Rezension
von Sabine Ibing
Mo & Moritz
von Julya Rabinowich
Die Melonen seiner Mutter schmeckten wie knackende Zuckerstückchen, reif, krachend beim Beißen, mit einer solchen fruchtigen Süße, dass man kein Eis mehr brauchte. Zu Hause tröpfelte sie Zitronensaft über die gekühlten dreieckigen Scheiben und streute gehackte Minze dazu, und das alles roch so gut, dass Mo sich einmal geschworen hatte, einen Duft zu erfinden, der genau so roch. Ein Geruch nach der Erinnerung schönster Hitzetage. Dann hatte er den Fehler gemacht, diese Idee mit seinem Bruder zu teilen. ‹Und die Fliegen, die du dann anziehst? Ernsthaft jetzt, wer sich einduftet, ist ein Stinktier!›
Mo stammt aus einer Familie mit muslimischen Wurzeln – so ganz genau wird die Herkunft bis zum Ende nicht geklärt. Als er eine Friseurlehre in einem Wiener Nobelsalon beginnt, taucht er in eine glamouröse Welt ein, die ihm völlig fremd ist. Und weil er sich geschickt anstellt, nimmt ihn der Chef mit zum Wiener Opernball, den Debütanten die Haare zu frisieren, zwischendurch in Ordnung zu bringen. Dort verliebt er sich in Moritz – ausgerechnet in einen Jungen aus einer jüdischen Familie. Mo schwebt auf Wolke sieben - und bekommt gleichzeitig kalte Füße: Was, wenn seine Familie davon erfährt? Wird er jemals zu Moritz und seiner Liebe stehen können?
Zu wenig Tiefe
... hatte dem Assistenten zugesehen, wie er Farbmischungen zusammenrührte mit dem Gesicht eines inspirierten Malerfürsten, bewundert, wie sich die Farben dann auf den Köpfen veränderten, erst ein klebriger Helm von entsetzlichem Orange, abgewaschen dann ein zarter Kupferton mit Goldschimmer, der die Haut der Kundin sofort zum Strahlen brachte, innerlich wie äußerlich. Mo liebte diese Transformationen, er brannte darauf, auch so ein Zaubermeister zu werden, der in ein, zwei Stunden eine völlig neue Erscheinung hervorbringen konnte, bei jedem Menschen, der den Salon betrat, auch bei den Unscheinbarsten.
Grundsätzlich finde ich das Buch gut in der Idee, aber diesmal hat sich Julya Rabinowich meines Erachtens ein wenig zu viel auf einmal vorgenommen. Ein schwuler muslimischer Jugendlicher ist an sich schon ein riesiger Konflikt. Für diese Familie ein no go. Der weitere Konflikt: ein Muslim und und ein Jude! Zwei Sippen, die sich am liebsten gegenseitig umbringen würden. Als Sahnehäubchen, ein Bruder, der in den IS (oder ähnliches – es wird nicht genau beschrieben) abrutscht. So gern, wie ich die Autorin lese, das war unglaubwürdig und von der Atmosphäre nicht dicht genug, da es ja viertens auch noch um die Schickeria von Wien geht. Auf allen vier Ebenen schrammt sie an der Oberfläche entlang, nirgends geht sie tief hinein. Und genau das hat dem Buch gefehlt.
Innerfamiliäre Konflikte fehlen
Aber das Gefühl wurde weniger. Und weniger. Eine kleine Stelle in seinem Herzen blutete wie die Fersenwunden, ohne dass die Zeit sich als heilende Haut darüberlegte. Die Hoffnung war schöner gewesen als dieses Verlöschen. Aber das Verlöschen war beruhigender, befand Mo. Wenn etwas verlosch, musste er sich vielleicht nicht weiter damit auseinandersetzen. Auch nicht mit diesem Grau der Augen, diesem frechen Lächeln, diesen Händen, die ... ach verdammt. Nicht auseinandersetzen. Einfach nicht auseinandersetzen.
Das kann man natürlich einfach regeln in so einem dünnen Buch: Die Jungen suchen sich eine Wohnung, ziehen ihr Ding durch, lassen die Familie hinter sich, verraten den Bruder, die Polizei dankt. Zunächst hat mir der Jugendroman sehr gut gefallen, fein literarisch, wie immer, atmosphärisch den Schickeria-Friseur beschrieben. Da ist die Autorin in ihrem Element. Wenn es dann an das Entdecken der eigenen Sexualität geht – Mo verliebt sich in Moritz und ihm wird klar, er steht auf Jungs, da wird es flach. Das Verliebtheitsgefühl wird noch gut beschrieben, doch mit der inneren Zerrissenheit kommt sie nicht klar, auch nicht mit den muslimischen Konflikten, mit dem innerfamiliären Streit. Da kennt sie sich nicht aus, kommt nicht in die Figur hinein. Und darum beginnt die Liebesgeschichte erst in der hinteren Mitte und bekommt nicht so richtig Fahrt. Mo verheimlicht das vor der Familie – genau das bringt die Geschichte nicht weiter.
Der politische Konflikt der religiösen Identitäten wird nur kurz angerissen
Eigentlich wollte er nie mehr damit aufhören. Jeder dieser Küsse war ein weiterer Knoten im Leintuch, an dem er, Mo, sich aus dem Turm abseilte, in dem et so verdammt lange eingesperrt gewesen war. Moritz legte seine Arme um ihn, und er hörte ihre Herzen aneinanderschlagen, Rippen an Rippen, darüber warme Haut auf warmer Haut. ›Wir beide›, flüsterte er. ‹Wir beide gegen das Schweigen. Wir beide gegen den Rest der Welt›, flüsterte Moritz.
Der Muslim und der Jude – Romeo und Julia wird von einigen behauptet. Nur wird hier nicht wirklich ein Konflikt beschrieben. Romeo und Julia, Westside-Story und wie sie alle heißen – da geht es rund mit Straßenkampf, Betrug, Lüge, Hinterhalt, Verrat, offene Messer – hier aber wird es nebenbei erwähnt, in der Familie wird gegen Juden gehetzt – aber es weiß ja niemand von der Beziehung, die Mo heimlich führt – der innerfamiliäre Konflikt fehlt auf allen Ebenen. Der Knaller im wörtlichen Sinn ist dann Mos Bruder - an der Stelle habe ich mich ausgeklinkt. Obendrauf sei zu erwähnen: Arm trifft auf reich und ultrakonventionell auf hippe Ökos und der geplante Anschlag auf von Taylor Swift wird auch noch eingebaut. – Die Autorin hat voll in die Schubladen gegriffen und alle Konflikte, die es geben könnte in einen Topf geschmissen, mit Kitsch und Klischee gewürzt, herumgerührt. Das gibt einen faden Eintopf auf 220 Seiten zu einer Coming-of-Age-Geschichte ohne Tiefe der Figuren, unglaubwürdig auf Gund der Masse an Zufall – erstaunlich, was hier alles zusammentrifft. Die Nebenfiguren, teils wichtig, sitzen auf Drohnen, fliegen ein und verlassen ziemlich schnell das Szenario auf nimmer Wiedersehen. Der politische Konflikt der religiösen Identitäten wird kurz anerzählt – und bleibt als wichtiger Stoff schlicht unerzählt. Und Autsch, ich will lieber nicht auf die Kundschaft im Friseursalon eingehen – das ist schon fast satirereif – fremdschämen für die Schickeria.
Zu viel gewollt
Das ist Stoff für 4-5 dicke Bücher, der hier in einem schmalen Band zusammengezwängt wird. Julya Rabinowich kann schreiben und erzählen und das zeigt sie auch an vielen Stellen in dem Buch – und ich lese sie gerne. Man merkt genau, wo sie sich auskennt, dort schreibt sie gut und atmosphärisch. Nichts wird in diesem Buch ausgeleuchtet, schon gar nicht werden Widersprüche aufgedeckt; die Geschichte läuft rund wie ein ausgewuchteter Autoreifen. Eigentlich müsste es krachen, dass die Wände wackeln. Weniger ist oft mehr. Und wenn man in der Materie nicht drinsteckt, sich nicht einfühlt, bekommt man das Gefühl für den Stoff nicht. Jeder darf mal danebengreifen. Ein klasse Autorin, die es mit diesem Jugendroman nicht gewuppt hat.
Julya Rabinowich, geboren 1970 in St. Petersburg, lebt seit 1977 in Wien, wo sie auch studierte. Autorin (zahlreiche Theaterstücke), Malerin und Simultandolmetscherin. Im Standard erscheint wöchentlich ihre Kolumne «Geschüttelt, nicht gerührt». Für ihren Debütroman «Spaltkopf» erhielt sie 2008 den Rauriser Literaturpreis (2009).
Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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