Rezension
von Sabine Ibing
Impossible Creatures – Das Geheimnis der unglaublichen Wesen
von Katherine Rundell
Die Archipel-Serie, Band 1
Der Anfang:
Auf unserer Welt gibt es einen geheimen Ort, der zum Schatz vor uns Menschen verborgen ist. Es ist ein Ort urtümlicher Fülle, wo alle mythischen Geschöpfe bis zum heutigen Tag leben und gedeihen. Sein Name lautet Archipel, und er besteht aus einer Ansammlung von vierunddreißig Inseln, manche von den Ausmaßen Dänemarks andere nicht größer als ein Marktplatz. Auf diesen Inseln leben Abertausende magischer Geschöpfe. Sie ziehen ihre Jungen groß, alter und sterben und beginnen von neuem. Sie werden seit langem als Ammenmärchen abgetan und sind unserem Bewusstsein fast entglitten. Trotzdem haben wir sie nicht auslöschen können, sie leben weiter. Sie sind leibhaftig, zahlreich und prächtig. Der Archipel ist der letzte magische Ort auf Erden.
Tiere werden von Christopher magisch angezogen, und durch Zufall findet er bei einem Besuch von seinem Großvater heraus, dass dies seinen Grund hat. Er ist der Hüter des Weges zwischen den Welten, und Christopher soll später seinen Job übernehmen. Der Junge hatte einen jungen Greif gerettet. Mit dem Greif gelangte auch Mal in die Welt der Menschen. Irgendetwas verändert sich auf der magischen Seite, sagt Mal. Der Greif muss zurück und die Kinder wollen herausfinden, was vor sich geht. So reist Christopher in einen verborgenen Lebensraum, in dem mystische Kreaturen real sind, und begleitet das Mädchen Mal, die eine Bestimmung hat, von der sie noch nichts ahnt. Sie begeben sich auf eine abenteuerliche Reise, um diese Welt zu retten. Das Kinderbuch fasziniert von der ersten Seite, man mag es nicht mehr aus der Hand legen.
Beide standen keuchend da. Er betrachtete sie: Das Mädchen und den Greif Sie war nass und zitterte vor Kälte, stand vielleicht unter Schock - sicher nicht nur wegen des Kludde. Sie strahlte etwas Lebendiges, fast Überwältigendes aus, das drauf und dran zu sein schien, aus ihr herauszubrechen.‹Und wie soll ich dir helfen?›Sie betrachtete ihn: Ein großer Junge mit Seewasser im dunklen Haar, die helle Haut voller Matsch und dem Blut des Kludde. Seine Finger zuckten, vermutlich lag es am Adrenalin. In diesem Moment wirkte er, als wäre er zu allem bereit. ‹Du musst mich begleiten. Zum Archipel› Und dann: ‹Ich heiße Mal. Mal Arvorian.›
Die magische Welt löst sich langsam auf, Greife, Phönixe und Drachen kämpfen ums Überleben, ebenso die Al-mi’rajs, Borametze, Avanc, Kankos, Karkadanns, Kludden usw. Diese vielen phantastischen Lebewesen werden auf den ersten Seiten in einer Art Lexikon beschrieben. Das Archipel und seine Inseln erinnern in der Form an Italien, siehe Karte im Buchdeckel. Ein Assasino ist hinter Mal her, und so sind die beiden ständig auf der Flucht; bis sie herausfinden, was das Ganze auf sich hat. Dabei finden sie neue Freunde. Mal muss sich entscheiden – wird sie ihre Berufung annehmen und die magische Welt retten?
Man kann sich nicht aus heiterem Himmel in das Leben eines anderen Menschen stürzen - und schon gar nicht auf dessen Schiff - und erwarten, dass dieser nichts bemerkt. Der Kapitän bemerkte es. Und er war das absolute Gegenteil von erfreut. ‹Ja, beim Unsterblichen, was soll das?›
Die Geschichte ist rasant und spannend, atmosphärisch dicht geschrieben mit einem Hauch Lyrik. Von der ersten Seite an zieht Katherine Rundell den Lesenden in die Geschichte hinein, die einen nicht mehr loslässt. Ein typischer Anfang für ein Abenteuer: «Geh auf keinen Fall den Hügel hinauf», hat der Großvater gesagt. Und natürlich geht Christopher hinauf – und nun beginnt das Abenteuer. Die Erde bebt und sprechende Eichhörnchen, ein geflügeltes Pferd und ein Einhorn hasten ihm entgegen. Beide Hauptprotagonist:innen machen eine starke Entwicklung durch, verlieren ihre Kindheit. Sie erleben viel, auch Schmerzliches. Und sie werden vor große Aufgaben gestellt, die lebensverändernde Entscheidungen verlangen – sie müssen viel geben, um alle anderen zu retten. Die Annahme fällt nicht leicht, denn ein ruhiges Leben in Frieden wäre der einfache Weg. Auch die Nebenfiguren sind hervorragend gezeichnet. Ein Jugendbuch, das emotional mitnimmt, das die Mythen der gesamten Welt aufnimmt in den Kreaturen – endlich wieder ein Fantasybuch, das auf allen Ebenen voll überzeugt. Der Fischer Sauerländer Verlag, gibt eine Altersempfehlung ab 10 Jahren – passt. Empfehlung!
Sie verbrachen die restliche Nacht an Deck unter fremdem Himmel. Keiner von beiden wollte in die Koje. Der Schlaf stellte sich nicht ein. Christopher hatte noch nie erleben müssen, wie es war, wenn es einem das Herz brach. Er hatte nicht geahnt, dass es fast buchstäblich so war: Er hatte das Gefühl, seine Brust wäre mit Scherben gefüllt. Das Atmen tat weh. Mal sprach im Dunklen. ‹Ich wünschte, irgendjemand hätte es mir gesagt.› ‹Was gesagt?› ‹Wie die schlimmste aller Fragen lautet.› ‹Meinst du: Was, wenn ich anders gehandelt hätte?› Schweigen.
Greif
Haben Rumpf, Hinterbeine und Schwanz eines Löwen, den Kopf, die Flügel und die Fänge eines Adlers. Geschöpfe mit der intensivsten Magie.
Karkadann
Gleichen Einhörnern, vorausgesetzt, diese wären bösartig mit Reißzähnen. Sie gehören zu den raren Geschöpfen des Archipels, die aus purer Lust töten.
Ratatoska
Ähneln großen Eichhörnchen mit grünem Fell und kurzem Horn auf der Stirn. Sie verbreiten Nachrichten im Archipel, allerdings nicht sehr detailgetreu.
Sphinx
Sind begnadete Mathematiker und Gelehrte, unverbrüchliche Verbündete und gnadenlose Feinde. Sphinxe können mit ihrer Zunge fast alle Wunden heilen.
Katherine Rundell ist eine Bestsellerautorin. Ihre Kinderbücher haben in Großbritannien zahlreiche Preise gewonnen wie den Waterstones Children’s Book Prize, den Blue Peter Book Award und den Costa Children’s Book Award. Die Archipel-Trilogie ist ihre erste Fantasygeschichte. Der erste Band war in Großbritannien bereits 17 Wochen auf der Bestsellerliste.
Katherine Rundell
Die Archipel-Serie, Band 1
Originaltitel: Impossible Creatures
Aus dem Englischen übersetzt von Henning Ahrens
Kinderbuch, Fantasy, Englische Literatur,
Hardcover, 384 Seiten
S. Fischer Sauerländer Verlag, 2025
Altersempfehlung: ab 10 Jahren
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.



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