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Der Fall von Albert Camus - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Der Fall von Albert Camus

Gesprochen von Ulrich Matthes
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 3 Std. und 45 Min.


Ich hatte natürlich Prinzipien, zum Beispiel, dass die Frau eines Freundes heilig sei. Nur hörte ich, in aller Ehrlichkeit, wohlgemerkt, ein paar Tage vorher auf, Freundschaft für den Ehemann zu hegen.

Ein Klassiker, ein Monlog – ein Anwalt erzählt zunächst, wie beliebt er war, wie großzügig, mit welcher Höflichkeit er die Menschen behandelte – ein edles Wesen. Und dann demontiert er sich selbst. Ein Mann, der mit sich selbst abrechnet, mit sich und der Gesellschaft. Lüge und Selbstbetrug begleiten uns täglich. Was ist wahr und was ist Lüge? «Der vielleicht schönste und am wenigsten verstandene seiner Romane» (Jean-Paul Sartre). Die Beichte eines ehemals angesehenen Menschen, über sein Geschwätz, seinen Egoismus, seine Selbstgerechtigkeit. 

Sie verstehen nicht, was ich meine? Ich muss bekennen, dass ich sehr müde bin. Ich verliere den Faden meiner Rede, mein Geist besitzt jene Klarheit nicht mehr, die meine Freunde so hoch zu rühmen liebten. Meine Freunde sage ich übrigens dem Grundsatz zuliebe. Ich habe keine Freunde mehr, ich habe nur noch Komplicen. Dafür hat ihre Zahl zugenommen, sie umfasst das ganze Geschlecht der Menschen. Und unter den Menschen kommen Sie an erster Stelle. Der just Anwesende kommt immer an erster Stelle.

Im Amsterdamer Hafenviertel legt Jean-Baptiste Clamence, eine atemberaubende Beichte ab: Selbstgefälligkeit und Opportunismus seien die eigentlichen Triebfedern seines Rechtsbewusstseins gewesen. Denn als er eines Nachts eine Frau auf einer Brücke stehen sah, im Begriff, in den Fluss zu springen, hat er sie nicht daran gehindert. Seitdem befindet sich sein Leben im freien Fall. Er stellt fest, nicht die unbestreitbar moralische Instanz zu sein, für die er sich selbst immer hielt. Er stellt sich selbst und den anderen Fragen: Warum tut man, was man tut? Warum lebt man, wie man lebt?

Ich stieß [jene Frau] von mir und nahm sie wieder, ich zwang sie, sich mir zuzeiten und an Orten hinzugeben, die sich nicht dazu eigneten, ich behandelte sie in allen Dingen mit solcher Rücksichtslosigkeit, dass ich schließlich an ihr hing, wie etwa ein Kerkermeister an seinem Sträfling hängen mag. So ging das fort bis zu dem Tag, da sie im wilden Aufruhr einer schmerzlichen und erzwungenen Lust laut und deutlich dem huldigte, was sie unterjochte. An diesem Tag begann ich, mich von ihr zu lösen. Seitdem habe ich sie vergessen.

Wir befinden uns in der Amsterdamer Kneipe «Mexico City», und dieser Mann, von dem man irgendwann erfährt, dass er Jean-Baptiste Clamence heißt, redet mit uns, dem Lesenden – er erwartet keine Antwort, es ist ein reiner Monolog. Der Anwalt ist zynisch, macht sich lustig über seinen Berufsstand, über die Verlogenheit – über sich selbst, über alle Menschen, über das schlechte Gewissen in uns. Die tägliche Lüge. Er ist mehrfach gebrochen an sich selbst, an seinen Idealen. In depressiver Stimmung beichtet er vor dem Lesenden. Es geht auf und ab zwischen seinen Lebenskrisen. Es ist das Banale, das Alltägliche, das beschreibt.

Sie wissen ja, was für schüchterne Kommunikanten unsere Bistro-Atheisten sind. Ein Moment der Bestürzung folgte dem Ausspruch dieser Ungeheuerlichkeit, verdutzt blickten sie einander an, dann brach der Tumult los…

Das Gespräch läuft über mehrere Tage – beginnend in der Kneipe (schummrige Halböffentlichkeit) es geht weiter in Spaziergänge (frei und offen), am Ende liegt krank er im Bett (absolute Intimität). Ein philosophischer Text, verdichtet, hart in der Sache, ohne drumherumzureden. Für Clamance ist jeder Mensch bereits durch seine Existenz in der Schuld. Er ist nicht frei, weil zum Beispiel die «Knechtschaft» der Religion, der Moral, dem Individuum jede Verantwortung abnimmt. Camus schrieb diesen Text in einer eigenen existentiellen Krise, als eine intellektuelle Gruppe, angeführt von Jean-Paul Sartre, ihn kritisierte. Ein Hinweis im Text auf die «professionellen Humanisten», die in Pariser Caféhäusern «durch die leiseste Erwähnung Gottes «in Empörung verfielen.» Es ist auch eine Antwort, auf den Feminismus, und den Roman von Sartres Lebensgefährtin, Simone de Beauvoir, «Die Mandarins von Paris», für den sie 1954 den Prix Goncourt erhielt. Es ist eine Kritik am intellektuellen Establishment, denen Eitelkeit in jeder Pore steckt. Er selbst, zum Masochisten mutiert, bittet um Bestrafung. Für «Der Fall erhielt Albert Camus u.a. den Literaturnobelpreis 1957. 

«Keine Entschuldigung, nie und für niemand, das ist der Grundsatz, von dem ich ausgehe. Ich lasse nichts gelten, weder die wohlmeinende Absicht noch den achtbaren Irrtum, den Fehltritt oder den mildernden Umstand. Bei mir wird nicht gesegnet und keine Absolution erteilt. Es wird ganz einfach die Rechnung präsentiert.»

Albert Camus wurde am 7. 11. 1913 bei Annaba (Algerien) als zweiter Sohn einer europäischen Einwandererfamilie geboren. Der Vater, ein Franzose, fiel 1914 im Krieg, die spanischstämmige Mutter musste die Kinder als Putzfrau ernähren und der dominanten Großmutter zur Erziehung überlassen. Camus wuchs in einem armen Stadtviertel Algiers auf. Dort besuchte er die Ecole primaire; 1924 konnte er als Stipendiat in das Lycée von Algier eintreten. 1930 Erkrankung an Lungentuberkulose. Nach dem Abitur Aufnahme eines Philosophiestudiums, das Camus durch Gelegenheitsarbeiten finanziert. Gleichzeitig erste schriftstellerische und künstlerische Versuche. 1934 erste Ehe, die 1940 geschieden wurde. 1938-1940 Arbeit als Journalist bei der progressiven Zeitung «Alger républicain» (später «Soir républicain»). Camus` Artikelfolge über das Elend der algerischen Landbevölkerung und das Verbot der Zeitung machten ihm eine weitere berufliche Betätigung in Algerien unmöglich. Daher 1940 Übersiedlung nach Frankreich. Mit seiner zweiten Frau, Francine Faure, kehrte er 1941 nach Algerien zurück, wo beide als Lehrer arbeiteten. 1942 Kuraufenthalt im französischen Bergland. Eine Anstellung als Lektor bei Gallimard und die Zugehörigkeit als Résistance - Camus übernahm 1944/45 die Leitung der Widerstandszeitung «Combat» - banden ihn zunehmend an Paris. Freundschaftliche Beziehungen zu Sartre und dessen existenzialistischem Kreis. 1946-1952 Reisen in die USA, nach Südamerika und mehrmals nach Algerien. An der mit Härte und Leidenschaft geführten Debatte um «Der Mensch in der Revolte» (1951) scheiterte die freundschaftliche Beziehung zu Sartre. 1958 begann er mit der Arbeit an dem erst 1994 postum veröffentlichten Roman «Der erste Mensch». Am 4. Januar 1960 verunglückte Camusbei einem Autounfall tödlich.


Jean-Paul Sartre spricht übrigens in «Krieg im Frieden 2» (August 1952) wiederum Camus auf «Der Fall» an:

Sie bedauern mich – übrigens ganz zu Unrecht – wegen meines schlechten Gewissens, aber auch wenn ich vor Scham umkommen müsste, würde ich mir weniger entfremdet und disponibler vorkommen, als Sie es sind: denn um Ihr Gewissen rein zu halten, sind Sie gezwungen zu verurteilen; Sie brauchen einen Schuldigen; sind Sie es nicht selbst, ist es die Welt. Sie fällen Ihre Richtersprüche, und die Welt hält still; aber Ihre Verurteilungen werden hinfällig, sobald sie irgendwo auftreffen, und Sie müssen ständig von neuem beginnen: hielten Sie inne, könnten Sie sich selbst sehen; Sie haben sich dazu verurteilt, zu verurteilen, Sisyphos.


Albert Camus

Der Fall
Originaltitel: La Chute
Gesprochen von Ulrich Matthes
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 3 Std. und 45 Min.
Zeitgenössische Literatur, Monolog, Französische Literatur, Klassiker
Saga Egmont, 2024
Rowohlt Verlag, 1991, Taschenbuch, 155 Seiten



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman



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