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Zeter und Mordio von Jens Cornils - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Zeter und Mordio 


von Jens Cornils


ZETER UND MORDIO ist ein Begriff, der der mittelalterlichen Gerichtspraxis entstammt. ZETER ist vermutlich eine Zusammenziehung der Worte ‹Ze achte her›, was so viel bedeutet wie ‹Herbei zur Vergeltung›, MORDIO ist von dem Wort ‹Mord› abgeleitet. Der redensartliche Ausdruck umschreibt den lauten, aber vor allem nachdrücklichen Ausruf nach Hilfe. (Vorwort)


Ein herrlicher historischer Comic, der eine wahre Geschichte beschreibt! Als der jüdischer Händler Daniel Ben Mose, Mitglied einer angesehenen Hamburger Bürgerfamilie ermordet wird, ein anderer, Abraham Metz, verschwunden ist, kommt der Verdacht auf, auch sei er beraubt worden und ermordet. Und es besteht sogar ein Tatverdacht. Doch die Mitglieder der jüdischen Gemeinde nehmen das Verbrechen hin, um niemanden gegen sich aufzubringen. Nur die junge Rebekka Lipmann kann sich nicht damit abfinden und beginnt zu ermitteln, lässt nicht locker. Sie schnüffelt sich durch Hinterhofsynagogen, Handelsbörsen, Tavernen und Vergnügungsmeilen des frühen Hamburg und Altena. Ihr Mann Schmuel steht ihr dabei unfreiwillig zur Seite.






Die Geschichte basiert auf einem historischen Kriminalfall von 1687, den Glückel von Hameln in ihren Memoiren schildert. Sie wurde früh mit dem nur wenige Jahre älteren Chajim verheiratet, der 1691 starb und ihr das verschuldete Geschäft und 14 Kinder hinterließ, von denen acht noch unverheiratet waren. «Um nicht endgültig dem Trübsal zu verfallen», beginnt sie ihre Autobiografie aufzuschreiben. Ihre Memoiren sind eine herausragende Quelle für die Erforschung deutsch-jüdischer Geschichte und Kultur. Sie verfasste sieben Bücher über ihr Leben auf Westjiddisch, verfasst mit hebräischen Buchstaben. Erst Ende des 19. Jahrhunderts veröffentlichte David Kaufmann die Memoiren in einer gekürzten Form, und Bertha Pappenheim übersetzte das Werk 1910 ins Deutsche, was ein Bestseller wurde. Eine patente und erfolgreiche Geschäftsfrau, die nach seinem Tod ihres Mannes den Perlen- und Juwelenhandel fortführte und die Handelswaren erfolgreich erweiterte. Ihre Familien- und Handelsnetzwerke erstreckten sich über ganz Mitteleuropa. 



Ihre Memoiren zeigen wie das Leben deutscher Jüdinnen und Juden in der Frühen Neuzeit organisiert war. Sie berichtet von Gemeindestreitigkeiten, der Angst vor der Pest, der Beziehung zwischen Aschkenasen (deutschsprachigen Jüdinnen und Juden) und Sefarden (portugiesisch-stämmigen Jüdinnen und Juden) sowie der Judenpolitik in der Hansestadt. Denn auf Druck der lutherisch-orthodoxen Geistlichen hatten weder Juden noch Katholiken ein Recht auf Ausübung ihrer Religion innerhalb der Hamburger Stadtmauern. Das religiöse Zentrum der Hamburger Juden wurde in Altona angesiedelt, welches zur dänischen Krone gehörte. Genau das ist unter anderem Thema dieser Graphic Novel. Im fünften Buch beschreibt Glückel von Hameln zwei Mordfälle an jüdischen Kaufleuten, was zum Thema von diesem Buch wurde. 



Das letzte Viertel des 17. Jahrhunderts in Hamburg war geprägt von wirtschaftlicher Stagnation, Machtkämpfe zwischen Rat und Bürgern sowie durch kirchenpolitische Auseinandersetzungen. Hinzu kamen Spannungen zwischen der dänischen Krone und der Freien Reichsstadt. Die Graphic Novel entstand in Zusammenarbeit mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden und dem Bildungsprojekt «Geschichtomat». Der «Geschichtomat» ist ein Bildungsprojekt in Hamburg, das darauf abzielt, Schülerinnen und Schülern einen vertieften und eigenständigen Zugang zur jüdischen Geschichte, Kultur und Gegenwart zu ermöglichen. Es wurde ins Leben gerufen, um deutsch-jüdische Geschichte jenseits der Opferperspektive zu vermitteln und Vorurteile gegenüber dem Judentum abzubauen sowie Antisemitismus vorzubeugen. 



Der Comic ist eine Bereicherung, um das jüdische Leben und Leiden zu verstehen – die Regionsdispute aus dieser Zeit. Ein bisschen 17. Jahrhundert, Hamburger Geschichte – ein spannender True-Crime mit vielen Wendungen, herrliche Zeichnungen – was will man mehr? Rebekka schert sich weniger um religiöse Gesetze, schon gar nicht darum, ihrem Mann zu gehorchen. Rebekka ist forsch, mutig, neugierig, schmul ein Zauderer; aber er sorgt sich um sie und geht gezwungener Maßen mit ihr mit. Er möchte nicht auffallen, sagt: ‹Tut man den Mund nicht auf, fliegt auch keine Fliege hinein.› – die Antwort von Rebekka kommt promt: «Sie fliegt nicht hinein, weil sie längst tot im Spinnennetz hängt.» Sie mischt die Gemeinde auf, widerspricht den Männern – was natürlich mit viel Witz gestaltet ist. Hier tummeln sich, wie es sich für einen historischen Roman gehört, historische Persönlichkeiten zusammen mit erfundenem Personal. Der Aufbau ist typisch für einen guten Krimialroman gestaltet: spannend wendungsreich, der Täter ist bekannt, aber es fehlen die Beweise, ihn festzunageln. Die Grafiken sind in Naturfarben gehalten, im mittelalterlichen Stil gezeichnet. Neben den üblichen Panaels gibt es herrliche ganzseitige Grafiken, die an Drohnenaufnahmen erinnern. Insgesamt ein Comic, Kriminalliteratur, der absolut begeistert! Allage, für Jugendliche ab 14 Jahren von mir. 



Jens Cornils wurde 1982 in Soltau, Niedersachsen geboren. Nach einer naturwissenschaftlichen Ausbildung und einem längeren Auslandsaufenthalt in Kanada begann er Illustration an der HAW Hamburg zu studieren, um Comiczeichner zu werden. Bereits im Studium konzentrierte er sich auf die Aufarbeitung historischer Stoffe. Sein Debut Zeter und Mordio basiert auf einem Kriminalfall aus dem Jahre 1687, den Glückel von Hameln, die erste deutsch-jüdische Schriftstellerin, in ihren Memoiren schildert. Die Arbeit wurde als einer von neun Finalisten für den Comicpreis 2024 der Berthold Leibinger Stiftung ausgezeichnet und entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Projekt „Geschichtomat“ des Institut für die Geschichten der Deutschen Juden in Hamburg. Neben Comics illustriert Jens Cornils auch Geschichten für Kinder.


Jens Cornils
Zeter und Mordio
Frei nach den Memoiren der Glückel von Hameln 
Graphic Novel, Krimialroman, Comic, Kriminalliteratur, Krimi, Historischer Krimi, Judentum
Hardcover, 224 Seiten, 16.8 x 23.8 cm
avant-verlag, 2024



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Für die Fans von Comis / Graphic Novels und sonstigem Gezeichneten, wie Satire. Hier auf dieser Seite zusammengefasst.  Alle Altersgruppen. Graphic Novel, Comic, Grafisches


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Im Prinzip bin ich an aller historischer Literatur interessiert. Manche Leute behaupten ja, historisch seien Bücher erst ab Mittelalter.  Historisch - das Wort besagt es ja: alles ab gestern - aber nur was von historischem Wert ist. Was findet ihr bei mir nicht? Schmonzetten in mittelalterlichen Gewändern. Das mag ganz nett sein, hat für mich jedoch keine historische Relevanz.  Hier gibt es Romane und Sachbücher mit echtem historischen Hintergrund.
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