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Sommer 24 von Navid Kermani - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Sommer 24 


von Navid Kermani

Gesprochen von Jens Harzer
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 4 Std. und 37 Min.


Dass die Koordinaten politischer Zuschreibung sich verschieben oder durcheinandergeraten, gehört ebenfalls zu der Lage, in der ich zu schreiben begonnen habe, und könnte später einmal als Symptom jener zunächst schleichenden, zunehmend jedoch eruptiven Auflösung des liberalen Gesellschaftssystems verstanden werden, die nach meinem Eindruck in den Jahren nach dem Mauerfall begann, also just im Triumph über den Kommunismus.

Diesen autofiktionalen Roman in seiner Gesamtheit zu beschreiben, fällt schwer. Wie ist es, wenn sich die vertraute Welt auflöst, wenn das, was gestern noch normal war, heute nicht mehr gilt? Navid Kermani fängt diesen Moment in einem einzigen Sommer ein: Ein Freund, der zuletzt politisch auf Abwege geraten war, hat sich das Leben genommen. Die Kriege rücken näher und die Debatten werden schriller, die Welt erstickt im Chaos. Mit dem Anfang habe ich mich schwergetan, weil Kerman die vielen politischen Geschehnisse aufsammelt und vom Weltgeschehen berichtet. Es klingt fast sachbuchartig und erschlägt fast mit Information. Neben dem depressiven Weltgeschehen wird der erzählende Schriftsteller von persönlichen Krisen überrollt.


Die Überforderung der Menschen mit dem Zeitgeschehen


In vielerlei Hinsicht haben sich sehr viele unheilvolle Dinge verdichtet. Kriege, die näher rückten, der Krieg in der Ukraine, der Krieg in Gaza, im ganzen Nahen Osten, die Entwicklung im Sudan, die mir sehr nahe geht. Und natürlich auch die Entwicklung in Amerika, damals mit dem Wahlkampf. Da hat sich so vieles verbunden, von dem ich befürchtete, dass es das Vorzeichen einer sehr negativen Entwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sein könnte.

Seine Freundin hält den Erzähler für einen Macho, aber das bleibt bei weitem nicht der schlimmste Vorwurf, der sein Selbstbild erschüttert. Navid Kermani gelingt es, unsere Gegenwart aus ihren Widersprüchen heraus zu begreifen, das scheinbar Unversöhnliche zu versöhnen und, wichtiger noch, das wirklich Unversöhnliche auszuhalten. Sprachlich brillant wie immer, präzise selbsthinterfragend, mit starken Gedankengängen, beeindruckt dieses Buch auf der einen Seite. Andererseits hat mich die Sprunghaftigkeit irritiert. Anfänglichberichtet der Erzählende immer wieder von der Hochzeit seiner Tochter (was mich überhaupt nicht interessiert hat) und später immer eine wiederkehrende Geschichte, die ausufernd beschrieben wird: Eine Frau fühlt sich zum zweiten Mal vergewaltigt , weil der Erzähler ihre reale Geschichte der Tat in einem Roman niedergeschrieben hatte. Intensiv setzt sich Kerman mit den Kriegen der Welt auseinander, besonders Gaza und die Ukraine und er sieht mit Schrecken auf die Wahlen der USA, ahnt, wer hier gewinnen wird. Moralische Zweifel quälen ihn, und er versteht die Überforderung der Menschen mit dem Zeitgeschehen, setzt sich mit der Entwicklung der Medien auseinander, mit Rechtsruck in der Welt. Er trifft Freunde, berichtet von Begegnungen, setzt sich mit Ereignissen und Meinungen auseinander. Eine wunderbare Auseinandersetzung mit unserer Zeit, inhaltlich, wie auch literarisch großartig. Aber so ganz konnte der Roman mich nicht packen, weil ihm für mich ein wenig die rotte Linie fehlte und manche Stellen mich nicht berührten.
 

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Hamburger Akademie der Wissenschaften. Am Thalia-Theater in Hamburg leitet er seit 2012 gemeinsam mit Carl Hegemann das «Herzzentrum». 2015 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.




Navid Kermani 
Sommer 24 
Gesprochen von Jens Harzer
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 4 Std. und 37 Min.
Zeitgenössische Literatur, Gesellschaftsroman
Argon Verlag, 2026
Carl Hanser Verlag, 2026,Hardcover,160 Seiten

Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman


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