Rezension
von Sabine Ibing
Die kleine Spitzmaus
von Akiko Miyakoshi
Die kleine Spitzmaus lebt ganz allein ein ziemlich strukturiertes Leben, funktioniert wie ein Uhrwerk. Jeden Morgen dieselben Rituale: Frühstück, ab zur Arbeit, wo die fleißige Angestellte ihren Job macht. Vom Morgen bis zum Abend ein strenger Zeitplan. Es gibt nur wenig Abwechselung. Die Maus ist mit diesem Leben zufrieden, lebt im Einklang mit ihrem Rhythmus. Die Geschichte beschreibt die japanische Lebensphilosophie Ikigai, die das Glück im Kleinen sucht und findet.
Ein Tag in ihrem Leben verläuft ungefähr so: Wenn ihr Wecker um sechs Uhr klingelt, geht sie zuerst auf die Toilette, dann schüttet sie Wasser in ein Glas und trinkt es. Zum Frühstück isst sie Honigkekse. Drei
Stück. Sie isst sie von ihrem Lieblingsteller. Dann verschließt sie die Tüte mit den Keksen sorgfältig mit einer Klammer und legt die Tüte in ihren Brotkorb.
Die Maus freut sich an kleinen Dingen – etwa wenn sie zum ersten Mal ihren Zauberwürfel gelöst hat, oder sie den Duft von frisch gebackenem Brot genießt, sie die unendliche Schönheit des blau schimmernden Ozeans auf einem Plakat bewundert oder sich über einen Besuch von Freunden freut, die einmal im Jahr vorbeikommen. Sie lebt das Leben von vielen Menschen – die, mit wenig zufrieden sind, den täglichen Rhythmus genießen. Sie braucht nicht viel, erfreut sich an kleinen Glücksmomenten. Im Gegensatz zu den meisten Kinderbüchern befasst sich dieses Buch nicht mit einem aufregenden Abenteuer, sondern mit dem Banalen, dem Alltäglichen. Na und?, fragt man sich zunächst.
Diese Maus lebt allein. Ist sie einsam?, fragt man sich. – Sie scheint glücklich zu sein. Genügsamkeit, sich mit wenigem zufriedenzugeben. Die Wohnung ist einfach möbliert, macht einen gemütlichen Eindruck. Das Buch birgt eine Menge Diskussionsstoff. Wie willst du leben? Was ist dir wichtig? Ikigai: in Harmonie und Nachhaltigkeit leben – Freude an kleinen Dingen entdecken. Die Grafiken Miyakoshis sind in typischer weicher monochromer Farbpalette mit Farbtupfern illustriert. Samtig leuchtende Bilder mit einer Mischung aus Bleistift, Kohle und Acrylgouache machen die Illustrationen zu einem ungewöhnlich eigenen Stil. Kein expressives Durcheinander, sondern anmutige, aufgeräumte Proportionen mit stimmungsvollen Details in anmutigem Licht passen sich ins Ikigai ein. Diese kleine Sammlung von drei Kurzgeschichten ist perfekt für Leseanfänger. Das Verlagshaus Jacoby & Stuart gibt eine Altersempfehlung ab 5 Jahren. Empfehlung?
Akiko Miyakoshi studierte Visuelle Kommunikation und Design an der Musashino-Universität. Während ihres Studiums begann sie, Bücher zu entwerfen, aber erst 2009, nachdem sie nach Berlin gezogen war, veröffentlichte sie ihr erstes Buch, Typhoon Comes, für das sie zwei Preise gewann. Akiko Miyakoshi arbeitet in Tokio.
Akiko Miyakoshi Die kleine Spitzmaus
Aus dem Japanischen und Englischen von Paula Weber und Nicola T Stuart.
Kinderbuch, Bilderbuch, Ikigai, Japanische Literatur
Hardcover, 80 Seiten, 15.1 x 20.6 cm
Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2025
Altersempfehlung: ab 5 Jahren
Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.




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