte Mutter schlechte Karten. Zwar stammte ihre eigene Mutter aus einer angesehenen Familie, doch dann hatte ihr Vater, der Großvater meiner Mutter, wegen einer Bürgschaft den Hof verloren. Der Vater meiner Mutter war Sattler, Kind von Fahrenden, unehelich. Zum wirtschaftlichen kam ein ethnischer Makel. Für meine Mutter war er eine reale Gefahr.
Das Erlebte hat keine Resonanz. Gewalt umgibt ein tödliches Schweigen – durch das Totschweigen.
Das Fälschen und Verbergen von Papieren, die Namensänderungen und das Leugnen seien nun zwecklos geworden, die Identität könne man zweifelsfrei feststellen, und damit habe man auch eine Handhabe gegen Personen, die längst über die Grenze abgeschoben worden waren und doch immer wieder zurückkamen. Zugleich, so arm nicht ohne Stolz, gewissermaßen als Zusatznutzen, da die Fotografien im Hofe des Berner Zuchthauses gleichzeitig mit der Untersuchung aufgenommen wurden, bildete die Maßnahme ein moralisches Schreckmittel gegen Vorbringung unrichtiger Angaben. Und fast genüsslich teilt der Bundesanwalt die Beobachtung, wie sich die Heimatlosen schon verraten fühlten, wenn sie mit festgeschraubtem Kopfe vor der Maschine saßen, die in wenigen Minuten ihr Bild erzeugte. Die Fotografie raubte diesen Menschen die Seele, die Lebensweise und die Würde, und diese Registrierung oder, wie man heute sagen würden, diese Datensammlung wurde zum entscheidenden Machtmittel des jüngst formierten Bundesstaates gegen die Fahrenden.
Die Krume Brot von Lukas Bärfuss
Man könnte den Roman mit einem Satz zusammenfassen: Das unglückliche Leben der Adelina und die Sprachlosigkeit der Väter. Die Tochter italienischer Einwanderer arbeitet in einer Zürcher Fabrik, muss die Schulden der Familie bezahlen, als sie Toto kennenlernt, der sie schwanger sitzen lässt. Sie kämpft ums Überleben und arbeitet hart, hat viele Jobs, alles unterbezahlt – es reicht gerade dazu, nicht verhungern zu müssen. Als sie ihre Stelle und die Wohnung verliert, lernt sie Emil kennen, der ihre Schulden bezahlt und Adelina mit der kleinen Emma bei sich aufnimmt. Es ist ein Abkommen – denn Liebe verspürt Adelina für Emil nicht. Er kauft ein Anwesen in den Bergen des Piemont, was Adelina so gar nicht gefällt. Doch mit diesem heruntergekommenen Haus wird das Leben von Adelina noch einmal völlig durcheinandergeraten. Der großartige Auftakt einer Trilogie. Authentisch, sprachlich eine Perle, ein kraftvoller Text mit Nachhall.
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