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Europäische Erziehung Romain von Gary Rezension

Rezension

von Sabine Ibing






Europäische Erziehung 


von Romain Gary


Das Versteck war bei Tagesanbruch fertig. Es war ein düsterer Septembermorgen, vom Regen durchtränkt. Die Tannen verschwammen im Nebel, der Blick reichte kaum hinauf bis zum Himmel. Seit einem Monat arbeiteten sie heimlich jede Nacht: Die Deutschen trieben sich nach dem Dunkelwerden nur selten jenseits der Straßen herum, doch tagsüber durchstreiften ihre Patrouillen häufig den Wald auf der Suche nach den wenigen Partisanen, die der Hunger oder die Verzweiflung noch nicht zum Aufgeben gezwungen hatten. Das Loch war drei Meter tief und vier Meter breit.

Janek ist beinahe noch ein Kind, als ihn sein Vater in den litauischen Wäldern vor Vilnius versteckt. Tagelang hatten sie die unterirdische Höhle gegraben, mit Schlafplatz, Feuerstelle und einem großen Vorrat an Kartoffeln. Wenigstens der jüngste Sohn soll diesen Krieg überleben. Die Brüder des Jungen wurden von Deutschen ermordet, der Vater, ein Arzt, ist aktiv im Widerstand. Doch eines Tages kehrt der Vater nicht zurück. Am 7. Tag weiß Janek: Der Vater wird nie zurückkehren. Es ist Winter, der Schnee liegt hoch, und in der Ferne tobt die Schlacht um Stalingrad. In anderen Höhlen, tiefer im Wald, verstecken sich die «Waldler»: Polen, Ukrainer, Juden im Kampf gegen die Besatzer. Zu der Zeit 1942 hatten SS und Wehrmacht bereits die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Litauens ermordet und Dörfer niedergebrannt. Die Partisanen überleben gerade so in ihren Löchern im Wald. Aber der Feind hält sie zusammen, unermüdlich den Deutschen ein Bein zu stellen.


Der Krieg der Partisanen


‹Warum tun die Deutschen uns das an?›
‹Aus Verzweiflung. Du hast doch gehört, was Pech vorhin gesagt hat. Die Menschen erzählen einander nette Geschichten, und wegen dieser Geschichten lassen sie sich töten, sie denken, dass der Mythos dadurch wahr wird. Pech ist selbst der Verzweiflung nah. Es sind ja nicht nur die Deutschen. Die Verzweiflung ist überall, seit Urzeiten bedroht sie die Menschheit. Wenn sie einem zu nahe kommt, wenn sie in uns eindringt, dann wird der Mensch zum Deutschen, auch wenn er ein polnischer Patriot ist. Die Frage ist doch, ob der Mensch durch und durch ein Deutscher ist oder nicht, oder ob ihm das nur ab und zu passiert. Das will ich in meinem Buch zeigen. Willst du wissen, wie es heißt?› 

Janek wird Kundschafter und Bote für die Partisanen, und er trifft eines Tages auf die junge Zosia, die mit anderen Mitteln eine ähnliche Aufgabe erfüllt. Die Überlebenschancen für sie und ihre Liebe stehen schlecht. Und doch begreifen sie unter den extremsten Bedingungen von Hunger, Kälte und Not, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Die Partisanen überfallen Konvois, sprengen Brücken, LKWs – aber auch Verrat und Denunziation in den eigenen Reihen gehören dazu. Und inmitten der Kälte des Winters, mitten im Krieg, lernt Janek die Musik kennen, verliebt sich in die Klavierklänge von Chopin. Ein Winnetouband gibt ihm Halt, beim Lesen kann er alles hinter sich lassen. Die Partisanen, ein Friseur, ein jüdischer Metzger, ein Rechtsanwalt, ein griechisch-orthodoxer Bauer und viele andere haben einen Traum: Das Ende des Krieges. Und dann werden die Amerikaner und die Russen Brüder, schmeißen die Deutschen aus dem Land. Nicht jeder glaubt an diesen Traum: «Die Menschen erzählen einander hübsche Geschichten und lassen sich dafür umbringen - sie glauben, dass der Mythos dadurch wahr wird. Freiheit, Würde, Brüderlichkeit, die Ehre, ein Mensch zu sein. Auch wir in diesem Wald lassen uns für ein Ammenmärchen töten.» Doch alles hat zwei Seiten. Die Partisanen überfallen zwar die Deutschen, aber die lassen dafür die Bevölkerung in den Dörfern leiden, knüpfen ein paar Unschuldige auf. 


Einzelschicksale, Schicksale der besetzten Bevölkerung


‹Magst du die Russen?› 
‹Ich mag alle Völker›, antwortete Dobranski. ‹Was ich nicht mag, sind Nationen. Ich bin Patriot, aber kein Nationalist.› 
‹Wo liegt da der Unterschied?› 
‹Patriotismus ist die Liebe zu den Deinen. Nationalismus ist der Hass gegenüber den anderen. Russen, Amerikaner und so weiter ... Derzeit gibt es auf der Welt eine große Welle der Solidarität. So haben die Deutschen wenigstens etwas Gutes bewirkt...›

Mit viel Empathie fühlt sich Romain Gary in seine Charaktere ein, blättert die Grauen des Krieges auf, die Grausamkeit des Besetztseins. Der Student Adam Dobranski schreibt dort im Wald ein Buch: «Europäische Erziehung», was allerdings eher ironisch gemeint ist; er liest den Partisanen aus seinem Manuskript vor. Da ist der deutsche Deserteur, der das deutsche Soldatenabzeichen von seiner Uniform reist. «Wir aber hatten nur das im Blick, das Zeichen. Wir haben gewusst, dass er es ehrlich meinte.» Er wollte zu den Partisanen stoßen. Und doch haben sie ihn erschossen, weil er ein Deutscher ist. Da ist der ältere Mann mit der jungen Frau, der sich für die Freiheit zu einem Selbstmordkommando meldet, um die Deutschen in die Luft zu jagen. Er hätte es für seine Frau getan, soll man ihr ausrichten. Was er nicht weiß, sie ist mittlerweile mit einem Deutschen leiert. Frauen werden von den Soldaten verschleppt, eingesperrt, zur Prostitution gezwungen. Der aus der Ukraine stammende Krylenko hat einen Sohn, der es zum General bei der Roten Armee gebracht hat, worauf der Vater nicht stolz ist. Einzelschicksale, Schicksale der besetzten Bevölkerung in einem harten Winter. Gary ist einer meiner Lieblingsschriftsteller. Wenn er schreibt, dann schreibt er aus dem Herzen mit viel Empathie, ist ein großartiger Erzähler. Der Roman entstand mitten im Zweiten Weltkrieg, und er ist eine Hymne an europäische Werte. Romain Gary war Pilot bei den Freien Französischen Streitkräften. Er schrieb das Buch nachts auf dem Schlachtfeld, während seine Kameraden schliefen. Auf dem Stützpunkt seines Geschwaders tippte es dann seine Texte mit der Schreibmaschine ab. Ein eindringliches, unbedingtes Plädoyer für Solidarität, Freiheit und Frieden. Er wurde mit dem Prix des Critiques für dieses Buch ausgezeichnet, Ein wichtiger Roman.

Diese europäische Erziehung, über die er sich so lustig machte, bedeutet nur: Sie erschießen deinen Vater, du selbst tötest jemanden im Namen einer Sache, du verreckst vor Hunger, eine Stadt wird in Schutt und Asche gelegt. Ich sage dir, wir sind durch eine gute Schule gegangen, du und ich, wir haben unsere Erziehung abbekommen.


Eine schillernde Persönlichkeit 

Romain Gary wurde als Roman Kacew in Wilna, damals Polen, heutigen Litauen, geboren. Seine jüdische Mutter war ehrgeizig mit ihrem Sohn, hatte viel vor mit dem kleinen Roman. Sie war zeitlebens sein Antreiber. Violinenspieler, Dichter, Diplomat, ein berühmter Maler oder Tänzer, solche Vorstellungen spukten in ihrem Kopf. Darum wanderte sie mit ihrem Sohn nach Frankreich aus, er war damals dreizehn, der Vater verließ die Familie, als Roman elf war. Er machte sein Abitur in Nizza und studierte Jura, wurde 1938 Pilot bei der französischen Luftwaffe. Als die Deutschen Frankreich besetzten, floh der junge Mann 1940 nach England und wurde Pilot der englischen Luftwaffe unter dem Decknamen Romain Gary. Der Traum der Mutter ging letztendlich auf. Roman Kacew arbeitete nach dem Krieg als Diplomat, war gezwungen wieder den jüdischen Namen anzunehmen, und konnte dann aber doch Romain Gary als Namen legalisieren, unter dem (und 5 Pseudonymen) er über 30 Romane mit großem Erfolg schrieb, und er war nebenbei Filmregisseur und Übersetzer. Er war ein Lebemann und Frauenheld, war zweimal verheiratet, in zweiter Ehe mit der berühmten Schauspielerin Jean Seberg, die Ehe ging nicht gut.


Der größte Skandal der französischen Literaturgeschichte

Für dieses Buch, »Du hast das Leben vor dir«, erhielt er unter dem Pseudonym Émile Ajar das zweite Mal den Prix Goncourt. Die Presse wollte natürlich wissen, wer dieser Schriftsteller ist, war ihm auf der Spur. Er schob geschickt einen entfernten Verwandten vor, Paul Pavlowitch, der zurückgezogen in Südfrankreich lebte. Die Kritiker ließen sich aber nicht täuschen und Pavlowitch hatte nicht das Format, sich zu verstellen und in Szene zu setzen, also gestand er seine Lüge. Der größte Skandal der französischen Literaturgeschichte lief zur Hochform auf und der wahre Verfasser wurde enttarnt. 1980 nahm sich Gary das Leben, indem er sich in seinem Auto erschoss. Zwei Jahre zuvor hatte bereits Jean Seberg Selbstmord verübt.

Auch nach seinem Tod wirbelte Gary Staub auf

Er hinterließ einen Abschiedsbrief: »Für die Presse. D-Day. Kein Zusammenhang mit Jean Seberg. Die Anhänger des gebrochenen Herzens mögen sich woanders hinwenden. Offensichtlich kann man dies einer nervösen Depression anlasten. Allerdings muss man dann zugeben, dass sie andauert, seitdem ich das Mannesalter erreicht habe, und dass sie mir erlaubt hat, mein literarisches Gesamtwerk zu vollenden. Warum also? Vielleicht muss man die Antwort im Titel meines autobiographischen Werkes suchen: ›Ruhig wird die Nacht sein,‹ und in den letzten Worten meines letzten Romans: ›Man könnte es nicht besser sagen.‹ Ich habe mich endlich vollständig ausgedrückt.«

Der Skandal um das Buch geht aber auch nach Garys Tod weiter. Der Roman »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran«, von dem französischen Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt geschrieben, wurde 2001 nicht nur ein Bestseller. Schmitt wurde mit Plagiatsvorwürfen überschüttet, denn sein Roman ähnelt auffällig dem von Romain Gary. Nur Gary konnte es eindeutig besser, ganz ohne
Kitsch.


Er hat in der Tat etwas von einem Virtuosen, der sich seines Publikums bewusst ist und die Effekte anstrebt mit Mitteln, die vom Purzelbaum bis zur Sentimentalität reichen – ein Stück Clown, ein Stück Held, ein Stück geigender Zigeuner. Was ihn als Schriftsteller vor seinen Gefahren und seiner eigenen Geschicklichkeit immer wieder rettet, das ist sein Gefühl für das Absurde der eigenen Existenz, sein paradoxaler Humor. (François Bondy)




Romain Gary
Europäische Erziehung
Originaltitel: Éducation européenne
Aus dem Französischen übersetzt von Birgit Kirberg
Zweiter Weltkrieg, Kriegsliteratur, Partisanen, Litauen, Französische Literatur
Hardcover, 224 Seiten
Verlag Klaus Wagenbach, 2025





Du hast das Leben vor dir von Romain Gary

Selten habe ich mich so traurig amüsiert. Denn die Geschichte ist traurig, allerdings mit so tiefgehendem schwarzen Humor geschrieben, dass man die inneren Tränen wegschmunzelt. Es ist eine Erzählung über eine Liebe, die Liebe zwischen dem Jungen Momo, der eigentlich Mohamed heißt, und Rosa, einer alternden jüdischen Hure, die seine Ziehmutter ist. Wunderbar poetisch und gleichzeitig schnoddrig-naiv erzählt der zehnjährige Momo uns aus seinem Leben in einem Stadtteil in Paris, indem sogar ein einziger waschechter Franzose lebt. Gut, Momo ist vierzehn, aber das weiß er zu dieser Zeit noch nicht.

Hier geht es zur Rezension:  Du hast das Leben vor dir von Romain Gary



Die Jagd nach dem Blau von Romain Gary

Der Charme des Altmeisters der französischen Literatur klingt auch noch heute frisch und frech, und wie Romain Gary unliebsame Alltagssituationen in Humor verpackt ist unglaublich. In diesem Buch geht es um Ludovic, genannt Ludo, der bei seinem Onkel Ambroise Fleury aufwächst, ein Briefträger, der in seiner Freizeit Lenkdrachen herstellt und verkauft, fantasievolle Himmelswesen steigen lässt. Der 2. Weltkrieg beginnt, Besetzung der Normandie, Résistance. Eine Liebesgeschichte ist Nebensache, Romain Gary schreibt eine Proklamation der Menschlichkeit. Die unterschiedlichsten Charaktere in diesem Roman sind exzellent gezeichnet. Poetisch geschrieben, Spannung pur.



Historische Romane und Sachbücher

Im Prinzip bin ich an aller historischer Literatur interessiert. Manche Leute behaupten ja, historisch seien Bücher erst ab Mittelalter.  Historisch - das Wort besagt es ja: alles ab gestern - aber nur was von historischem Wert ist. Was findet ihr bei mir nicht? Schmonzetten in mittelalterlichen Gewändern. Das mag ganz nett sein, hat für mich jedoch keine historische Relevanz.  Hier gibt es Romane und Sachbücher mit echtem historischen Hintergrund.
Historische Romane




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