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Rodung. Kreuzung. Lichtung. von Henrik Schrat, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Rodung. Kreuzung. Lichtung. 


von Henrik Schrat, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm

Gesamtausgabe Grimms Märchen. Neu bebildert, Band 5


Schrat … sich lesend und zeichnend permanent zwischen Himmel und Hölle bewegt, während er dunkle Wälder in finstere Städte verwandelt, bedrohliche Waldgasthäuser in obskure Imbissbuden, Dornröschenschlösser in Hauptstadthochhäuser und unzugängliche Burgen in ferne Planeten, auf denen ziemlich komische Leute wohnen: die kluge Else, der faule Hans und die hagere Liese. Meister Pfriem und die zwölf faulen Knechte, Frieder, Katherlieschen und Pif Paf Poltrie. Im letzten Band hat sich einmal mehr auf bedrohliche Weise das gesamte Hausgesinde der Grimms zusammengerottet, um von Schrat in die Freiheit entlassen zu werden. … Doch gegen die Tiere im Märchen kommt keiner an, keine Prinzessin und nicht mal der Zeichner. Denn nicht die Großstadtprotagonisten sind die wahren Akteure, sondern die heimlichen Helfer-und Ratgeberfiguren, jene Raben, Fische und Füchse, ohne die jeder Brautwerber defintiv seinen Kopf verlöre. Bei Licht besehen sind es nämlich sie, die jedem Märchen die entscheidende Wendung geben, bis sich die gepeinigten Prinzessinnen endlich in das verwandeln, was sie in Wirklichkeit sind, in die Jungs und Mädchen von nebenan. (Einleitung)




Altbekanntes der Brüder Grimm neu bebildert, wie Rotkäppchen, Brüderchen und Schwesterchen, König Drosselbart, Rapunzel, Schneewittchen, Hänsel und Gretel. Aber auch eine Menge Märchen der Gebrüder Grimm, die ich noch gar nicht kannte, wie z.B. Die Lebenszeit, Das Goldei, Die Brautschau, Das Meerhäschen, Die hagere Liese, Das kluge Gretel, Die drei Faulen, Die drei faulen Knechte, Der faule Heinz, Das Märchen vom Schlauraffenland, Das Dietmarsche Lügenmärchen, Rätselmärchen, Der goldene Schlüssel. Denn dies ist der 5. Band der Gesamtausgabe. Die Texte sind im Original übernommen – neu ist die Interpretation der Märchen durch die Illustration. Henrik Schrat transportiert die Märchen in die Gegenwart – denn wo steht geschrieben, in welchem Jahrhundert sie spielen? Eine Vorstellung der Märchenwelt, die nur in unserem Kopf sitzt. Kraftvolle Federzeichnungen – gerade die Schwarz-Weiß-Sicht lässt manche Bilder fast explodieren. Weder ist hier irgendetwas niedlich für Kinder gestaltet, noch lieblich mit Jugendstil-Ranken, noch altbacken im Biedermeierstil, noch hat ein Bild einen mittelalterlichen Touch. 



Der Mond


Ursprünglich waren Märchen nicht für Kinder gedacht, sie sind eine mündliche Sammlung traditioneller Geschichten. Und die Grimm-Brüder haben die Schilderungen ordentlich verschlankt, Sexuelles herausgeschrieben, Brutales abgeschliffen, die Texte wurden von Auflage zu Auflage immer weiter überarbeitet, teilweise verharmlost und mit christlicher Moral unterfüttert, für Kinder zugänglich gemacht, zur moralischen Erziehung genutzt. Um «rein deutsche Märchen zu präsentieren, flogen die französischen wie z.B. Der gestiefelte Kater oder Blaubart, wieder heraus. Aber nicht alle, auch wurden manche verändert, wie zum Beispiel Rotkäppchen, dessen ursprüngliche französische Version düster endet: «...pour mieux te manger!» - Der Wolf frisst das Mädchen auf. Das Märchen warnt, einem Fremden zu vertrauen. Es gab ursprünglich auch einige antisemitische Märchen, wie z.B. «Das von den Juden getötete Mägdlein», «Der Judenstein»  oder «Der Jude im Dorn». Letztendlich gehört auch das Rumpelstilzchen dazu, dass den fremden Glauben präsentieren sollte. 



Das Dittmarsche Lügenmärchen


Ich weiß nicht genau, welche Version hier genommen wurde, aber sie kommt der Urform schon nahe. Das Hexenhaus in Hänsel und Gretel besteht nämlich nicht aus Lebkuchen, sondern aus Brot, Kuchen und Zucker – wie in diesem Text verwendet. Das Märchen Schneewittchen heißt bei den Brüdern Grimm Sneewittchen – wie auch hier. Aschenputtel erhält ihre Kleider zum Festball nicht von einer Fee, sondern von einem Baum am Grab ihrer Mutter. Der Froschkönig verwandelt sich nicht zum Menschen zurück, nachdem er geküsst wurde, sondern nachdem er voll Wut und Ekel an die Wand geklatscht wurde. Ich denke, das wird in den Vorbänden in dieser Form gestaltet sein. Und es sei zu erwähnen, dass nicht alle Märchen mit «Es war einmal …» beginnen – wie auch hier gezeigt.

Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nahe herankamen, so sahen sie, dass das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. ‹Da wollen wir uns dranmachen›, sprach Hänsel, ‹und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.›


Rotkäppchen

Ich kann nur jedem empfehlen, mal die allererste Originalsammlung zu lesen – das ist teilweise purer Horror. Viele Märchen sind bis heute großes Kino; sie sind moralisch, geben Hoffnung, weil am Ende immer das Gute siegt – moralisierende Erziehungsmärchen. Märchen und Göttersagen funktionieren nach dem Prinzip der Heldenreise, oder anders herum, die Heldenreise ist nach dem Prinzip der Mythen entwickelt worden. In dieser Illustration laufen Brüderchen und Schwesterchen durch eine moderne Großstadt, Rotkäppchen trägt eine Base-Cap, eine Wölfin im Kleid sieht recht harmlos aus, eher zum Knuddeln – wir sehen Oma und Rotkäppchen am Ende ziemlich feist am Tisch lachen; am Boden liegt als Teppich das Wolfsfell. 





Rotkäppchen


In «Auf Reisen gehen» sehen wir den Protagonisten auf einem erhöhten Punkt stehen, der mit dem Handy eine Strandlandschaft mit Palmen am Meer fotografiert; «Der Meisterdieb» im Sportwagen vor einer Villa; Rapunzelsalat wächst in einem Stadtgarten zwischen Hochhäusern und das Mädchen Rapunzel wird in einen hohen Bunker gesteckt. Grandiose Grafiken, zeichnerisch die Märchen in die heutige Welt gerückt – neue Schubladen gehen im Kopf auf beim Lesen; und so kommen die alten Märchen in neuem Gewand ganz fantastisch herüber. Think out of the box! Diese Märchensammlung ist nicht nur etwas für Kinder! Märchenliebhaber werden begeistert sein. Der EXTEM Verlag gibt eine Altersempfehlung: ab 5 Jahren, darunter würde ich es auch nicht mit Kindern lesen wollen, nicht nur wegen der Bebilderung. Aber klar: Allage! Empfehlung!



König Drosselbart


Band 1: Schneefall – Himmel & Hölle (Nachwort von Nora Gomringer)
Band 2: Dornenrose – Liebe & Reise (Nachwort von Susanne Altmann)
Band 3: Lumpengesindel – Tiere & Menschen (Nachwort von Michael Glasmeier)
Band 4: Blaubart – Blut & Dinge (Nachwort von Mona Körte)
Band 5: Gretel – Zauber & Zukunft (Vor- und Nachwort von Felicitas Hoppe)
Und als Sonderband: Das kluge Gretel



Die Nixe im Teich


Für Henrik Schrat (geb. 1968), Bildkünstler und promoviert an der Business School der University of Essex, ist das Cross-over zwischen den Disziplinen eine selbstverständliche Bewegung. Von der Groß- bis zur Kleinform, von wandfüllenden und gelegentlich haushohen Installationen über Collagen bis hin zum Comic, von der aktuellen Thematik der Finanzkrisen bis hin zur Auseinandersetzung mit klassischen Motiven (Chiron) und Texten (Goethes West-östlicher Divan) reicht seine verwandlungsfähige Handschrift. Henrik Schrat lebt und arbeitet in Berlin.



Henrik Schrat, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm
Rodung. Kreuzung. Lichtung. 
Gesamtausgabe Grimms Märchen. Neu bebildert, Band 5
Märchen
Hardcover, 286 Seiten, 17.1 x24 cm
TEXTEM Verlag, 2025
Altersempfehlung: ab 5 Jahren, Allage





Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman




Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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