Rezension
von Sabine Ibing
Das Herz von Kamp-Cornell
von Susan Kreller
Die Briefmarke war nicht abgestempelt und hatte den Tod zwischen den Zähnen. Man hatte sie in der genau richtigen Umschlagecke und kerzengrade aufgeklebt, aber deutlich verkehrt herum, um hundertachtzig Grad gedreht, Kopfstand für Fortgeschrittene. Die Kornelkirsche, die zu Ehren der Kornelkirsche auf der Marke abgebildet war, und zwar linker Hand gelb blühend und rechts daneben als kleine rote Frucht, bekam dadurch etwas Unheimliches, fast Bedrohliches.
Alles beginnt mit einem Brief – einem welligen Stück Papier, darauf zwei winzige, unscheinbare Wörter: Zu spät. Die knappe Nachricht führt dazu, dass fünf Jugendliche – nämlich alle Cousinen und Cousins – mit ihren Müttern in das uralte Haus des totkranken Großvaters Viktor Melitzky ziehen. irgendwo am Ende der Welt, im verschwiegenen Örtchen Kamp-Cornell. Dort, im Schatten unzähliger Kornelkirschsträucher, klären Edin, Lu, Johnny, Gabriella und Penelope am Ende ein Verbrechen auf, das vor ihnen jahrzehntelang niemand ans Licht bringen konnte.
Eine dichte, atmosphärische, Stimmung
Niemand außer Viktor Melitzky hatte gestern geglaubt, was er … gesehen hatte, und möglicherweise war das immer so: Wahrscheinlich begannen alle großen Tragödien erst ein paar Stunden nachdem sie begonnen hatten.
Warum wussten die Kinder nicht, dass sie Tanten haben, Cousins, Cousinen? Und warum haben alle ihre Mütter das Elternhaus verlassen, kamen nie zurück? Was ist in dem verbotenen Zimmer, und was sind das für Laute in der Nacht, «grauenhaft scheppernde, quietschende, schneidende, kratzende und hämmernde Töne»? Verdrängung, Trauma der erwachsenen Schwestern, ein düsterer, mystischer Sound begleitet das Buch. Dem Jugendroman unterliegt eine dichte, atmosphärische, Stimmung um das Familiengeheimnis. Im Haus, im Dorf, überall finden die Kinder Zeichen und Hinweise, und sie fragen sich weshalb sämtliche verschrobenen Nachbarn einen Haustürschlüssel zum Haus besitzen. Man benötigt Geduld, denn die Geschichte entwickelt sich langsam mit tiefer Figurenentwicklung und dezidierten Beschreibungen. Multiperspektiv ist die Geschichte von den Kindern Edin, Lu und Johnny erzählt und sie verlangt Aufmerksamkeit. Ein sehr ausgefeilter Plot, für Jugendliteratur anspruchsvoll geschrieben. Manche Metaphern fand ich hübsch, andere gewöhnungsbedürftig, für meinen Geschmack übertrieben. Aber das ist Geschmackssache. Der Carlsen Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 14 Jahren, dem schließe ich mich an. Empfehlung!
Der Abendhimmel ächzte so leise, dass man schon sehr gut hinhören musste, um es später polizeilich bezeugen zu können. Der Himmel hatte zu tun, er fuhr eine alte Fracht, schüttelte sie ab und ab, vergebens. Das Gewitter, das sich irgendwo in ihm versteckt hatte, wurde er doch nicht los.
Susan Kreller, 1977 in Plauen geboren, studierte Germanistik und Anglistik und promovierte über deutsche Übersetzungen englischsprachiger Kinderlyrik. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin und arbeitet als freie Journalistin und Autorin. Susan Kreller ist Gewinnerin des Kranichsteiner Literaturstipendiums, wurde bereits vier Mal für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und hat ihn 2015 für ihren Roman »Schneeriese« gewonnen.
Das Herz von Kamp-Cornell
Familiengeschichte, Jugendliteratur, Kinder- und Jugendliteratur
Hardcover, 288 Seiten
Carlsen Verlag, 2025
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.

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