Direkt zum Hauptbereich

Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Ein verlassenes Haus 


von Lisa Wölfl


Der Anfang: 
Der Minister für Wirtschaft und Arbeit sagt, ich bin ein faules Stück Scheiße. Er spuckt mir ins Gesicht. Maßgeschneiderter Anzug, teure Uhr, glaube ich. Mit teuren Uhren setzt man sich erst auseinander, wenn man teure Uhren hat. Die Wanduhr über dem Fernseher ist vor Wochen stehen geblieben. Harald hat die Batterien nicht gewechselt. Wir haben keine Batterien mehr. Wenn ich wissen möchte, wie spät es ist, muss ich mein Handy rauskramen, auf den Homebutton drücken und meine Augen zusammenkneifen, um die kleine Zahl zwischen den Sprüngen zu entziffern.

Die Politiker reden im Fernsehen über die faulen Armen, während Sonjas Ehemann als Leiharbeiter am Bau seinen Rücken verschleißt. Sie verkauft im Bio-Laden teure Tees. Und trotzdem reicht es mit zwei Kindern am Ende des Monats vorn und hinten nicht. Als sie dann ihre Arbeit verliert, weil sie unbezahlten Urlaub nimmt, um im Krankenhaus bei ihrem Sohn zu sein, bricht alles zusammen. Vom Gehalt von Harald können sie nicht leben. Am Wochenende fährt er meist Taxi und hat noch einen dritten Job im Petto. Sein Rücken spielt nicht mehr richtig mit – drum erwischt es ihn an der Bandscheibe. Auch ihm wird gekündigt, weil er krankgeschrieben ist. Was nun? 


Sonja blüht innerlich auf


Mein Körper ist ein verlassenes Haus und ich könnte die Wände bemalen, die Löcher stopfen, aber was bringt das, wenn die Struktur fault?

Sonja wird ein Job angeboten, den sie ohne Ausbildung von zu Hause aus machen kann: Mit dem Profil einer schönen, jungen Studentin soll sie mit nichtsahnenden Männern auf einer Datingplattform mit ihrem Handy chatten. Zunächst ist es nur ein Job. Sie quatscht mit den Männern – jede Minute kostet ... Ihre Aufgabe ist es, die Männer lange in der Leitung zu halten. Doch dann trifft sie Frank. Der ist weder anzüglich noch dämlich, sendet ihr auch keine dickpics, behandelt sie mit Respekt. Die Chats zwischen den beiden intensivieren sich und Sonja blüht innerlich auf. Da ist jemand, der ihr positive Aufmerksamkeit schenkt. Parallel entfernt sie sich immer weiter von ihrer Familie.


Grobe Schnitzer beim Figurenaufbau


Harald ist am Bau, die Kinder in der Schule und ich bin eine nutzlose Ansammlung an Gewebe, das Unmengen an Energie verbraucht und Kohlenstoffdioxid erzeugt, um am Leben zu bleiben. Mein Hintern versinkt in der familiären Sofakuhle. Im Fernsehen laufen Dauerwerbesendungen. Die Wiederholungen der immergleichen Worte beruhigen mich. Ein Mantra pro Produkt: Wisch und weg. Nie mehr Gemüse schnippeln. Das Fett einfach wegschmelzen.

Die Protagonistin schreibt in der Ichperspektive – und das hat mich stutzig gemacht. Für mich passt der Sound nicht. Eine einfachgestrickte Familie – über den Bildungsstandard der Protagonistin erfahren wir lediglich, dass sie keine Ausbildung hat. Ihr sprachlicher Ausdruck klingt stellenweise nach einem Hochschulabschluss, was für mich nicht zur Figur passte. Wenn man das ausklammert, ist es ein interessantes Buch. Eine Ehe, in der man keine Zeit mehr füreinander hat, weil man nur noch ums Überleben kämpft. Kinder versorgen, arbeiten, einkaufen, kochen, putzen. Keine Anerkennung. Der Kampf um jeden Cent, enttäuschte Kinder, weil man sich die einfachsten Dinge nicht leisten kann. Und dann der Druck, zu funktionieren, da die Arbeitgeber nicht lange fackeln, und kündigen, wenn man nicht funktioniert. Wenn wir allerdings die Beziehung des Ehepaars analysieren, fängt die Story wieder an zu wackeln. Sonja betont immer wieder, wie sehr sie ihren Mann immer noch liebt – und er gibt ja auch alles, um den Familienunterhalt zu verdienen. Die beiden haben sich nicht auseinandergelebt. Ihr an Diabetes erkrankter Sohn benötigt Betreuung. Insofern ist es unverständlich, dass sie sich von Frank einfangen lässt, der ja glaubt, sie sei 20 Jahre alt. Auf der einen Seite ist Sonja völlig abgeklärt, auf der anderen Seite fühlt sie sich zu Frank hingezogen. Oberflächlich eine Story die Sinn ergibt – allerdings beim Nachdenken fallen ganz schnell die Ungereimtheiten auf, grobe Schnitzer beim Figurenaufbau. Zurück bleibt eine gute Beschreibung einer Familie aus dem Arbeitermilieu in einer nicht ganz stimmigen Geschichte. 


Mein Körper ist ein verlassenes Haus. Die Renovierungsarbeiten haben begonnen, Die Falten auf meiner Stirn verlieren an Tiefe. Das verdanke ich dem Stück Tixo, das ich zu Hause immer auf der Haut trage. Kathi findet das albern und schneidet Grimassen, um sich über mich lustig zu machen. Ich kann auch lachen, ohne meine Stirn zu verziehen. Schwieriger ist es, die Rechnungen mit einem entspannten Gesicht durchzugehen. Umso wichtiger, dass jetzt zwei Streifen auf meiner Stim kleben. Handyrechnung. Ziepen. Strom. Gas. Miete. Autoversicherung. Ziepen. Es wird wieder wärmer. Der Frühling kommt. Die Gasrechnung wird sinken. Und dann? Mit Krankengeld und den Einnahmen von den Chats geht sich das nicht aus. Wir haben keine Ersparnisse.


Lisa Wölfl schreibt in Hamburg. Aufgewachsen ist sie in Wien. Dort studierte sie Journalismus, arbeitete für eine Tageszeitung und ein Online-Magazin. Dann als Fulbright Stipendiatin in Maryland, USA. Veröffentlichungen in zahlreichen österreichischen, deutschen und amerikanischen Medien, Texte und Audio. Der erste Prosatext erschien 2018 im Literaturmagazin BIEST. Für die Arbeit an ihrem Debüt erhielt sie 2024 ein Arbeitsstipendium des BMKÖS. «Ein verlassenes Haus» ist ihr erster Roman.





Lisa Wölfl 
Ein verlassenes Haus 
Hardcover mit Lesebändchen gebunden, 240 Seiten 
Zeitgenössische Literatur
Kremayr & Scheria, 2026

Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Marie Käferchen von Kai Lüftner und Wiebke Rauers

  Lieblich mit dem Po wackeln, Augenaufschlag, niemals wild und laut – so sollte sie sein. Aber Marie Käferchen hat darauf keine Lust! Ein wildes Käferchen, das auf Punk und Rock abfährt. Und als das Mädel zur Gitarre greift, ist der ganze Wald nur noch genervt. Ein herrliches Bilderbuch zur Stärkung des Selbstbewusstseins. My way! Das rockt: Gedichtform und bezaubernde Grafik! Empfehlung ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:    Marie Käferchen von Kai Lüftner und Wiebke Rauers

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

Intro mit KI erstellt   Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - WAS IST WAS Kraken. Acht Arme und drei Herzen von Dr. Stephanie Helber

  Perlboot , Sepia , Kalmar , Krake, Oktopus alles kompakt über das Leben der intelligenten Oktopusse , ihre Tarnung , Aufzucht und clevere Jagdtechniken . Sie sind wahre Verwandlungskünstler, blitzschnelle Jäger und ziemlich wendig: Kraken gehören zu den faszinierendsten Lebewesen der Ozeane. Sie haben acht Armen voller Saugnäpfe und eine Haut, die ihre Farbe im Bruchteil einer Sekunde ändern kann . Mit ihrer erstaunlichen Lernfähigkeit sind sie uns viel ähnlicher, als wir denken. Klasse Sachkinderbuch ab 8 Jahren über Tintenfische . Weiter zur Rezension:  WAS IST WAS Kraken. Acht Arme und drei Herzen von Dr. Stephanie Helber  

Rezension - Alte Feinde von Petra Ivanov

Um es gleich vorwegzusagen, mit diesem Thriller küre ich Petra Ivanov zur Queen of Crime der Schweiz. Schon das erste Kapitel ist atemberaubend. Cavalli ist wieder da! Wo hat er nur gesteckt? Der Leser wird es erfahren, Regina Flint noch lange nicht. – dies ist der achte Fall für Cavalli und Flint, wer die anderen sieben nicht kennt, der kann hier problemlos einsteigen. Regina Flint ermittelt derzeit in einem ungewöhnlichen Todesfall, ein Mann wurde mit einer historischen Waffe mit Pulvermunition erschossen. Der Tote ist ein Nachfahr von Heinrich Wirz, eine umstrittene Figur aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Und damit wären wir beim dritten Strang, der in die Zeit des Sezessionskrieges zurückführt. Weiter zur Rezension:    Alte Feinde von Petra Ivanov Petra Ivanov - Lesung Schloss Rapperswil Petra Ivanov, Sabine Ibing - Lesung Schloss Rapperswil

Rezension - Tödliches Angebot von Marisa Kashino

  Margo sucht für ihre hoffentlich bald wachsende Familie eine größere Wohnung, doch die Angebote sind rar. Nach monatelanger frustrierender Suche wird sie in der Nachbarschaft fündig. Sie hört, man wolle in der Nähe demnächst ein Haus verkaufen ... Und so versucht sie sich in die Familie einzuschleichen, das Haus abzusahnen, bevor es überhaupt auf den Markt kommt. Der Klappentext geht bis kurz vor Ende des Buchs, was es nicht besser macht. Die Geschichte schleicht langsam dahin – es fehlt jede Spannung und psychologische Raffinesse . Weiter zur Rezension:    Tödliches Angebot von Marisa Kashino

Rezension - Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König

Intro mit KI erstellt   Dieses Mal steht neben Christopher das Mädchen Anya im Vordergrund. Ihr Großvater, der König, wird heimtückisch ermordet. Ihr Vater wird des Mordes beschuldigt und als Anya selbst in Gefahr gerät, muss sie fliehen. Gemeinsam mit Christopher, dem Hüter der Fabelwesen, muss sie nun ihren Vater retten und das magische Reich vor dem Untergang bewahren. Spannende Fantasie ab 10 Jahren! Weiter zur Rezension:   Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König

Rezension - Leere Häuser von Brenda Navarro

Intro mit KI erstellt Nur für einen kurzen Moment war seine Mutter in die Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon vertieft gewesen, als der dreijährige Daniel vom Spielplatz verschwindet. Eine Unbekannte hat den Jungen mitgenommen und sich so den ersehnten Kinderwunsch erfüllt. Sie nennt ihn Leonel. Beide Frauen erzählen von ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung und ihren Schuldgefühlen. Beide reflektieren ihre Liebesbeziehungen und Lebensträume. Psychologisch gut aufgebaut, hervorragender Roman, lateinamerikanische, feministische Literatur . Weiter zur Rezension:    Leere Häuser von Brenda Navarro

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Lázár von Nelio Biedermann

  «Ein wirklich großer Schriftsteller betritt die Bühne, im Vollbesitz seiner Fähigkeiten.», so wird von ihm geschrieben. Nelio Biedermann schreibt mit 20 Jahren sein erstes Buch und das Manuskript geht in die Versteigerung – die Verlage überbieten sich, es wird in 20 Sprachen verkauft, man redet über ein sechsstelliges Vorschusshonorar – über den neuen Thomas Mann . Uff. Ich war gespannt. Mich konnte der Familienroman nicht überzeugen – leider. Weiter zur Rezension:    Lázár von Nelio Biedermann