Rezension
von Sabine Ibing
Absolute Gewinner
von Christoph Scheuring
Früher, als ich noch klein war, hat meine Mutter immer gesagt: »Wenn du etwas Unangenehmes beichten musst, tu’s lieber gleich. Dann hast du’s hinter dir und musst nicht mehr den ganzen Tag daran denken.« Mit sieben oder acht Jahren hab ich ihr das auch echt noch geglaubt und alles sofort erzählt, aber mittlerweile weiß ich, dass der Spruch ziemlicher Blödsinn ist, weil man ja immer die Chance hat, dass sich das Unangenehme von selbst erledigt. Wenn man nur lange genug wartet damit.
Luca trainiert auf dem Basketballplatz – immer allein. Er mag nicht mit anderen zusammensein, weil er eine krächzende Piepsstimme hat, er bleibt lieber stumm. Krächzend oder piepsend – beides zusammen geht nicht. Das ist am Anfang ein großes Problem – das der Autor im Laufe des Schreibens vergessen hat. Leider ein eklatanter Fehler. Verziehen! Eines Tages wird ein Turnier ausgeschrieben, Jugendmannschaften können sich anmelden: Die besten aus den Städten fahren nach Berlin und der Sieger fliegt in die USA. Und plötzlich steht der Hausmeister der Schule auf dem Platz, sagt, Luca gehört zu seinem Team und auch Jana und Heinrich und ein paar andere. Er ist der Coach, die Jugendlichen nennen ihn Sichel – und er ist klasse – diese Truppe ist klasse – oder?
Wieso verschwindet ein so engagierter Trainer plötzlich?
‹Und Gewalt macht nur wieder Gewalt?›‹Weiß ich.›‹Und zerrissenes Hemd und ausgeschlagener Zahn sind zehnmal teurer als neuer Basketball?›‹Hier geht’s aber nicht ums Geld.›‹Aber geht es um Vernunft.›‹Coach, ich weiß, dass Ihnen so was nicht passiert, aber so einer wie ich muss sich halt manchmal wehren. Sonst bin ich immer der Dumme.›‹Du glaubst, ich kenne das nicht?›, fragte der Coach. ‹Irrtum, mein Freund, ich kenne das besser, als du dir vorstellen kannst. Aber ich habe gelernt: Bei Schlägerei du gewinnst nie. Wehren ist gut. Schlagen ist Schwäche.›‹Und was ist, wenn man sich nicht anders wehren kann?›‹Geht immer anders. Aber Mut ist gut. Denselben Mut will ich von dir sehen beim Spiel.›‹Wie jetzt? Das versteh ich nicht.›
Als Loser-Truppe und mit einem Hausmeister als Coach ein bundesweites Basketballturnier gewinnen? Das kann nicht funktionieren – dachte Luca jedenfalls, bis sich sein ungleiches Underdog-Team gar nicht mal so schlecht anstellt, weil es hart trainiert mit einem Supercoach. Das Turnier ist gewonnen, doch der Trainer ist plötzlich verschwunden. Und das, wo es ihm so wichtig gewesen ist, zu gewinnen, nach Berlin zu fahren. Jetzt müssen sich Luca und seine Teammitglieder einen neuen Coach suchen, neue gute Spieler akquirieren, damit sie in Berlin eine Chance haben; und sie wollen auch das Rätsel um den Hausmeister lösen – Denn wieso verschwindet ein so engagierter Trainer plötzlich und warum ist er nicht mal bei der Arbeit aufgetaucht? Dabei ahnen die Jugendlichen nicht, mit was für zwielichtigen Typen sie es zu tun bekommen. Jetzt wird es kriminell …
Hier wächst eine Mannschaft, ein Team, eine Freundschaft
‹Es folgt daraus, dass es im Fußball durchaus Sinn macht, das Glück zu versuchen›, fuhr Heinrich fort. ‹Es folgt daraus, dass es mathematisch nicht unvernünftig ist, wenn ich einfach mal einen Dreißigmeterschuss wage. Mathematisch gesehen verschlechtern sich meine Wahrscheinlichkeiten dadurch nur unwesentlich.›‹Alter, was quatschst du Fußball?›, sagte Murat. ‹Und Mathematik und so ’n Zeug? Wir spielen Basketball.› ‹Weiß ich›, sagte Heinrich, ‹aber um das Wesen des Basketballs zu begreifen, ist so ein Ausflug zum Fußball wichtig. Beim Basketball sieht die Rechnung komplett anders aus. Beim Basketball führt ungefähr jeder zweite Angriff zu einem Korb. Wenn du einen Angriff läufst, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass er auch zu einem Korberfolg führt, bei fünfzig Prozent. Für die Dauer eines normalen Spiels sind das vierzig bis fünfzig erfolgreiche Abschlüsse.›
Das alles ist ziemlich spannend, ein Pageturner. Aber gleichzeitig gibt Christoph Scheuring seinen liebevoll aufgebauten Figuren Raum sich zu entwickeln, zueinanderzufinden. Völlig konträre Charaktere, die aber genau deshalb im Team wunderbar funktionieren. Und der der Coach erklärt, warum wer auf welcher Position wichtig ist. Überhaupt wird erklärt, wie Basketball funktioniert. Basketball ist ein schnelles, intelligentes Spiel, das von ständig wechselnden Spielzügen lebt. Der Autor nimmt uns mit in das Spiel, macht das spannend und begeisternd. Wer bis dahin kein Fan war, wird sich garantiert ein paar Spiel anschauen. Hier wächst eine Mannschaft, ein Team, eine Freundschaft. Und neben dem Basketball läuft irgendwann die schräge Story auf der Suche nach dem Trainer. Die Spannung steigt. Plötzlich sind wir mittendrin im organisierten Verbrechen der Sportwetten … Ein klasse Themenmix und sehr guter Figurenaufbau, eine tiefgründige Geschichte mit vielen Facetten, ein Pageturner, ein Basketballbuch, ein Jugendthriller – ganz großes Kino! Der Magellan Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 12 Jahren. Dem schließe ich mich an. Empfehlung!
‹Also›, sagte er, ‹die Springstein-Schule hat die ganze Zeit ihre beiden großen Kerle im Low post, die können wir nicht ausschalten. Und die beiden Guards sind auch viel schneller als Luca und Robin. Wir können ihr Pick ’n’ Roll nicht verteidigen, wir können den Pass ans Brett nicht verteidigen, wir können noch nicht mal einen Backdoor-Pass auf die großen Kerle verhindern. Das bedeutet: Wir können sie nicht mit unserer Defense schlagen. Unsere einzige Chance ist, dass wir sie über unsere Offense kriegen.›
Christoph Scheuring, geboren 1957, hat in seinem Leben schon viel gesehen. Als Journalist für DER SPIEGEL, stern und DIE ZEIT hat er mit den Mächtigsten am Tisch gesessen und mit den Machtlosen auf der Straße gelebt. Seine Leidenschaft gehört besonders den Jugendlichen in den Randgebieten unserer Gesellschaft. Als Autor von Jugendromanen schreibt er über das Leben dort, wo es brüchig ist, wo es ausfranst, wo es wehtut. Dort, wo es interessant wird.
Christoph ScheuringAbsolute Gewinner
Jugendbuch, Jugendthriller, Basketball, Freundschaft, Kinder- und Jugendliteratur
Taschenbuch, 288 Seiten
Magellan Verlag, 2025
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Kinder- und Jugendbücher - 10 bis13 Jahre
Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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