Rezension
von Sabine Ibing
Balaclava
von Campbell Jefferys
Die Menschen sind wütend, Russ, und diese Wut hat sich sehr lange aufgestaut. So viele Leute da draußen haben das Gefühl, nicht gehört zu werden. Das kannst du auf den Fotos sehen, die ich heute Morgen gemacht habe. Schau dir die Leidenschaft an, die Entschlossenheit, die Wut. Wenn man mittendrin ist, kann man nicht anders, als sich mitreißen zu lassen. Sie wollen Blut fließen sehen. Das ist eine tickende Zeitbombe. Es geht nicht mehr um Protest oder Politik oder Polizeibrutalität oder Plünderungen. Es geht um Veränderung.
Klimawandel, hohe Mieten, ökonomische Ungleichheiten, Arbeitslosigkeit, Politiker, die sich nur um die oberen 1% kümmern. Die Menschen sind wütend und gehen auf die Straße. Millionen Menschen sind bereit, für den Wandel, den sie sich wünschen, zu kämpfen. Alles, was sie brauchen, ist ein Anführer. Dieser Roman nennt sich Dystopie – wovon ich allerdings nichts gemerkt habe. Mara, eine Polizistin aus Berlin ist jeden Tag mit Gewalt konfrontiert. Die meisten ihrer Kollegen sind diszipliniert, korrekt. Aber es gibt auch gewaltbereite Typen mit rechten Sprüchen, die sich feindlich gegenüber Ausländern und Frauen verhalten. Mara stammt allerdings aus Hamburg und so liegt es nahe, dass man sie undercover nach Hamburg sendet, damit sie sich unter die linken Gruppen mischt, herauszufinden, wer bei einer Demo den einen Polizisten ermordet hat. Mara hat das Video gesehen – der Polizist sackt zusammen, neben ihm ein junger Mann, dessen Gesicht mit einer Balaclava verdeckt ist. Mara hat ihn erkannt! Diese Augen gehören ihrem Bruder! Und der würde niemanden umbringen.
Szenen zu aufgeblasen
Genau vor einer Woche befand ich mich in einem Straßenkampf gegen Rechtsextreme in Pankow. Jetzt bin ich nur noch eine Nacht davon entfernt, mit den Linken (und wer auch immer sonst noch auftaucht und sich unter die Teilnehmer mischt, vielleicht sogar ein paar Rechtsradikale) in den Kampf zu ziehen. Womöglich muss ich sogar gegen die Polizei kämpfen. Ich kann schon hören, wie du fragst: »Wie fühlst du dich dabei?« Natürlich zwiegespalten. Nicht alle Demonstranten sind böse, und nicht alle Polizisten sind gut. Ich war lange genug bei der Polizei, um zu wissen, dass die meisten in der Truppe gut sind, aber es sind die bösen, die einem im Gedächtnis bleiben und Probleme machen.
Mara muss ihren Bruder vor der Polizei aufspüren! In Hamburg nimmt sie gleich an einer Aktion für Tierrecht teil. Sie stürmen einen Bauernhof und befreien die Schweine aus dem Stall. Mara ist nun in der Gruppe drin. Und sie kommt der Organisation Modra auf die Spur, die sämtliche linken und rechten Gruppen zu einer gemeinsamen Protestorganisation zusammenbinden will. Im Prinzip ist der Thriller spannend, allerdings zu sehr aufgeblasen. Endlose Szenen und Diskussionen lähmen die Story. Ein Viertel bis ein Drittel könnte man herauslassen – bedeutet, hier war ein schlechtes Lektorat am Werk. Eigentlich werden die Demonstrationen gut beschrieben, allerdings auch hier, minutiös, Meter für Meter mit Benennung sämtlicher Straßennamen, die man auf dem Stadtplan mitverfolgen könnte. Das ist einfach zu viel des Guten, man muss nicht alle Straßen in Berlin, Hamburg, Linz und Stuttgart aufzählen, durch die die Protagonisten ziehen.
Veränderung bei der Polizei
‹Es gibt Politiker, die sich selbst als Eltern ansehen und die Bürger als ihre Kinder. Deshalb glauben sie, dass sie als Eltern bei ihren außer Kontrolle geratenen Kindern härter durchgreifen müssen.› ‹Es wäre besser, sich zusammenzusetzen und ihnen zuzuhören. Übermäßige Strenge geht immer nach hinten los. Wenn man einem Kind etwas verbietet, will es diese Sache umso mehr.›‹In der Tat. Außerdem hat uns die Geschichte gelehrt, was passiert, wenn sich eine selbst ernannte Vaterfigur auf ein Podest stellt und versucht, ein Land voll blonder Kinder zu erziehen.› Verlegen fährt sich Nils mit der Hand durch das Haar.‹Das auch›, sagt Mara. ‹Ich dachte, in Berlin wäre die Lage schon schlimm. Dort hat man das Gefühl, alle wären so angespannt, dass schon die kleinste Kleinigkeit sie aus der Fassung bringt. Aber wir hatten immer die klare Anweisung, in jeder Situation die Kontrolle zu bewahren. Wir durften niemals zur Gewalt anstiften. Niemals der Aggressor sein. Nach dem, was ich hier in weniger als einer Woche gesehen habe, hat die Polizei in Hamburg eine andere Herangehensweise.›
Die Thematik ist gut, die Themen von heute, nämlich der rechte Rückschritt: Soziale Ungerechtigkeit, Frauenrechte, gezielte Polizeigewalt gegen Demonstranten, die durch die Innenminister gesteuert wird. Dazu kommen Tierrechte, Umweltpolitik und vieles mehr. Genau hier verliert sich der Autor in Oberflächlichkeit, weil er eine Cassata herstellen will und alles hineinlegen möchte. Hier verrennt er sich, ergibt sich unendlich in aufgeblähten Szenen, vernachlässigt aber dabei seine Themen, die immer nur angerissen sind. Mara hat mir gefallen, die auf der einen Seite Polizistin ist, für Recht und Ordnung steht, auf der anderen Seite die Belange der Protestgruppen versteht. Ihre Polizei steht für den Schutz der Bevölkerung, aber sie sieht auch andere Polizisten und eine Veränderung, die gerade durch die Polizei geht – gewollte Gewalt gegen friedliche Demonstranten, die durch die Politik befohlen wird. Das ist nicht mehr ihre Polizei, und so ist ihre Loyalität auf die Probe gestellt. Sie selbst kommt aus einer Protestfamilie einerseits – der Vater – und auf der anderen Seite hat ihre Mutter beim Verfassungsschutz gearbeitet.
Potential vertan
‹Jetzt ist er mein Lakai›, sagt Mara. ‹Denn ich kenne sein großes Geheimnis. Obwohl er viel gefährlicher werden könnte, als ich anfangs dachte.› Zina Augen sind geschlossen. Ihr Kopf versinkt langsam tiefer im Kissen.‹Warum? Er wurde bekehrt. Erst hatte er nichts mit der Protestszene am Hut, und nun steht er voll dahinter. Er sieht diesen Vilem an, als wäre er sein Erlöser. Der Heiland persönlich. Das halte ich für gefährlich. Dass sich ein normaler, durchschnittlich intelligenter Mensch so leicht beeinflussen und verändern lässt und das Potenzial entwickelt, fiese Dinge zu tun.
Inhaltlich gibt es auch ein paar Fehler. Bei der Polizei wird man nicht aufgenommen, wen man mal im Knast gesessen hat, auch nicht mit Jugendstrafe. Die wird zwar im kleinen Führungszeugnis nicht mehr aufgeführt, aber im großen. Die Jugend von Mara war schwammig, widersprüchlich, auch die Sache mit ihrer Mutter. Und dabei gab es ziemlich viel Zufall, Zufall, Zufall, konstruiert an vielen Stellen, wie auch das merkwürdige Ende. Das glaubt kein Mensch. Sprachlich hat das Lektorat auch einiges übersehen, ein paar Formulierungen, zu viele Füllworte. Und das Korrektorat hat einiges an Rechtschreibfehlern übersehen. Der Roman hat Potential, ohne Frage, und man kann ihn gut lesen, wenn man hin und wieder quer liest. Mit einem guten Lektorat hätte man etwas draus machen können: kürzen, sprachlich feilen, ein paar Themen rausschmeißen. So kann ich nur sagen, stellenweise gut, interessant, stellenweise zu ausufernd und überfrachtet, sprachlich ist da Luft nach oben, ebenso in der Rechtschreibung. Was mich genervt hat, war die Bindung und das Gewicht. Das Buch ist sehr schwer und eng gebunden, so dass es ein Kraftakt ist es offen zu halten.
Campbell Jefferys stammt aus einer Kleinstadt in Westaustralien. Sein zweites Buch, „Hunter“, gewann 2009 den Indie Book Award in der Kategorie Belletristik. Er ist außerdem Autor von „The Bicycle Teacher“ (2005), „True Blue Tucker“ (2011), das in der Kategorie Belletristik Australien/Neuseeland der IPPYs, den Independent Publisher Book Awards 2012, ausgezeichnet wurde, „Rowan and Eris“ (2018) und der Sachbuch-Reisesammlung „Greetings from“.
Balaclava
Thriller, Australische Literatur
Taschenbuch, 546 Seiten
Rippple Books Verlag, 2024

Krimis und Thriller
Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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