Rezension
von Sabine Ibing
Unser Schmerz ist unsere Kraft
von Gamze Kubaşık, Semiya Simsek und Christine Werner
Wann hört es auf. Was soll ich ihr sagen? Dass es jahrelang so weitergeht? Dass es bei uns heute noch so ist. Sechs Jahre nachdem Papa ermordet wurde. Dass sie meiner Mutter das Foto einer blonden Frau gezeigt haben, die sexy angezogen war, und gesagt haben, sie sei die Geliebte meines Vaters, mit der er ebenfalls zwei Kinder habe. Mama hat dann gesagt: Wenn es seine Kinder sind, sind es auch meine Kinder. Aufgehört hat es trotzdem nicht. Soll ich ihr das sagen? Ach, meine Schwester.
Semiya ist vierzehn Jahre alt, Gamze zwanzig, als ihre Väter ermordet wurden. Unfassbar für beide Familien. Niemand kann sich vorstellen, was hier geschehen ist: Männer, die an ihrem Arbeitsplatz erschossen werden. Der eine ist Kioskbesitzer, der andere verkauft Blumen. Das Einzige, was sie eint: Sie sind türkischer Abstammung, Migranten. Die Familien werden noch in der Nacht stundenlang verhört. Ehefrauen dürfen nicht am Sterbebett sitzen, sie werden von der Polizei auseinandergenommen. Es ist die Rede von Mafia, Drogenhandel, Auftragsmorden ... Sie blieben nicht die einzigen Migranten, die erschossen wurden. Jahre später kommt heraus, sie wurden von der rechtsextremen Terrorzelle «Nationalsozialistischer Untergrund», NSU, willkürlich getötet, weil sie Migranten waren.
Als ich fünf war, sind meine Eltern mit mir aus der Türkei geflohen. Wir sind Aleviten, unsere Religion wird von der türkischen Regierung nicht anerkannt. Wegen unseres Glaubens wurden wir immer wieder verfolgt. Es gab mehrere grausame Massenmorde an Aleviten, bei einem der Massaker wurden ihre Häuser mit Farbe gekennzeichnet und die Bewohner darin dann umgebracht. Papa und Mama waren in der Türkei nicht sicher. Ihre Familien hatten Angst um sie und entschieden, dass sie flüchten sollten. So kamen wir 1991 nach Deutschland. Meine Eltern beantragten Asyl.
Die beiden Mädchen sind in Deutschland aufgewachsenen und es verbindet sie derselbe Schmerz. Die Vorverurteilung ihrer Väter durch die deutsche Polizei; und das Desinteresse der Öffentlichkeit trifft die beiden mit voller Wucht. Die trauernde Familien und ihr Umfeld werden verdächtigt, die ermordeten Väter als Kriminelle dargestellt. Unglaubliche Anschuldigungen und Szenarien werden durchlaufen. Die Familien stehen unter enormen psychischen Druck. Sie lernen sich über diese Gemeinsamkeit kennen, schließen Freundschaft und stützen sich gegenseitig. Unser Schmerz ist unsere Kraft ist ein eindringliches Jugendsachbuch über die NSU-Morde und deren Folgen für die Familien der Opfer.
Und es wurde bekannt, dass 2007 auch das Landeskriminalamt Baden-Württemberg eine operative Fallanalyse über die Mordserie erstellt hat. Es wurden also nochmal Abläufe analysiert, Zusammenhänge überprüft und Täterprofile erstellt. Und in dieser Fallanalyse steht: Bei den Deutschen sei das Töten mit einem hohen Tabu belegt. Man könne deshalb davon ausgehen, dass der Täter ‹außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems zu verorten sei›, so wird das da ausgedrückt. Wollen sie anderen Nationalitäten unterstellen, das Mord dort kein Tabu ist?
Die Autorinnen erzählen aus persönlicher Perspektive, wie der Mord an ihren Vätern ihr Leben veränderte und zerstörte – und wie aus Trauer politischer Widerstand entstand. Das Buch kann man auf jeden Fall historisch nennen, denn es ist ein Sachbuch, dass die Ereignisse von damals aufnimmt, den politischen Kriminalfall aus dem Rechtsextremismus, den NSU-Komplex, in den der Verfassungsschutz unsauber verwickelt war. Erinnerungen, Chats, Dokumente, Fotos und Hintergrundinformationen verbunden mit einem emotionalen Bericht, der zeigt, was mit den Familien passiert – wie damals die Polizei ermittelte. Die Traumata der Familien werden aufgezeigt, die ja Opfer waren, ihre Enttäuschung über den deutschen Rechtsstaat, das Staatsversagen. Der Verfassungsschutz eine Menge Akten vernichtet, andere verschwanden, V-Männer waren mit beteiligt; 100 Prozent wurde der Fall nie aufgeklärt. Gut gemacht sind auch die QR-Codes, die zu den Themen angefügt sind, um sich weiter zu informieren.
Neonazis haben unsere Väter ermordet.
Hier berichten Betroffene über den NSU, Rechte Gewalt – Frauen, die als Jugendliche traumatisiert wurden, die Töchter zweier Ermordeter. Neun Gewerbetreibende mit Migrationshintergrund und eine deutsche Polizistin wurden von dem rechten Trio erschossen! Diese betroffene Perspektive ist nah dran an den Opfern, was das Buch dem Lesenden die Materie zugänglich macht, emotional mitnimmt. Ein wichtiges Jugendbuch gegen das Vergessen, eins das auffordert zu Haltung gegen Rechts, das Rassismus anprangert. Der Fischer Sauerländer Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 14 Jahren für dieses Jugendbuch. Dem schließe ich mich an – erweitere auf Allage.
Gamze Kubaşık, geboren 1985 in Pazarcık, Türkei, ist politische Rednerin und in der politischen Gedenkarbeit aktiv. Sie lebt mit ihrer Familie in Dortmund. Sie engagiert sich unter anderem im bundesweiten Solidaritätsnetzwerk der Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, kämpft gegen Rassismus und erzählt ihre Geschichte in Schulen.
Gamze: «Es ist sehr bewegend, ich bin stolz und dankbar, dass wir das gemeinsam geschafft haben. Andererseits ist es traurig, weil der Grund für dieses Buch immer schmerzen wird. Deshalb wollen wir auch, dass Jugendliche über Rassismus nachdenken und darüber, was er mit Menschen macht. Wir wollen Mut machen, dass man nicht wegschaut, wenn Unrecht geschieht und hoffen, mit vielen jungen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen. Und wir wollen mit unserer Geschichte zeigen: Aus Schmerz kann auch Stärke entstehen.»
Semiya Şimşek, geboren 1986 in Friedberg, lebt seit 2012 mit ihrer Familie in der Türkei, wo sie als Sozialarbeiterin tätig ist. 2013 wurde sie für ihre Rede bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des NSU mit dem Olympe-de-Gouges-Preis ausgezeichnet. Gemeinsam mit Gamze Kubaşık engagiert sie sich in Bündnissen und im bundesweiten Solidaritätsnetzwerk.
Semiya: «Das Buch erzählt unsere Geschichte, unsere Gefühle. Zu manchen Ereignissen gibt es ja auch Fotos oder zusätzliches Material. Wir haben uns natürlich darauf konzentriert, was aus unserer Perspektive wichtig ist und mussten einiges straffen und zusammenziehen, es ist ja eine lange Zeitspanne von der wir erzählen.»
Christine Werner, geboren 1967 in Landau/Pfalz, ist Autorin und freie Journalistin. Für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk schreibt sie Features zu sozialen und gesellschaftspolitischen Themen. Dabei hat sie sich immer wieder mit dem Thema NSU beschäftigt und mit Hinterbliebenen und Opfern rechter Gewalt gesprochen.
Unser Schmerz ist unsere Kraft
Neonazis haben unsere Väter ermordet
Erzählendes Sachbuch, NSU, Politisches Jugendbuch, Rechte Gewalt, Rechtsextremismus, Terroranschlag, Fremdenfeindlichkeit, politische Bildung, Jugendsachbuch, Kinder- und Jugendliteratur
Paperback, 192 Seiten
Fischer Sauerländer Verlag, 2026
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.





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