Rezension
von Sabine Ibing
Und die Welt, sie fliegt hoch
von Sarah Jäger
Hallo?
Ist da jemand?
Ava hier.
Wir kennen uns, oder?
Woher hast du meine Handynummer?
Es sind Sommerferien und alle Menschen sind draußen, sitzen im Eiscafé oder liegen im Freibad. Nur der vierzehnjährige Juri bleibt zu Hause, denn sein Lieblingsort ist sein Zimmer – hier fühlt er sich sicher. Doch dann erhält er eine Textnachricht von Ava. Die beiden kennen sich aus der Grundschule, hatten seit Jahren keinen Kontakt mehr. Ava würde liebend gern mit ihren Freunden im Schwimmbad sein. Doch sie hat Hausarrest. «Wegen so einer Sache», sagt sie. In Chats (Wohl WhatsApp) tasten sie sich aneinander heran.
Du hast Zeit, und ich habe Langeweile. Wenn ich Langeweile habe, bin ich nicht sonderlich wählerisch.
So beginnt Ava das Gespräch – gleich in die Vollen. Gerade weil die beiden nicht unterschiedlicher sein könnten, entsteht ein spannender Dialog über Joghurteis mit Himbeersauce und schlimmste Geburtstage. Nach Banalitäten wird das Gespräch intensiver und die beiden tauschen erste Geständnisse, kleine Geheimnisse und große Ängste aus. Doch dann bekommt das Vertrauen einen Knacks. Juri hat Depressionen und eine soziale Phobie auf Menschen. Er fühlt sich nur in seinem Zimmer wohl, hat Angst vor der Welt da draußen. Ava schafft es, sich Schritt für Schritt Juri anzunähern. Juri hat der Lockdown gefallen, denn er hatte in der Schule Bauchschmerzen, fühlte sich zu Hause wohl. Der Dialog zwischen den beiden ist je auf einer Doppelseite platziert, so dass man abwechselnd links und rechts je eine Person liest. Dazwischen befinden sich eine Menge kleiner Illustrationen von Sarah Maus.
Hast du auch manchmal das Gefühl
dass bald alles hochfliegt
Alles?
Einfach alles
Die Welt
Alles fliegt hoch
Als ob es explodiert?
Als ob ich den Halt verliere
Sarah Jäger schreibt sehr empathisch, versetzt sich gut in Juri hinein – auf seiner Seite fehlen sämtliche Satzzeichen. Ava ist extrovertiert, ein starkes Mädchen und hat sich einiges vorgenommen für die Sommerferien: Vom Zehner springen, einen Jungen küssen und zur Sommerabschlussparty zu gehen. Zu Letzterem möchte sie Juri überreden, auch mit ihr Joghurteis mit Himbeersoße zu essen. So forsch, wie sie tut, ist sie nämlich gar nicht. Auch Ava hat es nicht einfach, als Scheidungskind «in zwei Leben rumzuflattern.» Letztendlich befruchten sich die beiden gegenseitig. Intensive Gespräche, Wendungen, viel Humor – trotz aller Ernsthaftigkeit fliegen die Texte hoch mit Leichtigkeit und das Lesen macht Spaß, nimmt mit. Der Rowohlt Verlag gibt eine Altersempfehlung: ab 12 Jahren, dem schließe ich mich an. Klasse Kinderbuch – Empfehlung!
Vielleicht ist das auch manchmal ein bisschen anstrengend für mich, so quasi in zwei Leben rumzuflattern - immer mit dem Gefühl: Du musst jetzt genau in die Lücke passen. Aber das kann ich nur flüstern. Kann das nur sagen, weil es dunkel ist. Und ich lösche die Nachricht auch gleich wieder, sobald du sie gehört hast.
Sarah Jäger lebt im Ruhrgebiet. Sie ist IHK-zertifizierte Call-Center-Agentin, ausgebildete Theaterpädagogin und umgeschulte Buchhändlerin. Ihr Jugendbuch «Die Nacht so groß wie wir» war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und wurde mit dem Hans-im-Glück-Preis ausgezeichnet.
Sarah Jäger Und die Welt, sie fliegt hoch
Sarah Maus (Illustrator)
Jugendbuch, Jugendroman, Kinder- und Jugendroman, Depression, sozialer Phobie
Taschenbuch, 272 Seiten
Rowohlt Verlag, 2024
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Kinder- und Jugendbücher - 10 bis13 Jahre
Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.




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