Rezension
von Sabine Ibing
Replay
von Jordan Mechner
Die Familiengeschichte des «Prince of Persia»-Schöpfers als Comic: Drei Generationen geprägt von Verlust und Exil, 100 Jahre Familienhistorie zwischen Migration und Neuanfang, zwei Weltkriege prägen die Szenerie. In seiner spannenden und berührenden Graphic Novel schildert Jordan Mechner nicht nur die eigene Odyssee als Familienvater und Spieleentwickler, den es von den USA zurück nach Europa, nach Frankreich zieht. Er lässt auch die Stimmen seines Vaters und Großvaters zu Wort kommen, die als Juden während des Ersten und Zweiten Weltkriegs gemeinsam mit ihren Angehörigen die Heimat verlassen mussten und zwischen alle Fronten gerieten.
Der Kopf weiß ja, wie es ausgeht, trotzdem fiebert man in den gefährlichen Situationen mit. Die Geschichte läuft nicht chronologisch, sondern beginnt mit Jordan selbst, der gerade die Biografie seines Vater bearbeitet, der Jordan Mechner Familienfotos beifügt. Dabei rekonstruiert er Gespräche zwischen seinem Vater und dessen neuer Partnerin, die während der Scheidung von Mechners Eltern entstanden, die Familiengeschichte widerspiegeln. Der Großvater war Österreicher, die Familie wohnte in der Österreich-Ungarischen Monarchie nahe der russischen Grenze in Czernowitz.
Während der Kriegsgeschehen im Jahr 1914 flüchtete die Familie nach Wien. Bekanntlicherweise verkleinerte sich Österreich nach dem Krieg enorm und das Zuhause der Familie lag nun in Rumänien – heute gehört die Region zu Polen. So viel zum Heimatbegriff und Identität. Die jüdische Familie musste während der Nazizeit erneut fliehen, den Beginn machte Jordans Vater mit Sohn nach Paris. Der Vater auf dem Weg nach Kuba, ließ den Jungen bei Tante Lisa. Die Mutter folgte mit der Schwester; doch gelangte sie nicht mehr zum Sohn. Mutter und Tochter gelangten nach Kuba. Jordan reiste währenddessen mit Tante Lisa kreuz und quer durch Frankreich, und sie erleben eine unglaubliche Odyssee während sie auf eine Ausreisegenehmigung warteten. Immer wieder musten sie vor den Nazis fliehen – und immer wieder gab es Menschen, die ihnen weiterhalfen. Am Ende schmerzt es den Lesenden recht heftig, wenn man erfährt, dass fast alle diese Menschen, und auch die Verwandten der Melchers in irgendeinem KZ gelandet sind.
Mechner berichtet parallel seine eigene Geschichte, erzählt, wie er seine Computerspiele entwickelt, was schon eine eigene Historie ist. Er beschreibt das Scheitern seiner Ehe, denr Umzug nach Frankreich; man erlebt Zweifel, Rückschläge, Misserfolge, Erfolge, er gilt als Pionier des «cinematic gaming». Fortlaufend wechselt die Geschichte zwischen den drei Zeitebenen der drei Personen. Das ist einerseits locker erzählt; doch an machen Stellen ist es recht dramatisch. Eine wahre Familiengeschichte, begleitet von Krieg und Verfolgung.
Und es sind die kleinen persönlichen Geschichten mittendrin, die den Zauber ausmachen. Die Visa zur Ausreise für Adolf Melchner und seiner Frau gibt es für zwei verstaubte Aquarelle, die ein Onkel irgendwann gekauft hatte, die vergessen im Keller standen. Sie stammen vom Maler Adolf Hitler, waren plötzlich heißbegehrt; und die gab es im Tausch für die Dokumente. Auf dem Schiff, mit dem Lisa und Jordan fahren wollten (der kranke Jordan durfte nicht mitreisen, sie mussten das nächste Schiff nehmen), brach eine Cholera-Seuche aus ... Die kleinen Zufälle, die Leben retteten, machen das Ganze sehr emotional – zumal es eine wahre Geschichte ist. Zeichnerisch ist die Geschichte in Schwarz-Weiß-Grau gehalten. Einige Panels sind in zarten Farben hinterlegt, um etwas hervorzuheben oder einen Wechsel anzuzeigen. Ein typischer Comicstil, der zeichnerisch ins Detail geht. Ein Comic, den ich empfehlen möchte, weil er komplex ist, historisch zwei Weltkriege beleuchtet, Flucht und Vertreibung, die Judenvertreibung, die Shoa und in der nahen Vergangenheit die Game-Design-Literatur nahe bringt. Die Fluchtgeschichte von Adolf und Lisa ist spannend und bewegend. Rundum eine hervorragende Graphic Novel!
Jordan Mechner ist Autor, Graphic-Novel-Autor, Spieldesigner und Drehbuchautor. Er entwickelte 1989 das Videospiel »Prince of Persia«, und schrieb das erste Drehbuch für die Disney-Verfilmung »Prince of Persia: The Sands of Time« (2010). Zu seinen weiteren Spielen gehören »Karateka« und »The Last Express«. Im Jahr 2017 erhielt er den Pioneer Award der International Game Developers Association. Zu Jordans Graphic Novels gehören der New-York-Times-Bestseller »Templar« (von First Second, mit LeUyen Pham und Alex Puvilland), »Monte Cristo« (Mario Alberti) und »Liberty« (Etienne LeRoux).
Replay
Erinnerungen einer entwurzelten Familie
Übersetzer Lucia Engelbrecht
Graphic Novel, Historische Literatur, Game-Design-Literatur ,Flucht und Vertreibung, Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg
320 Seiten
Vermes-Verlag, 2025
Literatur zum Thema Judenvernichtung / NS-Regime, 2. Weltkrieg, Nachkriegszeit
Erst im Jahr 2005 führten die Vereinten Nationen den 27. Januar als Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust ein.
In diesem Artikel findet ihr Literaturtipps zum Thema.
Weiter zum Blogartikel: Gedenktag zur Befreiung des Vernichtungs- und Zwangsarbeitslager Auschwitz
Historische Romane und Sachbücher
Im Prinzip bin ich an aller historischer Literatur interessiert. Manche Leute behaupten ja, historisch seien Bücher erst ab Mittelalter. Historisch - das Wort besagt es ja: alles ab gestern - aber nur was von historischem Wert ist. Was findet ihr bei mir nicht? Schmonzetten in mittelalterlichen Gewändern. Das mag ganz nett sein, hat für mich jedoch keine historische Relevanz. Hier gibt es Romane und Sachbücher mit echtem historischen Hintergrund.Historische Romane
Graphic Novel, Comic, Grafisches
Für die Fans von Comis / Graphic Novels und sonstigem Gezeichneten, wie Satire. Hier auf dieser Seite zusammengefasst. Alle Altersgruppen. Graphic Novel, Comic, Grafisches







Kommentare
Kommentar veröffentlichen