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Der Mini-Musketier von Joann Sfar - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Der Mini-Musketier 


von Joann Sfar

Trilogie der Comic-Serie als Gesamtausgabe


Ein bisschen Rabelais, ein bisschen Lewis Carroll, ein Hauch von Cyrano de Bergerac als Robinson Crusoe im Stil von den Abenteuern des Barons Münchhausen ist in dieser Graphic Novel vorhanden. Ein stattlicher Musketier, der ein Schlankheitsmittel einnimmt, ist plötzlich auf die Größe eines Däumlings geschrumpft und findet sich an einem Ort wieder, an dem alles winzig klein ist. Von Frankreich ins Minifrankreich – beim ersten Blick scheint beides gleich. Sofort wird er von der Ärztin, die ihn untersucht als Aktmodell an der Kunstakademie engagiert, unter Dutzenden Frauen, die ihn zeichnen und in allen Einzelheiten betrachten. Soweit der erste Band – ein umfangreiches Buch, weil zwei weitere folgen.



Eine Trilogie der Comic-Serie als Gesamtausgabe über den Minuscule Mousquetaire. Eine Humoreske zum Thema Heldentum und Männlichkeit – ein Musketier, der in eine in eine Parallelwelt gerät, in der die Frauen alle Freizügigkeiten genießen, die teilweise von Frauen regiert wird. Die erste Geschichte fand ich ziemlich witzig, die zweite auch. aber der dritte Band war nur bedingt meins. In Band zwei ist unser Musketier zu dick geworden, weil er sich nicht mehr genug bewegt bei Frau Doktor. Er darf in einem Zuber baden, sagt sie, doch auf keinen Fall in der Marmorwanne – was er natürlich ignoriert und nun in eine Unterwasserwelt hineingezogen wird. Die Zeichnungen explodieren anfangs fast vor den Augen des Betrachters. Aber es wird wieder ruhiger. Die Reise durch diese Welt erinnert an die abenteuerlichen Reisen des Odysseus, mit ähnlichen Figuren der griechischen Mythologie, denen es zu entkommen gilt – denn auch hier sind es ja die Frauen.


Der dritte Teil der Grafic Novel ist in der Qualität nicht so gut wie die Vorgänger, der Text ist anfänglich kaum lesbar, irgendwie verschwommen. Auch die Illustrationen lösen sich fast auf, wirken wie dahingeschmissene Skizzen. Unser Held ist nun als Robinson unterwegs und landet auf einer Insel – ab hier ist der Text wieder lesbar. Mag sein, dass die Seiten zuvor im Delirium, dem Tode nah einen verschwommenen Text haben sollten. Aber zeichnerisch geht es im Skizzenmodus weiter. 



Der Musketier küsst natürlich sofort eine Frau und muss sie nun heiraten – er ist zufrieden mit ihr. Leider sehen ihre Schwestern ähnlich aus, er küsst die Falsche und bekommt gewaltigen Ärger, muss in einem Surfwettkampf gegen den Häuptling antreten, den er nur verlieren kann – um dann zerstückelt zu werden. Er kann entkommen, wird auf die nächste Insel gespült usw. Irgendwie geht die Fantasie des Autors durch und er springt wie das Pferd über das Schachbrett von Situation zu Situation. Die drei Alben sind mit Aquarellfarben koloriert, wobei mir zeichnerisch eben der letzte Band nicht zusagt. Insgesamt ein frivoler, humorvoller Comic aus den Bereichen Abenteuerroman, Fantasie, der insgesamt Spaß macht.


Joann Sfar gehört sicherlich zu den interessantesten europäischen Szenaristen und begabtesten französischen Zeichnern. Sein Output an Arbeiten ist unglaublich. So existieren bereits über 100 Alben und Bücher im französischsprachigen Raum. Allein seine beim Verlag L’Association binnen eines einzigen Jahres veröffentlichten autobiografischen Notizbücher Harmonica, Ukulélé, Parapluie und Piano umfassen insgesamt rund 1.200 oft eng beschriebene Seiten. Zudem machen diese Publikationen nur einen Teil der großen Sfarschen Produktion aus. Denn es erschienen unter anderem auch noch neue Alben seiner Serien Donjon, Desmodus, Grand Vampire, Professor Bell, Klezmer und Die Katze des Rabbiners.



Der Franzose scheint geradezu omnipräsent – dabei wechselt er beständig die Genres: Fantastische Geschichten, Abenteuer, mystische Folklore, Science Fiction, Autobiografisches und Heroic-Fantasy wechseln sich im Werk von Sfar beständig ab. Zudem ist er mittlerweile zu einem bekannten Kinderbuchautoren avanciert.


Geboren wurde Joann Sfar am 28. August 1971 in Nizza. Beeinflusst von den Erzählungen und Mythen seines jüdischen Elternhauses begann er schon früh mit dem Zeichnen eigener Geschichten. Sein Weg führte ihn über ein Philosophiestudium schließlich zur Kunsthochschule und anschließend zum Comiczeichnen. 1996 erschien sein erstes Album. Als seine Vorbilder sieht er Fred, Baudoin und Pierre Dubois (Dubois ist auch Vorbild für die Figur seines Minuscule Mousquetaire). Inzwischen schreibt und zeichnet Sfar für fast alle größeren französischen Verlage eigene Reihen. Zusammen mit Lewis Trondheim zählt Sfar mittlerweile zu den Autoren, die den französischen Comic erneuern. Dabei liegt ihm nichts an der Perfektion der klassischen Vorbilder wie der Ligne Claire eines Hergé, ganz im Gegenteil: Sfar interessiert sich mehr für den persönlichen Ausdruck seiner Zeichnungen, lässt Fehler zu und scheint auf der Suche nach der «Unperfektion». Dies gilt auch für den Figurenkosmos, den er entwirft. Immer wieder trifft man seine Charaktere außerhalb ihrer eigenen Reihe in den Alben einer anderen Serie wieder. 2010 debütierte Sfar als Regisseur des vielbeachteten Spielfilms Gainsbourg. 2011 folgte Die Katze des Rabbiners als abendfüllender Zeichentrickfilm. Auch neben seiner Arbeit als Regisseur findet er noch Zeit, weitere Comicalben zu zeichnen.


Joann Sfar 
Der Mini-Musketier 
Originaltitel: ‎Le Minuskule Mousquetaire-L’Integrale
Aus dem Französischen übersetzt von Lilian Pithan
Comic, Grafic Novel, Abenteuerroman, Fantasie
Hardcover, 168 Seiten, 22.2 x 29.2 cm
avant Verlag, 2025




Graphic Novel, Comic, Grafisches  

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