Rezension
von Sabine Ibing
Butter
von Asako Yuzuki
Gesprochen von Madiha Kelling Bergner
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 13 Std. und 35 Min.
Von meinem verstorbenen Vater habe ich gelernt, dass eine Frau stets duldsam sein sollte. Dennoch gibt es zwei Dinge, die ich nicht ertragen kann: Feministinnen und Margarine.
Rika, eine junge Journalistin einer Frauenzeitschrift in Tokio, recherchiert über die Heiratsschwindlerin und Serienmörderin Manako Kajii, die einen Gourmet-Blog betreibt. Sie soll Männer mit ihren erotischen und kulinarischen Künsten verführt und anschließend umgebracht haben. Manako behauptet, sie verabscheue nichts mehr als «Margarine und Feministinnen» und habe eine ausgeprägte Leidenschaft für hemmungslosen Genuss und insbesondere Butter. Unter der Bedingung, nur über ihre Kochkünste zu reden, gewährt sie Rika Gespräche. Die Journalistin ist fasziniert von Manako.
Das Idealbild der japanischen Frau
Von Japanerinnen wird verlangt, geduldig, fleißig und leidenschaftlich zu sein und sich zugleich weiblich, nachsichtig und fürsorglich zu verhalten. Die meisten Frauen reiben sich auf im Versuch, eine Balance zwischen diesen Ansprüchen zu finden.
Manako Kajii kontaktierte reiche ältere Herren über Datingportale, mästete sie durch Sahnetorten und köstliches kalorienreiches Essen, um sie frühzeitig ins Grab zu bringen. Rika, spindeldürr, immer auf ihre Figur bedacht, hat vom Kochen keine Ahnung. Sie folgt dem Idealbild der jungen japanischen Frauen, stets auf die Figur zu achten. «Japanerinnen nehmen heute weniger Kalorien zu sich als unmittelbar nach dem Krieg». Jetzt erhält sie von Manako Anweisungen, Rezepte von ihr nachzukochen und ihr über das Geschmackserlebnis zu berichten. Es beginnt mit Reis, der mit Butter und Sojasoße gewürzt wird wird. «Das kriegen Sie hin, auch wenn Sie nicht kochen können.» Rika ist begeistert, probiert immer mehr und wird immer dicker; ihr Freund beschwert sich.
Es klingt hart, aber zunehmen ist nicht gut. Ich habe keine Idealvorstellung vom Körper einer Frau, aber es könnte aussehen, als würdest du dich gehen lassen. Das wirkt nicht vertrauenswürdig.
Ein Roman, der Essen und Trinken feiert
Butter und Buttercreme bestimmen bald das Leben von Rika. – Butter ist in Japan ein Luxusartikel – Und zunächst merkt sie nicht, wie sie von Manako manipuliert wird. Doch dann versteht sie es und zieht aus dieser Begegnung Stärke, kann ihre eigenen Traumata besiegen. Hier geht es um die Rollenmuster und Weiblichkeitsklischees Japans, die sich widersprechen, bei der Frauen gleichzeitig «hübsch, unschuldig, stark, gehorsam, fleißig und sexy» sein sollen. Es geht auch um das ‹Enjokosai›, Schulmädchen lassen sich gegen sexuelle Dienste von älteren Männern aushalten. Ein Roman, der Essen und Trinken feiert, vor allem aber die unmöglichen Erwartungen thematisiert, die an Frauen in patriarchalen Gesellschaften heute gestellt werden.
Als Erstes berührte die kühle Butter ihren Gaumen. Der Kontrast zu dem frischen heißen Reis bestand in ihrer Struktur und der Temperatur. Rika biss auf die kalte Butter. Sie war weich, und sie spürte die Kühle bis in die Zahnwurzeln. Doch schon bald umhüllte, wie von Kajii vorausgesagt, geschmolzene Butter jedes Reiskorn und erzeugte ein Aroma, das nicht anders als golden zu beschreiben war.
Allen Genießern, die gern kochen oder essen, wird der Roman ein Genuss sein
Asako Yuzuki nimmt sich für ihren Roman einen realen Fall zur Grundlage, den der japanischen Heiratsschwindlerin und Serienmörderin Kanae Kijima, die im September 2009 beschuldigt und inhaftiert wurde. Sie hatte von mehreren Männern größere Geldsummen erhalten. Ein paar dieser Herren starben mysteriös an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Kijima wurde verurteilt, diese Männer betrogen und getötet zu haben, und noch heute befindet sie sich in der Todeszelle. Kajii und Rika stehen als Frau in der Gesellschaft stark im Kontrast. Die eine steht für das, was die Männer gern hätten, die andere für die moderne Frau. Nur, kann man das so genau trennen? Und sind denn diese modernen Frauen wirklich gleichgestellt? Das versucht dieser Roman zu erforschen. Ein feministischer Kriminalroman; weitläufig gefasst. Aber nicht das, was man sich im Allgemeinen von unter einem Krimi vorstellt. Genau das hat mir gefallen – und es wird andere enttäuschen. Wem kulinarischen Exzesse zuwider sind, sollte die Finger von diesem Buch lassen. Allen Genießern, die gern kochen oder essen, wird der Roman ein Genuss sein. Wem Han Kangs Vegetarierin, Sayaka Muratas Ladenhüterin und Mieko Kawakamis Brüste und Eier gefallen hat, liegt auch hier richtig. Ein Roman, der Genuss, Essen und Trinken feiert, vor allem aber die unmöglichen Erwartungen thematisiert, die an Frauen in patriarchalen Gesellschaften heute gestellt werden. Mir hat das Buch Spaß gemacht!
Asako Yuzuki, geboren 1981 in Tokio, ist eine japanische Schriftstellerin. Sie wurde für ihr Schreiben vielfach ausgezeichnet. Ihr Roman «Butter» ist in Japan ein Bestseller und erscheint weltweit in zehn Sprachen.
Asako Yuzuki Butter
Gesprochen von Madiha Kelling Bergner
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 13 Std. und 35 Min.
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Zeitgenössische Literatur, Kriminalroman, japanische Literatur
Aufbau Audio, 2022
Blumenbar Verlag, 2022, Hardcover, 442 Seiten
Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …Zeitgenössische Roman

Krimis und Thriller
Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller

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