Rezension
von Sabine Frau
Kretische Ehre
von Nikos Milonás
Michalis Charisteas Serie, Band 4
Der Anfang:
In der Ferne zogen die letzten Ausläufer des Gebirges vorbei. Die Sitze des Wagens waren blutverschmiert. Der Kopf des Mannes sackte zur Seite. Er schüttelte ihn. Mühsam öffnete sein Bruder die Augen. ‹Ich will nicht ...›, presste er leise hervor. Schweiß lief ihm über die Wangen. Sein Gesicht war fast weiß. ‹Nein, du wirst nicht, wir haben es gleich geschafft ...›
Kommissar Michalis Charisteas ist mit seiner Lebensgefährtin Hannah ins Psiloritis-Gebirge gefahren und sie haben in Anoghia, dem größten Bergdorf Kretas, eine Nacht verbracht. Am Abend findet im Dorf eine traditionelle Tauffeier statt und die beiden sind eingeladen. Der bekannteste griechische Musiker, Manolis Mavropanos, spielt auf und die Stimmung ist hoch, die Gäste tanzen als Schüsse fallen, die Balothies, die traditionellen Freudenschüsse. Plötzlich bemerkt Michalis, dass dem eben noch umjubelten Musikanten die Lyra aus der Hand gleitet und er nach vorn sackt. Dann kippt Manolis vom Stuhl und prallt auf den Boden. Menschen schreien auf, die Schüsse verstummen – Manolis Mavropanos ist tot. Eine Kugel hat ihn rückwärtig tödlich getroffen. Eigentlich sind die Balothies verboten, weil immer wieder durch Quereinschläger Menschen verletzt oder getötet werden.
Existiert der Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg?
Der See, an den das Pestrofa grenzte, war beeindruckend. Mit tiefgrünem Wasser lag er, von einem Holzzaun umgeben, vor den aufragenden Felswänden des Psiloritis-Gebirges. Ein großer Parkplatz ließ vermuten, dass in der Hochsaison Touristen mit Bussen hierhergebracht wurden, um den ungewöhnlichen Ort kennenzulernen. Jetzt aber, im Herbst, hatte das Pestrofa zwar noch geöffnet, doch es gab lediglich einen grimmigen Wirt, der nach seiner Tochter rief, als Michalis und Koronaios sich an einen Tisch setzten.
Michalis Charisteas wundert sich, dass der Vorfall von der örtlichen Polizei als Unfall abgetan wird, ohne die Sache gründlich zu untersuchen, die Schützen laufen gelassen werden. Daher mischt er sich ein, bestellt die SpuSi und befielt, den Toten in die Rechtsmedizin zu transportieren. Und richtig, Manolis wurde erschossen, nicht von einem Querschläger erwischt – und es war keine Kugel aus den Gewehren, mit denen das Freudenfeuer in die Luft gefeuert wurde. Michalis beginnt zu ermitteln. Dazu muss er verschiedene Dörfer besuchen und in die gesellschaftliche Tiefe eindringen. Der Bürgermeister eines Dorfs wird vermisst und kurz darauf tot aufgefunden. Angeblich soll in einer Höhle ein Panzer der deutschen Wehrmacht versteckt sein. Und was hat es mit diesen Nationalisten auf sich, die sich das Griechenland des Aristoteles zurückwünschen?
Atmosphärischer Krimi
‹Wir sind vor einer guten Woche durch das Amari-Becken Sefahren. Die Strecke hinauf bis hinter Foufouras. Reine Kontrolle, das machen wir alle paar Wochen. Markaris überlegte, ‹Hinter Foufouras führt eine Nebenstrecke nach Platania. Wir sind dorthin, weil angeblich die Schlaglöcher größer geworden sind. An der Straße, hinter einer engen Kurve, stand ein Autowrack. Eigentlich wollten wir uns das näher ansehen, aber dann kam ein Anruf rein. Ein Bienenzüchter und ein Ziegenhirte hatten Streit. Passiert immer öfter, seit die Regierung die Leute zwingt, Grundstücksgrenzen festzulegen. Seitdem gibt es überall diese hässlichen rostigen Zäune, und die Leute liegen sich in den Haaren. ›
Was mir an diesem Krimi gut gefallen hat, ist, dass Frank D. Müller die Mentalität der Inselbewohner gut transportiert, eine Gesellschaft, in der Familie, Brauchtum und Ehre alles bedeuten. Stolz und Tradition, niemals würde man mit Außenstehenden über dorfinterne Angelegenheiten reden. Man hält zusammen wie Pech uns Schwefel. Loyalität und familiärer Druck können aber auch belastend sein. Die Landschaft ist in diesem Kriminalroman sehr atmosphärisch dargestellt. Manolis und sein Team ermitteln fleißig, die örtlichen Polizisten sind faul, blockieren, sind korrupt – na ja, nicht ernsthaft glaubhaft. Insgesamt geht die Geschichte schleppend vor sich, es wiederholt sich viel und es gibt eine Menge Privates um den Kommissar und seine deutsche Freundin Hannah, deren Eltern gerade zu Besuch sind. Wegen des interessanten Themas und der guten gesellschaftlichen und kulinarischen Beschreibung ein bisschen viel für einen Krimi, und jede zweite Seite gibt es Frapé; griechische Namen, die im Nachgang übersetzt werden müssen) habe ich zu Ende gelesen – wirklich spannend war der Krimi nicht. Manchmal dachte ich, ich sei in einem guten Reiseführer gelandet. Sprachlich hatte ich eine Menge Augenrollen, auch hier konnt mich der Stil nicht begeistern – und es wimmelt von Ausdrucksfehlern. Beispiel gleich im 4. Satz: «Der Kopf des Mannes sackte zur Seite. Er schüttelte ihn.» Hier soll wohl der Mann geschüttelt werden – aber es wird der Kopf geschüttelt. Bis zum Ende reiht sich Fehler an Fehler, und ich frage mich dann immer, wer hier lektoriert hat? Eine Verlagspraktikantin? Zu viel «tell» statt «show», auch das hat mich gestört. Wie gesagt, man kann den Krimi gut lesen, wenn man sich für die Atmosphäre und Thematik interessiert, typische Bahnhofsliteratur.
Nikos Milonás alias Frank D. Müller hat sich bereits im Alter von 17 Jahren bei seiner ersten Kreta-Reise in die Mittelmeerinsel verliebt. Aus einem kühlen norddeutschen Sommer kommend, war er überwältigt, als er vom Schiff aus die Küste sehen konnte und der intensive Duft von wildem Thymian übers Meer zu ihm herüberwehte. Seither verbringt er so viel Zeit wie möglich auf Kreta und hat Land und Leute fest ins Herz geschlossen. In seinem deutschen Leben wohnt der gebürtige Hamburger in München, arbeitet als Regieassistent und Dokumentarfilmer und ist (Co-)Autor diverser TV-Sendungen (u.a. »München 7«).
Nikos Milonás Kretische Ehre
Michalis Charisteas Serie, Band 4
Krimi, Kriminalliteratur, Kriminalroman, Kreta, Griechenland
Taschenbuch, 384 Seiten
Scherz Verlag, S. Fischer Verlage, 2024

Krimis und Thriller
Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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