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Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter von Wolfgang Schorlau - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter 


von Wolfgang Schorlau


Seine Augen blieben dabei kalt wie die einer Klapperschlange. ‹Julian, ich möchte nicht mit Ihnen über eine Anweisung diskutieren müssen - und zwar niemals.
‹ Okay.› Es klang gedehnt. 
Stein notierte etwas. ‹Wenn ich morgens komme, stehen Sie an der geöffneten Fahrstuhltür. Ich gehe hinein, und wir fahren hoch. Ich stehe nie wieder vor dem Fahrstuhl und warte.
‹Okay.› Es klang noch gedehnter. 
‹Gut.›


Die Gasbranche lässt die Korken knallen. Einer von ihnen soll zum Minister ernannt werden! Besser könnte es nicht laufen. Und sein Sekretär bekommt gleich zu spüren, welch eine Atmosphäre nun im Ministerium herrscht. Karsten Richter hat die Aufgabe, das ganze Grüngeschwafel zur Klimakatastrophe wegzuwischen und die Gesetze abzuschaffen, die die Gasbranche hindern, weiterhin dicke Geschäfte zu machen. Dummerweise berichtet er seiner Mutter davon, was er vorhat. Anstatt stolz auf ihren Sohn zu sein, geht die grüne Aktivistin auf die Barrikaden. Hier geht es um die Rettung des Klimas, der Erde. Sie beraumt eine Pressekonferenz ein und will veröffentlichen, welche Schweinereien ihr Sohn plant.


Der Minister ist plötzlich in der Wirklichkeit angekommen


Weiß der Teufel, was ihn ritt. Er flüsterte: ‹Mama, eine meiner ersten Maßnahmen wird es sein, neue Gaskraftwerke zu bauen. Viele. Bis die Genehmigungsverfahren durch sind, wird es dauern. Dazu kommen die Bauzeit und die aufwendige Inbetriebnahme. 2045 werden diese Kraftwerke immer noch neu sein. Niemand wird es wagen, sie abzuschalten.› Er lehnte sich zurück. ‹Mama, vergiss 2045, vergiss Klimaneutralität. Vergiss die Energiewende. Es wird alles anders kommen.› Er stand auf, zog sie hoch und umarmte sie. ‹Mama, deine Pressekonferenz ist sinnlos und wirkungslos.› Er beugte sich zu ihr herab, bis ihre Augen auf gleicher Höhe waren. ‹Sag sie ab.›


Doch seine Mutter denkt nicht daran, ihren Mund zu halten, nennt ihn überall: «Mein Sohn Karsten – die Ökosau!» Man schenkt ihr viel Gehör. Und dann will sie auch noch eine große Pressekonferenz geben. Der Kanzler ist alarmiert, Richter versucht, die Situation zu retten, da erhält er einen Anruf: Seine Mutter wurde entführt! Die beste Nachricht seit Tagen. Er beschließt, auf Zeit zu spielen … Die Entführer drohen damit, die Mutter umzubringen, scheinen aber nicht die hellsten Jungs zu sein. So versucht Richter, mit ihnen zu spielen. Doch dann ist der Minister plötzlich in der Wirklichkeit angekommen. So einfach funktioniert die Politik eben nicht. Man kann nicht einfach eine Entscheidung fällen und zack ist sie durch. Eine Menge Leute wollen mitreden.


Eine erschreckend reale Satire


... Bährle (aus dem Hörer, leicht hallend): ‹Ich weiß, Karsten. Die Energieleute sind gerade bei dir. Sie wollen, dass du die Einspeisevergütung killst. 
‹Nun ja, das habe ich ihnen gerade schon zugesagt.›
‹Überleg dir das gut. Wir haben bei uns auch Solar auf den Dächern. Nicht wenig. Wir speisen 80 Prozent unserer Dachfläche ein. Diese Einnahmen sind für uns keine Nebeneinkünfte. Sie stabilisieren unsere Produktionskosten - und damit Arbeitsplätze. Weißt du eigentlich, wie viele mittelständische Unternehmen mittlerweile Solaranlagen auf ihren Dächern haben? Du bekommst riesigen Ärger, wenn du denen die Vergütung streichst.› Seine Stimme bekam einen drohenden Unterton. ‹Mach keinen Fehler an deinem ersten Tag.›

Eine politische Satire aus der Hand von Wolfgang Schorle, der für seine exzellenten politischen Krimis bekannt ist. Der aalglatte Gas-Karsten als Wirtschaftsminister - ein Schelm, wer Böses denkt – reale Personen im Kopf hat. Und der Krimiautor dringt in der amüsanten Entführung durch. Ein gesellschaftskritischer Roman, der erschreckend real ist. Politiker, die für die eigenen Taschen arbeiten, Lobbyismus und Machtstreben geben sich die Hand. Hier geht es nicht darum, das zu tun, was für das Land gut ist, sondern darum, sich selbst zu inszenieren, sich und seinen Freunden Macht und Geld zu sichern. Ein ideales Spielfeld für Narzissten. Dialoge, die überzeichnet sind, aber gekonnt, so das der Leser amüsiert liest – gleichzeitig mit Schrecken realisiert, wie wirklichkeitsnah die Satire ist. Karsten Richter würde für die eigene Eitelkeit über Leichen gehen. Auch über die seiner Mutter?


‹Nur schwache Ministe›, sagte Mümmelmann und legte die Hände gefaltet auf den Tisch, ‹versuchen, gegen ihr eigenes Haus zu regieren. Ein Ministerium ist keine Armee, die man kommandiert. Es ist ein Organismus. Und wer gegen ihn kämpft, verliert. Immer› 
Richter zwang sich zu einem knappen Lächeln. ‹Ich weiß nicht, was Sie meinen.›


Wolfgang Schorlau und Georg Dengler wohnen in derselben Stadt, in Stuttgart. Dengler arbeitet als Privatermittler in der schwäbischen Metropole und ist die bekannteste Kreation des Autors Schorlau. Mit ihm als Held hat Schorlau mehrere Politthriller verfasst, u. a. „Das München-Komplott“ und „Dunkles Schweigen“, für das er 2006 den „Deutschen Krimipreis“ erhielt. Von deutschen Soldaten in Afghanistan bis zum Attentat auf das Münchner Oktoberfest 1980 reicht das Themenspektrum in Schorlaus Krimis. Doch es führt auch über das Genre hinaus: Schorlau veröffentlichte neben einem Roman über Istanbul auch eine Biografie über den Jazzmusiker Wolfgang Dauner.




Wolfgang Schorlau 
Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter
Satire, Zeitgenössische Literatur 
Hardcover, 160 Seiten 
Kiepenheuer&Witsch, 2026

Das München-Komplott von Wolfgang Schorlau

Georg Dengler, ehemals Zielfahnder, arbeitet heute als Privatermittler. Das Bundeskriminalamt bittet ihn um Mithilfe: Er soll die Akten der damaligen Sonderkommission Theresienwiese über den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 prüfen, schauen, ob etwas übersehen wurde. Dengler denkt, es sei ein leichter Auftrag, doch schon bald entdeckt er die ersten Widersprüche. Warum wurde in dem Abschlussbericht der Sonderkommission behauptet, es handele sich bei dem Attentäter um einen Einzelgänger, während mehrere Zeugen eine weitere Person gesehen haben? Fiktiv – doch sehr realistisch ... was ist damals wirklich geschehen? Ein spannender Thriller, deutsche Geschichte, ein Politkrimi der Extraklasse! 



Kreuzberg Blues von Wolfgang Schorlau

Ein sehr feiner Krimi, der ein aktuelles politisches, gesellschaftliches Thema besetzt, ein kompakter Krimi-Plot um Gentrifizierung, temporeich erzählt. Der Stuttgarter Privatdetektiv Georg Dengler lässt sich von seiner Freundin Olga überreden, in Berlin zu ermitteln. Ihre Freundin Silke bat um Hilfe – denn ihre kleine Tochter Lena wurde von einer Ratte gebissen. Mieter, die sich zur Wehr setzen. Kreuzberg, Plattenbauten, schicke Townhouses, die türkische Community und der Schwarze Block Tür an Tür. Genau hier will Bauunternehmer Kröger seine zwei Häuser «entmieten», den Kindergarten abreißen und ein neues Townhouse bauen. Klasse geschrieben, gute Dialoge, Konstruktion nach Drehbuchschnitt, fein recherchiert bis ins Detail. Ein gut aufgebauter Plot, stimmig, Charaktere auf den Punkt gebracht, ein politischer Krimi der Extraklasse.

Weiter zur Rezension:   Kreuzberg Blues von Wolfgang Schorlau


Der freie Hund von Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo

Antonio Morello erwacht von den Kirchenglocken in Venedig – nicht wie gewohnt in Cefalú. Sein erster Tag in Venedig. Sie hatten ihn versetzt, weil er auf Sizilien auf der Todesliste der Mafia steht, man um sein Leben bangte. Er hatte Mafiabosse und Politiker hinter Gitter gebracht. Hier in Venedig ist er sicher. Aber was will er hier? Ein Süditaliener soll ein Kommissariat in der Touristenstadt im Veneto führen, schlimmer kann es nicht kommen. Auf seinem Weg zur Arbeitsstelle, kann er Venedig entdecken, vorbei an Touristenattraktionen, beobachtet er eine Demo gegen die Kreuzfahrtschiffe, erwischt einen Taschendieb bei der Arbeit und nimmt die Verfolgung auf. Wolfgang Schorlau kann es 10 Mal besser – Aber wer auf einen seichten Krimi mit viel touristischer Venedigliebe steht, einen Reiseführer für Venedig, der ist gut bedient. Mir war es zu wenig Krimi.


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman






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