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Trauben schwarz wie Blut von Livia de Stefani - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Trauben schwarz wie Blut 


von Livia de Stefani


Der Anfang: 
Casimiro Badalamenti war dreißig Jahre alt, als er von Giardinello, seinem Geburtsort, nach Cinisi umzog. Der Weg war kurz, er legte ihn nachts auf dem Rücken eines Maultiers zurück, wobei er die Abkürzung nahm, die über den Bergkamm hinunter zum Meer führt und einen Teppich von Ginster hinter sich lässt.

Casimiro Badalamentis Vater und Bruder werden im ländliche Sizilien in einer heißen Julinacht 1920 aus Versehen von der Mafia umgebracht. Als Ausgleich erhält der Besitzer eines Weinbergs mit schwarzen Trauben – eine Rarität für die Gegend – die Erlaubnis, Weinstein zu sammeln und zu verkaufen. Und er erhält dafür auch Grundbesitz am Meer, er muss wegziehen, wird Untermieter bei Donna Concetta Malfamata, «einer verrufenen Frau», ein «Fleischblock aus Marmor» – von der er angezogen ist «wie eine Fliege vom Zucker». Der Kampf ums Überleben hat zu der Zeit Massen von Arbeitern und Bauern in die Emigration getrieben. Zurückgeblieben ist ein erstarrtes Land unter der Allmacht der Feudalbesitzer und der «ehrenwerten Gesellschaft», deren Teil Casimiro wird.


Der Sohn rebelliert


Nicola glühte vor Hass und Neid auf diesen Mann, der so viel stärker war als er. Er nannte sich Padre, er war sein Vater.

Und natürlich bleibt seine Liebschaft nicht ohne Folgen. Aber auf keinen Fall will Casimero Concetta heiraten. So bringt er heimlich alle seine Kinder sofort nach der Geburt bei Pflegeeltern unter. Jahre später ist er ein reicher Mann, er entscheidet er sich doch noch, Concetta zu heiraten, holt seine Kinder zurück, und die Familie zieht in seinen Heimatort in den Bergen. Der älteste Sohn Nicola wurde liebevoll von einem Paar aufgezogen, dass ihm Bildung gab, ihm die Schule bezahlen wollte. Nun arbeitet er für Casimiro auf dem Feld und hat eine Wut im Bauch. Weder Concetta noch Casimiro finden Zugang zu ihm. Das Drama nimmt ihren Lauf. 

 

Der Mann ist der Schuld des Fleisches von Anbeginn an weniger schuldig als die Frau.


Der Roman war bei seinem Erscheinen 1953 ein Scandal, weil er etwas ansprach, über das man nicht sprechen durfte: Die Mafia. Die wird auf der ersten Seite erwähnt, dann namentlich erst wieder weit am Ende, als Nicola mit den jungen Männern im Dorf abhängt, die «mit einem ererbten Riecher für die Bedeutung und den Einfluss der Männer, die die Leiter bilden, von der aus sich die geheime Macht der Mafia über den mittleren Westen Siziliens erhebt und ihren Schatten über ihn wirft.» Casimero gehört zur ehrenwerten Gesellschaft, kommt zu Reichtum und jeder Mensch im Dorf zollt ihm Respekt. Offiziell schabt er Weinstein und er besitzt die schwarzen Trauben – er ist oft unterwegs. Hier liegt viel Schwarzes zwischen den Zeilen. Casimero, der alles im Griff hat, dem jeder zu Füßen liegt, kann seinen Sohn nicht brechen. Patriarchat und Mafia sind letztendlich das Thema – Casimero, ein herzloser Charakter, ichbezogen, beinhart. Concetta, eine Prostituierte, die die Männer bedient, am Sonntag den Pfarrer, hat es mit Casimero gut getroffen, als sie seine Geliebte wird. Er versorgt sie gut. Sie hofft auf die Zeit, ihn fest an sich zu binden, sie, «die selbst in ihrer Seele seine Sklavin war». Es sind die patriachialen Strukturen, die gezeigt werden. Eine Frau, die ohne den Mann das Haus nicht verlassen darf, ein Patriarch, der brutal die Familie regiert.  Und es ist die Frau, die an allem Schuld ist. Es ist bald klar, dass diese Geschichte ein Drama ist. Atmosphärisch beschreibt Livia De Stefani die Landschaft, die Liebe Nicolas zu den duftenden Orangen, die als Gegenpol gegen die schwarzen Trauben stehen, «sie sind der Gegenzauber zum zerstörerischen Schwarz des Mannes und seiner Trauben». Die Liebe, die Nicola mit seinen Zieheltern weiter verbindet, kann der brutale Mafioso nicht brechen, schon gar nicht den Respekt seines Sohnes erhalten. Ein wundervoller Klassiker! Empfehlung!

Die uralte Pflicht, sich der Herrschaft des Mannes zu unterwerfen, die ihr im Blut lag.

Mit Livia De Stefani (1913, Palermo -1991, Rom) wird eine große sizilianische Schriftstellerin wiederentdeckt, die im männlich beherrschten Literaturbetrieb ins Aus gedrängt worden war. In Intellektuellenkreisen in Rom sehr geschätzt u.a. von Elsa Morante, Alba de Céspedes war sie noch jung auch Erbin eines großen Feudalbesitzes bei Alcamo/Sizilien; dort lernt sie die Mafia hautnah und in ihrem ursprünglichen Ambiente kennen. Mit ihrem ersten sehr erfolgreichen Roman Trauben schwarz wie Blut (1953 (Mondadori), 1975 (Rizzoli): Vorwort Carlo Levi; (Ü Klaudia Ruschkowski) schreibt eine Frau lange vor Leonardo Sciascia’s „Tag der Eule“ über die Mafia. Dabei ist ihre profunde Kenntnis der archaischen Machtstrukturen auch unter den Geschlechtern – die Familie –, ihre Beherrschung aller sizilianischen Sprachcodes und ihre höchst moderne Sichtweise der patriarchalen Gesellschaften allgemein hervorzuheben; daraus wurde in einer kristallklaren Sprache große Literatur. Ihr erzählerisches Werk wird auch in Italien erst jetzt voll gewürdigt. Sie war verheiratet mit dem Bildhauer Renato Signorini, mit dem sie drei Kinder hatte. Ihre Enkelinnen verwalten heute ihr Vermächtnis.



Livia de Stefani
Trauben schwarz wie Blut 
Originaltitel: La vigna di uve nere
Aus dem Italienischen übersetzt von Klaudia Ruschkowski 
Klassiker, Sizilien, Italienische Literatur
Hardcover, 256 Seiten
Edition Converso, 2025
Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman




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