Rezension
von Sabine Ibing
Der Tunnelbauer
von Maja Nielsen
Der Anfang:
Er hält die dunkelbraune Aktentasche, die ihm der Kurler gegeben hat, fest in der Hand, als er die Friedrichstraße entlang auf den Grenzübergang zugeht. ‹Ernst Lämmlic, ruft er sich den Namen, der in seinem Pass steht, ins Gedächtnis, »Ich bin Ernst Lammli, Schweizer, 17 Jahre, aus Zürich, geboren am 4. Juni,› Kalt ist es. Handschuhe hat er nicht dabei. Seine Finger fühlen sich eisig an und sein Atem bildet Nebelschwaden. Als er seine freie Hand in die Manteltasche schiebt, berühren seine Finger das Straßenbahnticket aus Zürich. In seiner Hosentasche klimpert etwas Schweizer Münzgeld. Der Kurier hat wirklich an alles gedacht: Pass, Geld, Fahrkarte - alles echt. Wenn sie ihn durchsuchen, werden sie keinen Verdacht schöpfen. ‹Nur das Maul aufmachen darfst du nicht›, hat ihm der Kurier eingebläut. ‹Sobald du den Mund aufmachst, bist du geliefert. Dann merken sie, dass die Sache stinkt!› Klar - er hat keinen blassen Schimmer, wie Züricher Dialekt klingt. Er kennt keinen Schweizer. Er kennt noch nicht mal jemand, der einen Schweizer kennt.
Berlin 1961: Für Achim könnte es eigentlich nicht besser laufen – das Abitur hat er in der Tasche, einen Studienplatz sicher und Chris, in die er sich verliebt hat, scheint auch ihn zu mögen. Doch über Nacht ändert sich alles. Mit Freunden fahren sie ein paar Tage zum Zelten an die Ostsee, haben viel Spaß. Und sie nennen sich von nun an Club 66 – weil sie gute Freunde sind und sich hier im Sommer 66 wieder treffen wollen. Lampe geht als Einziger nochmal zum Dorffest, wo eine Gruppe Jugendlicher besoffen randaliert. Lampe versucht sie abzuhalten. Schon ist die Polizei vor Ort und alle werden verhaftet. Die Clique sucht am nächsten Tag nach ihm, und eine Serviererin meint, den haben sie wohl als Zeugen mitgenommen, der hat ja nichts gemacht, noch versucht zu vermitteln. Doch Lampe kommt nicht wieder zurück. Ein spannendes Buch, das mich völlig geflasht hat, weil es eine wahre Geschichte ist – emotional mitnimmt, spannend geschrieben.
Hier wird jeder bespitzelt
In ein Buch, das sie sich aus der Gefängnisbibliothek geholt hatte, hatte jemand mit Bleistift hineingeschrieben: »Ich wurde als Deutsche von Deutschen gefangen, weil ich von Deutschland nach Deutschland gegangen.« Dieses Sprüchlein gibt ihr Kraft. Manchmal sagt sie es leise auf. Dann weiß sie wieder ganz genau, dass die Welt um sie herum verrückt ist - und nicht sie. Es ist blanker Wahnsinn, was gerade in diesem Land geschieht.
Die Berliner Clique wird verhört. Sind sie Aufrührer gegen den Staat, der Club 66? Was für ein Schwachsinn! Einer aus ihrer Gruppe muss ein Spitzel sein, denn die Männer, die sie verhören, wissen genau, dass die jungen Leute gegen den Staat gewettert haben, wer was gesagt hat. Lampe wird zu mehreren Jahren Haft verurteilt, völlig willkürlich, nicht mal die Mutter wusste, wann der Prozess stattfinden soll. Zeugen werden nicht zugelassen. Achim und seine Freunde sind verzweifelt: Was ist nur aus diesem Land geworden? Hier wird jeder bespitzelt und bei geringstem Verdacht gegen den Staat zu revoltieren, verhaftet. Und dann bauen sie auch noch diese Mauer! Das DDR-Regime schlägt einen immer härteren Ton gegen seine Bürger an. Misstrauen, Verfolgung und Verhaftungen stehen an der Tagesordnung. Hase studiert in Westberlin, er will Tierarzt werden; jeden Tag marschiert er rüber in den Westen, abends zurück. Mit dem Mauerbau ist das nun auch vorbei. Über Nacht ist Hase den Studienplatz los.
Ein Fluchtversuch ist hochriskant
Mutti in Haft? Warum bloß?, fragt er sich, als er eine Kneipe gefunden hat, in der er bestimmt auf niemand treffen wird, den er kennt. ‹Zum Loch› heißt sie.
Achim und Hase fassen einen schweren Entschluss: Sie müssen raus aus Ostberlin und alle, die sie lieben, zurücklassen. Hases Kommilitonen setzen sich für ihn ein. Es gibt eine Gruppe Fluchthelfer in Westberlin, die sich Pässe von Ausländern ausleihen, die sie mit den Passfotos von Fluchtwilligen aus dem Osten abgleichen. Gibt es ein Match zwischen zwei Personen, wird der Pass mit ein paar Utilities hinübergeschafft. Hase ist der Erste, Achim folgt. Drüben angekommen, setzt Achim alles daran, Menschen aus der DDR bei ihrer Flucht zu unterstützen. Achim will seine Schwester und Chris nachholen, Hase seine Freundin. Doch dieses Pass-System wird bespitzelt, fliegt auf und man muss neue Wege suchen. Ein Fluchtversuch ist hochriskant; denn wer erwischt wird, geht jahrelang in den Bau.
Schule zu Ende, ein neuer Lebensabschnitt
Ratte! Hosenscheißer! - Falco ist wirklich unglaublich. Wenn der vorne ist und gräbt, also da, wo man auf dem Rücken liegend mit dem Spaten in den Lehm stechen muss, dröhnen seine Flüche durch den Keller. Dort, am Ende des Tunnels, gibt es kaum Sauerstoff, ein Streichholz würde sofort erlöschen.
Achim schafft es, Kontakt mit Chris aufnehmen, und sie zur Flucht überreden, doch sie wird beobachtet. Wer wird sie es schaffen? Flucht im Kofferraum eines Autos ist extrem gefahrvoll. Wer schafft es? Denn die Grenzsoldaten setzen Hunde ein und die Wagen werden bis in den letzten Winkel durchsucht. Achim entschließt sich, am Tunnelbau teilzunehmen, unter der Mauer hindurch. Wochenlange harte Arbeit, immer die Gefahr, entdeckt zu werden, einen Spitzel in den eignen Reihen zu haben. Drei Tunnel – einer wurde verraten. Achim ist wichtig, denn sein Studium zum Bauingenieur hilft der Gruppe enorm. Die legendären Tunnelfluchten aus der DDR, erzählt nach einer wahren Geschichte – und genau das macht die es noch spannender. Maja Nielsens bringt uns zunächst das Leben der jungen Leute in dem neuen Staat näher, das zunächst mit positivem Gefühl losgeht: Schule zu Ende, ein neuer Lebensabschnitt, das Studium oder Arbeit. Im Osten läuft einiges besser als im Westen, besonders für die Frauen; so wird behauptet.
Deutsche Geschichte plastisch und emotional serviert, besser kann man das nicht erklären
Doch dann bricht die Welt dieser Clique zusammen. Einer im Knast, einer ein Verräter. Nur wer? Einige wollen fliehen, die schon drüben sind, wollen helfen. Maja Nielsen beschreibt die Situation aus dem Blickwinkel mehrerer Protagonist:innen. Es werden noch einige im Gefängnis landen, willkürlich, wegen Nichts. Glücklicherweise nicht jahrelang. Die Stasi erpresst Spitzeltätigkeit. Wird jemand umfallen? Wer schafft es wie und wann hinüber? Ich habe den Jugendroman in einem Rutsch durchgelesen. Superspannend! Deutsche Geschichte plastisch und emotional serviert, besser kann man das, was geschehen ist, nicht erklären. Der Gerstenberg Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 13 Jahren. Das passt für mich. Das Buch eignet sich als optimales Unterrichtsmaterial, der Verlag stellt Lernmaterial zur Verfügung. Empfehlung!
Maja Nielsens Geschichten sind als Bücher, Hörbücher und Rundfunkfeatures erschienen. Ihre erfolgreiche Abenteuer!-Reihe im Gerstenberg Verlag wurde vielfach ausgezeichnet. Maja Nielsen wurde von den Buchhändlern zur Lesekünstlerin des Jahres 2013 gewählt. Für ihren Roman «Tatort Eden 1919» erhält sie den Jugendbuchpreis Friedolin der Stiftung Weltethos. Im Jahr 2025 wird sie für ihren Jugendroman «Der Tunnelbauer» mit dem Buxtehuder Bullen geehrt.
Der Tunnelbauer
Hardcover, 192 Seiten
Jugendroman, Deutsche Geschichte, Mauerbau, Fluchthelfer, DDR, Tunnelbau, Unterrichtsmaterial, Kinder- und Jugendliteratur
Gerstenberg Verlag, 2024
Altersempfehlung: ab 13 Jahren
Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.

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