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Kreuzberg Blues – Denglers zehnter Fall von Wolfgang Schorlau - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Kreuzberg Blues – Denglers zehnter Fall  


von Wolfgang Schorlau

Gesprochen von: Frank Arnold
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 11 Std. und 54 Min.


Der Anfang: 

Nachts,  wenn  er  nicht  gerade  die  Oranienstraße  raufläuft  oder  am Kotti abhängt, ist Kreuzberg für ihn auch nur ein Kaff. Und in Kreuzberg kennt Matze sich aus.

Auch nachts.

Vor allem nachts.


Ein sehr feiner Krimi, der ein aktuelles politisches, gesellschaftliches Thema besetzt, ein kompakter Krimi-Plot um Gentrifizierung, temporeich erzählt. Der Stuttgarter Privatdetektiv Georg Dengler lässt sich von seiner Freundin Olga überreden, in Berlin zu ermitteln. Ihre Freundin Silke bat um Hilfe – denn ihre kleine Tochter Lena wurde von einer Ratte gebissen. Nur wie gelangte das Tier in die Wohnung? Im Treppenhaus wimmelt es plötzlich von Ratten. Klar, die Mieter dort müssen weichen, denn diese zwei Häuser sollen saniert werden und dann Besserverdienende vermietet werden. Die Mieter allerdings setzen sich zur Wehr. Kreuzberg, Plattenbauten, schicke Townhouses, die türkische Community und der Schwarze Block Tür an Tür. Genau hier will Bauunternehmer Kröger seine zwei Häuser «entmieten», den Kindergarten abreißen und ein neues Townhouse bauen. Dengler soll nun beweisen, dass der Vermieter die Raten hat aussetzen lassen. Irgendetwas stimmt mit diesen Ratten nicht! Olga recherchiert. Kröger streitet alles ab. Im Gegenteil, er gibt Dengler den Auftrag, für ihn zu arbeiten. Wegen der schlechten Presse will er selbst wissen, wer dahintersteckt, sagt er. Oder will er den Privatdetektiv instrumentalisieren? Dengler schlägt ein. Olga ist entsetzt! Dengler arbeitet für Dengler, also für die Gerechtigkeit. Wer immer das war, er wird es herausbekommen, auch wenn dabei sein Auftraggeber über die Klinge springen muss. Zumindest ist die Ermittlung finanziert. 


Wenn ich Krögers Angebot annehme und für ihn arbeite, bleibe ich in seiner Nähe. Ich habe Gelegenheit, ihm in die Karten zu schauen und herauszufinden, ob er für die Attacke auf die kleine Lena verantwortlich ist - oder nicht.


Schnell kommt Dengler dahinter, dass die Sache sich wesentlich komplexer gestaltet, als es den Anschein hat. Neben der Kröger Immobilien AG, scheint die Konkurrenz, die «Deutsche Eigentum», nicht zu schlafen, die seitens der amerikanischen Investoren, dem «Kapitalfonds Blackhill» unter Druck gesetzt wird: Rendite, Rendite ... Was haben die mit dem Fall zu tun? Im Verborgenen agiert die Organisation Fuhrmann, die völlig andere Interessen im Sinn hat. 


Das heißt, es ist die öffentliche Hand, die die Wohnungen verschleudert hat. Nicht an die Leute die dort wohnen, sondern an Hedgefonds, die jetzt so viel aus den Wohnungen rauspressen wie sie können.


Wolfgang Schorlau flechtet in einen spannenden Krimi Fakten hinein. Seit 2008 sind die Mieten «in Hamburg 49 Prozent, in Köln 30 Prozent, in Frankfurt 42 Prozent, in Stuttgart 38 Prozent, in München 61 Prozent - und in Berlin um sagenhafte 104 Prozent» gestiegen. Die Zusammenhänge der Mietsteigerung wird nebenbei erklärt, das Für und Wider eines Mietendeckels oder einer Enteignung durch den Staat diskutiert. Kluge Gedanken zum Kapitalismus fließen ein. Beauftragte Kriminelle, die Mieter verschrecken sollen, eine rechte Gruppe, die eine linke Politik verhindern will, temporeich schreitet der Krimi voran. Olga ermittelt wieder auf ihre eigene Weise und Dengler landet das ein oder andere Mal in der Sackgasse. Die ersten Corona-Meldungen fließen ein – irgendwas da in China, das immer näher rückt, bis es ankommt. Ein strukturierten, spannender Krimi. An manchen Stellen wäre weniger mehr gewesen. Gentrifizierung ist ein allumfassendes Thema – warum also zusätzlich die rechte Szene, Impfgegner usw. oben draufpacken? Die Namen und Beschreibungen von Personen sind plakativ – erfunden – aber man weiß ziemlich genau, wer sich in der Realität dahinter versteckt; bei «Kapitalfond Blackhill» usw. klingelt es, auch bei mancher Personenbeschreibung. Realität – das macht den Krimi schaurig. Eine Menge Humor ist beigefügt als Sahnehäubchen. Klasse geschrieben, gute Dialoge, Konstruktion nach Drehbuchschnitt, fein recherchiert bis ins Detail. Ein gut aufgebauter Plot, stimmig, Charaktere auf den Punkt gebracht. Ein politischer Krimi der Extraklasse, auch wenn das Ganze an manchen Stellen etwas überladen wirkt. Kapitalgesellschaften haben sich festgebissen am deutschen Wohnungsmarkt und unterwandern die Mietpreise durch Gentrifizierung. Was könnte der Ausweg sein? Ein paar gute Überlegungen werden Dengler hier präsentiert. Allerdings zum Ende hin hätte sich Wolfgang Schorlau die ein oder andere Ausschweifung sparen können - schlicht zu viel Sachinformation für einen Krimi. Weniger wäre mehr gewesen, trotzdem interessante Gedanken.


Wolfgang Schorlau lebt und arbeitet als freier Autor in Stuttgart. Neben den zehn Dengler-Krimis »Die blaue Liste«, »Das dunkle Schweigen«, »Fremde Wasser«, »Brennende Kälte«, »Das München-Komplott«, »Die letzte Flucht«, »Am zwölften Tag«, »Die schützende Hand«, »Der große Plan« und »Kreuzberg Blues« hat er die Romane »Sommer am Bosporus« und »Rebellen« veröffentlicht. 2006 wurde er mit dem Deutschen Krimipreis, 2012 und 2014 mit dem Stuttgarter Krimipreis sowie 2019 mit dem Stuttgarter Ebner Stolz Wirtschaftskrimipreis ausgezeichnet.



Wolfgang Schorlau
Kreuzberg Blues – Denglers zehnter Fall
Gesprochen von: Frank Arnold
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 11 Std. und 54 Min.
Krimi, Entmietung, Gentrifizierung
Audible, Argon Verlag, 2020
Hardcover, 416 Seiten
Verlag Kiepenheuer&Witsch, 2020



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Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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