Direkt zum Hauptbereich

Lektionen von Ian McEwan - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



 

Lektionen 


von Ian McEwan


Er war ein erwachsener Mann, ein Dichter, zumindest sah er sich gerne als solcher, der sich, verkatert und mit Fünf-Tage-Bart, aus den Untiefen eines kurzen Schlummers erhob und vom Schlafzimmer ins Zimmer des schreienden Babys taumelte.


London, 1986, Roland Baines liest die Nachricht, die Alissa auf seinem Kopfkissen hinterlassen hat: Sie liebe ihn, werde ihn und ihr gemeinsames Baby aber dennoch verlassen. «Ich habe das falsche Leben gelebt», schreibt sie. Trotzdem meldet sie Roland als vermisst und die Polizei schneit ins Haus. Er soll beweisen, dass sie lebt: «Ist eine vermisste Frau tot, ist meist ihr Mann der Mörder.» Roland geht gedanklich zurück in die Kindheit, 1958, zu dem Zeitpunkt, da der 11-jährige in ein Internat nach England geschickt wird, weit weg von seinen Eltern, wo er von Klavierlehrerin Miriam Cornell verführt wird. Dort beginnt das, was prägend für sein Leben sein wird. Das regnerische England, Schulkleidung, das Zimmer mit anderen zu teilen, die Ordnung an der Schule. Der Junge muss sich einfügen, vermisst die Eltern. Als Schulabbrecher stürzt er sich zunächst ins Hippieleben, beginnt später zu schreiben, aber seine Werke bringen ihm keinen Erfolg. So schlägt er sich alleinerziehend mit Hilfsarbeiten durch, arbeitet als Kartenschreiber, Tennislehrer oder Klavierlehrer.


Autobiografische Elemente

Der Roman enthält auf jeden Fall autobiografische Elemente und McEwan hat sicher viele seiner eigenen Erlebnisse zum Zeitgeschehen eingebracht, seine Gedanken zum Weltgeschehen. Er hat eine Geschichte erfunden und seinen persönlichen Lebensrückblick mit eingewoben. Richtig ist, dass McEwan als Sohn eines schottischen Offiziers in Libyen aufwuchs, später auf ein britisches Internat geschickt wurde. Die Klavierlehrerin entstand in der Fantasie als Zentrum für diesen Roman. Und richtig, seine Mutter hatte ihm jahrzehntelang den unehelichen Halbbruder verschwiegen, der zur Adoption freigegeben wurde. Seine erste Ehefrau hat ihn nicht mit einem Baby im Stich gelassen, sie haben sogar zwei Kinder. Er wurde nicht von der Polizei verdächtigt, möglicherweise die Frau um die Ecke gebracht zu haben. Nach der Trennung musste er sogar das Sorgerecht für seine Kinder vor Gericht einklagen. Die zweite Frau hat ihn nicht verlassen, er lebt ihr zusammen in London. McEwan hielt sich in Berlin auf, als die Mauer fiel, aber es gibt keinen familiären Bezug zur «Weißen Rose». 


Zeitgeschichte


Die Meinungsfreiheit war auf dem Rückzug und die digitalen öffentlichen Räume hallten wider von den Schreien der wahnsinnigen Massen.


Die Ängste um das Geschehen in Tschernobyl, Kubakrise, der Kalte Krieg, Atomenergie, AIDS, Mauerfall, Elfter September, Digitalisierung und Fake News, Thatcher und Johnson, Brexit, Pandemie, Klimawandel – historische Eckdaten, über die sich Roland Baines im Nachhinein Gedanken macht. Ein kritischer Blick auf Vergangenheit und Gegenwart des eigenen Lebens – ein Mann, der am Ende im Reinen mit sich ist. Ein Roman, der auf mehrere Erzählebenen aufgebaut ist, in der Zeit immer wieder vor und zurück springt. Seine Beziehung zu Frauen funktioniert nicht – er schiebt das zunächst auf die Klavierlehrerin, die ihn missbrauchte – kommt aber später zu dem Ergebnis, das dieses Problem weit länger seine Ursache hatte: Die strenge Soldatenfamilie, eine verstörende Mutter, die in plötzliche Wutattacken verfiel und ebenso von großer Traurigkeit getrieben war. Rolands Exfrau macht Karriere als Schriftstellerin in Deutschland, während er dahindümpelt. Die Mutter wird weiterhin vom Vater geschlagen, bis der endlich ins Grab wandert. Anfangs habe ich versucht, herauszufinden, welche Episoden wahr sind, welche Fiktion. Dann habe ich es aufgegeben. Nehmen wir den Roman als Fiktion – als das Resümee eines alten Mannes, der rückblickend darüber sinniert, was ein geglücktes Leben ausmacht.


Wir alle leben trotz aller persönlichen Wege im großen Fluss


Um die langsame Reduktion beim CO2 Ausstoß ihres Landes zu sichern und zugleich die mächtige Kohle-Lobby im Zaum zu halten, wird sie zur Befürworterin der Kernenergie. Die Partei hasst sie dafür, kann sie aber nicht loswerden.


Es gibt auch amüsante Szenen, in denen die Geschichte verändert wird. Deutschland wählt eine:n neue:n Kanzler:in. Es gewinnt die Grüne Kandidatin, die zur Befürworterin der Kernenergie mutiert. Drama – Familiendramen, Freundschaftdramen, persönliche Verletzungen, dramatische Weltgeschichte; ein Chaos namens Leben. Ian McEwan ist ein großartiger Erzähler, und auch hier zeigt er sein Talent. Ein Roman, der mich bestens unterhalten hat, der stilistisch beeindruckt, an manchen Stellen für mich zu breit gezogen ist. Der Missbrauch, der dem 14-jährigen durch die Klavierlehrerin angetan wird, steht für den Missbrauch der Weltgeschichte: Missbrauch der politisch Mächtigen, Missbrauch der Männer an den Frauen und umgekehrt, der Missbrauch der Menschen an unserer Umwelt. «All die schönen, uns erhaltenden Zusammenhänge, denen wir, obwohl wir sie kaum verstanden, Veränderungen aufzwangen.» Ein Lebensweg, dem sich Abzweigungen bieten, die man nimmt oder liegen lässt. Ein individuelles dramatisches Leben im Lauf und im Zusammenhang der dramatischen Zeitgeschichte, gekonnt miteinander verwoben – exzellent! Wann war das Abbiegen falsch, wann war es richtig? Letztendlich leben wir alle trotz aller persönlichen Wege im großen Fluss. Gern würde Roland Baines, der sein Leben lang auf der Suche nach Glück war, am Ende wissen, wie das 21. Jahrhundert ausgeht – er hatte seine Lektionen ... warten wir es ab. 


Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg «Abbitte» ist jeder seiner Romane ein Bestseller, viele sind verfilmt, zuletzt kamen «Am Strand» (mit Saoirse Ronan) und «Kindeswohl» (mit Emma Thompson) in die Kinos. Ian McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts, der American Academy of Arts and Sciences und Träger der Goethe-Medaille. Alle seine Auszeichnungen aufzuzählen, würde eine ganze Seite füllen.



Ian McEwan
Lektionen
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben 
Zeitgenössische Literatur, Englische Literatur
Hardcover Leinen mit Schutzumschlag, 720 Seiten
Diogenes Verlag, 2022



Weitere Rezensionen zu Ian McEwan


Maschinen wie ich von Ian McEwan

Ein Man und eine Frau – und ... ein Androide, KI, künstliche Intelligenz. Eine Dreiecksgeschichte, die zwischen menschlicher Moral und mathematischer Logik hin und herspringt. Adam, der Android, ist mit Gesetzen und Ethik gefüttert, die er konsequent anwendet. Er kennt keine Grauzonen. Was liegt höher, Gesetz und Ordnung oder Liebe? Welche Konsequenzen hat es, wenn immer nur logisch gehandelt wird – rücksichtslos, ohne Vorausschau. Was überhaupt ist Moral? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Ian McEwan ist ein kluger Autor mit viel Humor, was er uns in all seinen Büchern bewiesen hat. Ein Dreipersonenstück – oder zwei plus Maschine?

Weiter zur Rezension:   Maschinen wie ich von Ian McEwan


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Romane

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - #Erstkontakt von Bruno Duhamel

  Doug, ein ehemaliger Fotograf lebt von der Öffentlichkeit zurückgezogen in den schottischen Highlands. Niemand liked seine Fotos, er ist frustriert, darum hat er seit 17 Monaten nichts veröffentlicht. Doch dann fotografiert er durch Zufall am See vor seiner Haustür ein seltsames Wesen – und teilt den Schnappschuss im sozialen Netzwerk «Twister». Danach geht er duschen, kommt zurück, kann es nicht fassen: «150.237 Personen haben auf ihren Post reagiert; 348.069 mal geteilt». Sofort bereut er seinen Post. Er ahnt, was nun geschehen wird, er hat Büchse die Pandora geöffnet … Ein herrlicher Comic, Graphic Novel, fast ein Cartoon, nimmt mit schwarzem Humor Social Media und Aktivist:innen diverser Gruppen auf die Schippe. Weiter zur Rezension:    #Erstkontakt von Bruno Duhamel

Rezension - Die Entführung von John Grisham

  Mitch McDeere wiederbelebt, den wir aus «Die Firma» kennen – ein Folgeroman. Eher nicht, denn ihn und seine Familie erkennen wir nicht wieder, sie wären austauschbar durch irgendwen. Mitch ist nun Partner in der größten Anwaltskanzlei, Scully & Pershing, in Manhattan, die weltweit ihre Ableger führt. Fünfzehn Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit dem FBI die verbrecherische Kanzlei, «die Firma», in der er arbeitete, hat hochgehen lassen. Doch nun holt ihn wieder ein Verbrechen ein: Als ihn sein sterbenskranker Mentor Luca in Rom bittet, einen Fall gegen Arafats Libyen zu übernehmen, gerät er in Tripolis in eine Falle. Der schlechteste Grisham ever. Leider. Langweiliger Spannungsbogen, in diesen Justizthriller oberflächliche Charaktere. Weiter zur Rezension:    Die Entführung von John Grisham

Rezension - Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Kinder lieben Pupsbücher! Wie ist das eigentlich mit den Tieren? Wie pupsen die? Auf einer urkomischen Reise durch das Reich der Flatulenz beobachten Elefant und Maus die unterschiedlichsten Fürze. Und so lernt die Maus, dass Pupsen die normalste Sache der Welt ist! Witzig gestaltet, den Text in Reimform gebracht, macht dieses Bilderbuch Spaß! Lustiges Bilderbuch ab 3 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Rezension - Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Theos bester Freund ist der Drache Kokolo, aber das darf keiner wissen. Denn Drachen gibt es ja gar nicht. Mitten in der Nacht klopft Kokolo an Theos Fensterscheibe: Sie müssen schnell etwas unternehmen denn der fiese Adler Malo hat eins der Babys von Tante Xenna Drachen entführt!  Werden sie noch rechtzeitig kommen? Lesenlernen mit einem Comic, kurze Texte, für Leseanfänger konzipiert. Eine spannende Graphic Novel ab 6 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Rezension - Synthese von Karoline Georges

  Als ein 16-jähriges Model auf dem Weg nach Kanada ist, passiert zeitgleich in Tschernobyl ein Unglück in einem Atomkraftwerk. Das interessiert sie genauso wenig wie Mode. Eigentlich interessieren sie nur Fiktionen in ihren Büchern und Virtuelles. Sie liebt Bilder, Bilder im Kopf, würde selbst gern ein Bild sein. So wird sie Model, auch weil man so viel Geld verdienen kann, ohne studieren zu müssen. Sie macht in Paris Karriere und wird sehr jung finanziell unabhängig, bezeichnet sich selbst als «ein humanoider Kleiderbügel». Weiter zur Rezension:    Synthese von Karoline Georges

Rezension - Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

  Eine türkische Familiengeschichte, die mit der Urgroßmutter und der Großmutter einleitend beginnt. Die nächste Generation wandert nach Deutschland aus – das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Der Traum, den viele «Gastarbeiter» träumten: Arbeiten, viel Geld verdienen, nach Hause zurückkehren und ein Haus bauen. Und dann wurden aus den Gästen Einwohner. In Deutschland die Türken – in der Türkei die Deutschen – entwurzelt, nirgendwo wirklich zu Hause. Eine Familie, die sich bemüht hat, sich zu integrieren. Ein Zwiegespräch zwischen Sohn und Mutter – zwei völlig verschiedene Generationen, aber auch eine Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft und eine mit dem Heimatland und dem Machismo, mit der Erniedrigung der Frauen. Ein hervorragender Gesellschaftsroman, ein Bildungsroman über Migration, Rassismus und Misogynie – meine Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

Rezension - Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

  Herr Wilson von nebenan hat ein Geheimnis! Er arbeitet in einer Bäckerei und backt die leckersten Kuchen. Da ist sich Liz sicher. Er hat grüne Haut, nur drei Finger, einen verdächtig langen Hals, klumpige Füße und eine seltsame Vorliebe für grüne Blätter. Ist er vielleicht ein Dinosaurier?! Niemand glaubt Liz. Darum fährt sie zum Museum für Paläontologie, denn die müssen es wissen! Mary sagt zwar, die seien ausgestorben, welch ein Quatsch! Doch was hat sie vor? Feines Bilderbuch zum Thema Toleranz ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:     Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

Rezension - Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne

  Haya Molcho begibt sich mit ihren Söhnen auf eine italienische Reise von Triest bis nach Sizilien, wobei sie lokale Produzent:innen und Köch:innen besuchen, die über die unterschiedlichsten Facetten der italienischen Kochkunst erzählen und uns ihre liebsten Rezepte verraten. Im zweiten Teil der kulinarischen Reise gibt es italenische Rezepte der Familie, typisch Neni. Levantinische Küche trifft auf italienische Originalrezepte; dabei auch traditionelle italienische Gerichte im Original. Reiseliteratur, Kulinarisches mit vielen Rezepten, Italienische Küche, Levante-Küche – Empfehlung. Weiter zur Rezension:   Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne