Rezension
von Sabine Ibing
Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter
von Wolfgang Schorlau
Seine Augen blieben dabei kalt wie die einer Klapperschlange. ‹Julian, ich möchte nicht mit Ihnen über eine Anweisung diskutieren müssen - und zwar niemals.‹ Okay.› Es klang gedehnt.Stein notierte etwas. ‹Wenn ich morgens komme, stehen Sie an der geöffneten Fahrstuhltür. Ich gehe hinein, und wir fahren hoch. Ich stehe nie wieder vor dem Fahrstuhl und warte.‹Okay.› Es klang noch gedehnter. ‹Gut.›
Der Minister ist plötzlich in der Wirklichkeit angekommen
Weiß der Teufel, was ihn ritt. Er flüsterte: ‹Mama, eine meiner ersten Maßnahmen wird es sein, neue Gaskraftwerke zu bauen. Viele. Bis die Genehmigungsverfahren durch sind, wird es dauern. Dazu kommen die Bauzeit und die aufwendige Inbetriebnahme. 2045 werden diese Kraftwerke immer noch neu sein. Niemand wird es wagen, sie abzuschalten.› Er lehnte sich zurück. ‹Mama, vergiss 2045, vergiss Klimaneutralität. Vergiss die Energiewende. Es wird alles anders kommen.› Er stand auf, zog sie hoch und umarmte sie. ‹Mama, deine Pressekonferenz ist sinnlos und wirkungslos.› Er beugte sich zu ihr herab, bis ihre Augen auf gleicher Höhe waren. ‹Sag sie ab.›
Eine erschreckend reale Satire
... Bährle (aus dem Hörer, leicht hallend): ‹Ich weiß, Karsten. Die Energieleute sind gerade bei dir. Sie wollen, dass du die Einspeisevergütung killst.‹Nun ja, das habe ich ihnen gerade schon zugesagt.›‹Überleg dir das gut. Wir haben bei uns auch Solar auf den Dächern. Nicht wenig. Wir speisen 80 Prozent unserer Dachfläche ein. Diese Einnahmen sind für uns keine Nebeneinkünfte. Sie stabilisieren unsere Produktionskosten - und damit Arbeitsplätze. Weißt du eigentlich, wie viele mittelständische Unternehmen mittlerweile Solaranlagen auf ihren Dächern haben? Du bekommst riesigen Ärger, wenn du denen die Vergütung streichst.› Seine Stimme bekam einen drohenden Unterton. ‹Mach keinen Fehler an deinem ersten Tag.›
‹Nur schwache Ministe›, sagte Mümmelmann und legte die Hände gefaltet auf den Tisch, ‹versuchen, gegen ihr eigenes Haus zu regieren. Ein Ministerium ist keine Armee, die man kommandiert. Es ist ein Organismus. Und wer gegen ihn kämpft, verliert. Immer›Richter zwang sich zu einem knappen Lächeln. ‹Ich weiß nicht, was Sie meinen.›
Wolfgang Schorlau Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter
Satire, Zeitgenössische Literatur
Hardcover, 160 Seiten
Kiepenheuer&Witsch, 2026
Das München-Komplott von Wolfgang Schorlau
Georg Dengler, ehemals Zielfahnder, arbeitet heute als Privatermittler. Das Bundeskriminalamt bittet ihn um Mithilfe: Er soll die Akten der damaligen Sonderkommission Theresienwiese über den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 prüfen, schauen, ob etwas übersehen wurde. Dengler denkt, es sei ein leichter Auftrag, doch schon bald entdeckt er die ersten Widersprüche. Warum wurde in dem Abschlussbericht der Sonderkommission behauptet, es handele sich bei dem Attentäter um einen Einzelgänger, während mehrere Zeugen eine weitere Person gesehen haben? Fiktiv – doch sehr realistisch ... was ist damals wirklich geschehen? Ein spannender Thriller, deutsche Geschichte, ein Politkrimi der Extraklasse!
Kreuzberg Blues von Wolfgang Schorlau
Ein sehr feiner Krimi, der ein aktuelles politisches, gesellschaftliches Thema besetzt, ein kompakter Krimi-Plot um Gentrifizierung, temporeich erzählt. Der Stuttgarter Privatdetektiv Georg Dengler lässt sich von seiner Freundin Olga überreden, in Berlin zu ermitteln. Ihre Freundin Silke bat um Hilfe – denn ihre kleine Tochter Lena wurde von einer Ratte gebissen. Mieter, die sich zur Wehr setzen. Kreuzberg, Plattenbauten, schicke Townhouses, die türkische Community und der Schwarze Block Tür an Tür. Genau hier will Bauunternehmer Kröger seine zwei Häuser «entmieten», den Kindergarten abreißen und ein neues Townhouse bauen. Klasse geschrieben, gute Dialoge, Konstruktion nach Drehbuchschnitt, fein recherchiert bis ins Detail. Ein gut aufgebauter Plot, stimmig, Charaktere auf den Punkt gebracht, ein politischer Krimi der Extraklasse.Weiter zur Rezension: Kreuzberg Blues von Wolfgang Schorlau
Der freie Hund von Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo
Antonio Morello erwacht von den Kirchenglocken in Venedig – nicht wie gewohnt in Cefalú. Sein erster Tag in Venedig. Sie hatten ihn versetzt, weil er auf Sizilien auf der Todesliste der Mafia steht, man um sein Leben bangte. Er hatte Mafiabosse und Politiker hinter Gitter gebracht. Hier in Venedig ist er sicher. Aber was will er hier? Ein Süditaliener soll ein Kommissariat in der Touristenstadt im Veneto führen, schlimmer kann es nicht kommen. Auf seinem Weg zur Arbeitsstelle, kann er Venedig entdecken, vorbei an Touristenattraktionen, beobachtet er eine Demo gegen die Kreuzfahrtschiffe, erwischt einen Taschendieb bei der Arbeit und nimmt die Verfolgung auf. Wolfgang Schorlau kann es 10 Mal besser – Aber wer auf einen seichten Krimi mit viel touristischer Venedigliebe steht, einen Reiseführer für Venedig, der ist gut bedient. Mir war es zu wenig Krimi.
Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman
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