Rezension
von Sabine Ibing
Kein Geld, kein Glück, kein Sprit
von Heinz Strunk
Ihr Zimmer liegt im vierten Stock. Sie setzt sich aufs Bett. Der Geruch von nassem Hundefell steigt ihr in die Nase, intensiv und durchdringend, als wäre er mit einem Schwamm in den Stoff gerieben worden. Als sie das Fenster öffnet, saugt der Wind die dünnen Gardinen durch den Spalt. Der Tisch ist voller Nässeringe und Brandflecken, die Matratze dünn wie ein Pfannkuchen. Es ist drinnen fast so kalt wie draußen.
«Kein Geld, kein Glück, kein Sprit», ein Satz, der in diesen 36 Kurz- und Kürzestgeschichten immer wieder auftaucht. Tragische Geschichten, schwarzer Humor, Figuren mit «erbarmungswürdigen Anblick», einsame Menschen, kaputte Beziehungen, unwürdiges Altwerden, Verfall, Entwürdigung, bis hin zu Suizidversuchen, die abgebrochen werden oder durch andere verhindert, groteske Situationen, menschliche Tragödien, «peinsame» Momente, wie der Yogamann, dem in der Gruppe ein Stinkefurz nach dem anderen herausknattert … In einigen tragischen Storys ereilt der Tod die Protagonisten.
‹Guck mal. Entwarnung. Setz dich doch eben.› Da gibt es wohl kein Entrinnen. Okay, zehn Minuten, keine Minute länger, das wird er durchstehen. Dem Sessel entströmt bitterer Plastikgeruch. Ob es stimmt, dass Dings, der Keyboarder, gestorben sei. Ja, vor zwei Jahren. Der Sänger erteilt detailliert Auskunft über die tragischen Todesumstände des Klimperers: Im Winter besoffen hingefallen und nicht wieder hochgekommen. Hat sich eingenässt und ist auf dem Gehweg festgefroren. 2023 IN DEUTSCHLAND! Aus der Nase sei ihm ein Eiszapfen gewachsen, als man ihn am nächsten Tag gefunden habe, sei er ganz zusammengeschnurrt, die Knie unterm Kinn, der Leib bretthart. Die Leute, die ihn fanden, hätten vergeblich probiert, ihn wieder gerade zu biegen, das hätten sie den Leuten im Bestattungsinstitut überlassen müssen.
Strunk ist ein fantastischer Beobachter. Herrlich das Warten und Aufrücken in der Schlange am Buffet eines All-Inclusive-Hotels auf Gran Canaria – weil alle versessen sind auf die Scampipfanne, die es einmal wöchentlich beim Showkooking am Buffet gibt. Urlaubsbekanntschaften. – Da ist ein Schluckauf, der nicht enden will und die Schluckauferin irgendwann in den Wahnsinn treibt, in den Suizid treibt. – Nach 22 Jahren macht er ihr einen Heiratsantrag! So ungeschickt, dass sie am nächsten Tag auszieht. Hätte er es bloß gelassen. – Die Tragik einer Schönheitsoperation; hätte sie es bloß gelassen. – Eine Ostsee-Gemeinde wehrt sich gegen eine unverschämte Terroristin, ähh, ich meinte Touristin … Trotz aller Ekligkeit spürt man die Empathie, die Strunk mit seinen Protagonist:innen hat und unter allem liegt ein Sound von Melancholie.
Seltsamer Typ, passt viel eher in den Cotton Club (Live-Jazz und Weizenbier), ein puddinghafter 70er-Jahre-Liedermacher-Typ mit unglücklichem Clownsgesicht. Ledrige Ohren, getrocknet und geräuchert, die Oberlippe steht ein bisschen vor, als wäre sie entzündet. Erstaunlich, was sich im Bruchteil einer Sekunde alles erfassen lässt.
Manche Lesenden kommen mit den Strunkschen Büchern nicht klar, weil er so schön eklig sein kann und brutal den Daumen in Ecken steckt, die fern der heilen Welt liegen. Und das macht er genial! Strunk selbst dazu: «Ich weiß auch nicht, mit welchen Instagram-Hotspot- oder Rosamunde-Pilcher-Filtern die Menschen durch die Welt gehen, die das meinen. Also ich habe auf jeden Fall – wie ich finde – einen sehr liebenswürdigen Blick auf die Leute.» Heinz Strunk lädt uns wieder ein in eine Welt, in der es viel zu staunen und zu lachen gibt, obwohl sie im Großen und Ganzen voller Schmerz und Schauer ist, Krankheiten, Tod, abgrundtief elende Familiengeschichten und Paartragödien. Die Geschichten sind sarkastisch, aber nie hämisch. Erzählkunst des Zeitgenössischen; Strunk schaut sich um, beobachtet und analysiert feinsinnig die Welt, in der er lebt, völlig neben jeder Romantik. Der Lesende riecht mit, sieht Szenen direkt vor seinen Augen, schüttelt sich voller Ekel, fühlt mit und an manchen Stellen grinst er, lacht schallend. Einfach großartig!
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| © Rohwolt Verlag |
Der Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk wurde 1962 in Bevensen geboren. Seit seinem ersten Roman «Fleisch ist mein Gemüse» hat er 14 weitere Bücher veröffentlicht. «Der goldene Handschuh» stand monatelang auf der Bestsellerliste; die Verfilmung durch Fatih Akin lief im Wettbewerb der Berlinale. 2016 wurde der Autor mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis geehrt. Seine Romane «Es ist immer so schön mit dir» und «Ein Sommer in Niendorf» waren für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zuletzt erschien «Kein Geld Kein Glück Kein Sprit», für das Strunk mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde.
Kein Geld Kein Glück Kein Sprit
36 Kurzgeschichten, Zeitgenössische Literatur
Hardcover mit Schutzumschlag, 192 Seiten
Rowohlt Verlag, 2025
Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …Zeitgenössische Roman




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