Direkt zum Hauptbereich

Was wir wissen können von Ian Mc Ewan - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Was wir wissen können 


von Ian Mc Ewan


Eine Gruppe wohlhabender Passagiere stand mit ihren Koffern in einem mit Samtseilen abgetrennten Karree; sie warteten auf den Transfer zu einem der größeren Schiffe, das vermutlich irgendwo draußen in der Meerenge vor Swindon lag. Ich habe schon oft davon geträumt, die nötigen Mittel für eine Atlantiküberfahrt zu besitzen. Soweit ich gehört hatte, mussten die Passagiere, wenn sie in Amerika ankamen, gleich einen der örtlichen Warlords für ihren Schutz bezahlen. Die politischen Verhältnisse waren kompliziert. Diverse Armeen und ihre Ableger kämpften um das Erbe von Geist und Rechtmäßigkeit einer glorreichen, imperialen Vergangenheit. Das ging mich jedoch alles nichts an.»


Im Jahr 2119: Die Welt ist überschwemmt, Europa eine Insellandschaft, Freiheit und Reichtum unserer Gegenwart - ein ferner Traum. Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe erzählt aus der Ich-Perspektive, sucht in einer von Kriegen, Tsunamis, Krankheiten, Hungersnöten, Pandemien und Klimakatastrophen geplagten Welt nach dem verschollenen Gedicht von Francis Blundy, der es an einem Sonett-Abend 2014 seiner Frau Vivien gewidmet und nur ein einziges Mal vorgetragen hatte. In all den Spuren, die das berühmte Paar hinterlassen hat, stößt Thomas auf eine geheime Liebe, aber auch auf ein Verbrechen. Nigeria ist in der Zukunft zur mächtigsten Nation geworden, man bezahlt mit Naira, die USA ist heruntergekommen, sie wird von Warlords beherrscht, Deutschland gehört zu Großrussland. Die Weltbevölkerung hat sich auf knapp vier Milliarden Menschen reduziert. 

Als hätten wir es mit einer Vorschulklasse zu tun, redeten wir in fröhlichem Singsang, machten Witzchen und zeigten bunte, leicht verständliche Animationen. 2o. und 21. Jahrhundert, der Meeresspiegel steigt um zwei Millimeter pro Jahr, überwiegende Ursache die anthropogene (wir erklärten das Wort) Erderwärmung. Warmes Wasser dehnt sich aus, was den Anstieg verstärkt. Südwasserseen durch menschliche Übernutzung ausgetrocknet, das recycelte Wasser fällt als Regen und Schnee zurück in die Meere - weiterer Anstieg. Schmelzendes Eis, dann den Albedo-Effekt erläutern - mehr Wärme, größerer Anstieg. Entscheidender aber die Nuklearpolitik Mitte des 2r. Jahrhunderts und das fatale Konzept eines ‹begrenzten› Atomkrieges, eine russische, fehlerhaft konstruierte Interkontinentalrakete, auf den Süden der Vereinigten Staaten gerichtet, die mitten im Atlantik explodierte und katastrophale Tsunamis auslöste, mit verheerenden Folgen für Europa, Westafrika und die Küsten Nordamerikas. Dann der Verdacht, dass diese mächtige Explosion geplant gewesen war, der politische Druck, Vergeltung zu üben, und weitere Katastrophen, schließlich ein in aller Panik geschlossener Frieden. … Die weltweite Ökonomie und ihre Verteilungsnetzwerke zusammengebrochen. Märkte und Gemeinschaften funktionierten wie zu mittelalterlichen Zeiten wieder zellulär.

Im zweien Teil fährt Tom von seiner Universität in Südengland zur Bodleian Library, die sich in den Bergen des Snowdonia-Nationalparks befindet. Unterwegs mit Fahrrädern, Segelbooten und Fähren, die mit Batterien laufen, dauert es eine Weile, bis er ans Ziel gelangt. Dort hofft er, das Sonett zu finden, leider ohne Erfolg. Doch er stößt auf die 170-seitige Lebensbeichte von Vivien Blundy, in der sie einen Mord gesteht; und jetzt übernimmt Vivian die Erzählung und wir tauchen ein in die heutige Welt. Ein Science-Fiction-Roman, der auf die Bequemlichkeit der guten alten Zeit schwört, die in der wir heute leben, und er kritisiert sie gleichzeitig: die «morbide Gier» des 21. Jahrhunderts, «für eine Woche Urlaub dreitausend Kilometer fliegen; Hochhäuser, die an Wolken kratzten; uralte Wälder abholzen für Papier, mit dem sie sich den Hintern abputzten.» Die Welt in der Zukunft, was wird man über uns denken? Wo führt das alles hin? Es geht aber auch um die Liebe, und Erinnerungen, um das, was Gedächtniskraft ist, was als Erinnerungsstück bleibt, was nicht, und ob die Retrospektive wirklich immer richtig ist. Ein wundervoller Roman.

Die Maschine, wie sie von allen genannt wird, erkennt es, wenn sie aufgefordert wird, eine Seminararbeit zu schreiben, und bricht die Sitzung ab. In geschriebener Form können ihre Antworten sechs einzeilig bedruckte Seiten lang sein, und ihre Ratschläge fallen meist einfühlsam und belastbar aus, auch wenn ich weiß, dass mir manch einer darin nicht zustimmen wird. Der Ton ist kameradschaftlich. So könnte die Reaktion auf die besorgte Frage eines Neunzehnjährigen wie folgt beginnen: ‹Ich glaube, sie will dir damit etwas sagen, und ich denke, es ist vielleicht an der Zeit, in dich zu gehen und genauer über dein Verhalten nachzudenken. Vergiss nicht, welchen Ärger du letztes Jahr hattest.›


Ian McEwan, 1948 in Aldershot geboren, hat Fernsehspiele für die BBC geschrieben, Drehbücher für Kinofilme, Erzählungen und zahlreiche Romane, u. a. «Amsterdam» (2001) und «Der Zementgarten» (1982). 1998 wurde er mit dem Booker Prize ausgezeichnet. McEwan lebt in Oxford und London.



Ian Mc Ewan
Was wir wissen können
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben
Science Fiction
Hardcover mit Schutzumschlag, 480 Seiten
Diogenes Verlag, 2025

Lektionen von Ian McEwan

London, 1986, Roland Baines liest die Nachricht, die Alissa auf seinem Kopfkissen hinterlassen hat: Sie liebe ihn, werde ihn und ihr gemeinsames Baby aber dennoch verlassen. «Ich habe das falsche Leben gelebt», schreibt sie. Roland geht gedanklich zurück in die Kindheit, 1958, zu dem Zeitpunkt, da der 11-jährige in ein Internat nach England geschickt wird, weit weg von seinen Eltern, wo er von Klavierlehrerin Miriam Cornell verführt wird. Dort beginnt das, was prägend für sein Leben sein wird. Ein individuelles dramatisches Leben im Lauf und im Zusammenhang der dramatischen Zeitgeschichte bis heute, gekonnt miteinander verwoben – exzellent! Wann war das Abbiegen falsch, wann war es richtig? Letztendlich leben wir alle trotz aller persönlichen Wege im großen Fluss. 

Weiter zur Rezension:   Lektionen von Ian McEwan



Maschinen wie ich von Ian McEwan

Ein Man und eine Frau – und ... ein Androide, KI, künstliche Intelligenz. Eine Dreiecksgeschichte, die zwischen menschlicher Moral und mathematischer Logik hin und herspringt. Adam, der Android, ist mit Gesetzen und Ethik gefüttert, die er konsequent anwendet. Er kennt keine Grauzonen. Was liegt höher, Gesetz und Ordnung oder Liebe? Welche Konsequenzen hat es, wenn immer nur logisch gehandelt wird – rücksichtslos, ohne Vorausschau. Was überhaupt ist Moral? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Ian McEwan ist ein kluger Autor mit viel Humor, was er uns in all seinen Büchern bewiesen hat. Ein Dreipersonenstück – oder zwei plus Maschine?

Weiter zur Rezension:   Maschinen wie ich von Ian McEwan


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane



Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall

  Die Kunst des guten Essens vor dem Essen Der Aperitivo gehört in Italien schon lange zur Alltagskultur, wie in der Schweiz der Apero, und auch hierzulande wächst der Trend, den frühen Abend mit Sarti Spritz und Negron zu feiern. Und welche regionalen Unterschiede gibt es zwischen Turin , Mailand , Venedig , Rom und Palermo ? Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall stellen die Aperitivi und Bitter vor, auch die  alkoholfreien Alternativen. Dann folgen die Rezepte zu den kleinen Köstlichkeiten, die zum Feierabendritual gehört. Wer Anregungen zum Mixen von Aperos sucht, Rezepte zu kleinen Appetithappen als Beilage, wird hier auf jeden Fall fündig! Weiter zur Rezension:    Splendido. Aperitivo von Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall 

Rezension - Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

  Der Kinder- und Jugendroman entblättert sich als packendes Survivalabenteuer vor dem Hintergrund des Klimawandels in der Arktis. In einem Rutsch durchgelesen – ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen: Zunächst lernen wir abwechselnd Bee und Yutu kennen, deren Wege sich später kreuzen werden – ein Kampf ums Überleben beginnt, und der gegen die Männer, die Bee auf der Spur sind, sie gefangen nehmen wollen. Abenteuer in der Arktis und Freundschaft bis zum Limit. Hervorragender Kinder- und Jugendroman ab 10/11 Jahren und weit darüber hinaus. Weiter zur Rezension:   Unter Null Grad – Countdown im Eis von Ele Fountain

Rezension - Verwandlung von Lara Swiontek

  Nach der Novelle von Mary Shelley Was fällt einem zu Mary Shelley ein? Wahrscheinlich «Frankenstein» oder vielleicht noch «Der moderne Prometheus». Die Verwandlung – Kafka, na klar. Aber auch Mary Shelley hat sich mit diesem Thema befasst: Verwandlung. Lara Swionteks hat diese Geschichte als Graphic Novel umgesetzt, eine Literaturadaption. Sie ist schnell erzählt: Reicher, gewissenloser Sohn verschleudert sein Erbe, stößt alle Menschen an den Kopf, die noch zu ihm halten und landet bildlich in der Gosse – hier ist es das Meer. Ein Schiff zerschellt vor seinen Augen – nur ein Zwerg mit einem Schatz überlebt und macht ihm ein Angebot ... Weiter zur Rezension:    Verwandlung von Lara Swiontek

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Rezension - Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adria von Ines Cali

  Iva Markulin, Staatsanwältin in Zagreb , lässt sich in diesem Politkrimi nach Pula versetzen, als ihr Mann bei einem Attentat ums Leben kommt. Wem galt die Autobombe, die an ihrem Auto befestigt wurde? Ihm oder ihr? Mit ihrem kleinen Sohn Matteo zieht sie zu ihrem Großvater, der auf dem Familiengut Terra Rossa in Istrien Olivenöl produziert. Hier ruft sie eine Sonderkommission ins Leben, als deren Leiterin sie die Mörder ihres Mannes ausfindig machen will. Sie hat den Ruf der «Mafiajägerin», lernt schnell das Who is Who an Istriens Küsten kennen, denen es nicht passt, dass ihnen jemand auf die Finger schaut.  Spannender Wirtschaftskrimi , Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adriavon Ines Cali

Rezension - Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez

  Leigh Calvez erforscht als Wissenschaftlerin seit vielen Jahren das Leben der Wale. Hier erzählt sie sehr persönlich von ihren Begegnungen mit den Giganten der Tiefsee, darunter familiäre Orcas, weit wandernde Buckelwale oder uralte, tief tauchende Blauwale, die größten Tiere des Planeten.  Nebenbei erfährt man in diesem Buch viel über das Leben und Verhalten von sechs Walarten: Orcas, Buckelwale, Pottwale, Blauwale, Grauwale und Blainville-Schnabelwal, bzw. den Kleinen Schwertwal. Weiter zur Rezension:    Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez 

Rezension - Wasser von John Boyne

Vanessa Carvin ist vom Festland auf eine kleine irische Insel geflohen, versucht, ihrem alten Leben zu entkommen. Sie ändert ihren Namen in Willow Hale, schneidet sich die Haare kurz und hofft, dass niemand sie erkennen wird. Sie hat ein gutes Leben geführt, das endete, als ihre ältesteTochter Suizid begann und kurz darauf ihr Mann, des Missbrauchs an jungen Schwimmerinnen angeklagt wird. War sie blind oder ahnte sie etwas, was sie nicht wissen wollte? Sie weiß es nicht. Das Psychogramm einer Frau, die versucht herauszufinden, was Schuld bedeutet. Empfehlung. Weiter zur Rezension:    Wasser von John Boyne