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Pleasantville von Attica Locke - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Pleasantville 


von Attica Locke


Der Anfang: 
An diesem Abend feierten sie in ganz Pleasantville. Von der Laurentide Street bis zur Damaree Lane stießen sie miteinander an, setzten den Tonarm auf Platten, ließen das Geschirr in der Spüle stehen. Sie saßen auf Ledersofas vor Farbfernsehern, drängten sich um Küchenradios, belegten Telefonleitungen, verbreiteten Gerüchte über Wahlbeteiligungen und Wahlkreisergebnisse. Es fehlte nicht viel, und ihr Lebenstraum würde sich erfüllen, könnten sie die längst überfällige Ernte jahrzehntelanger harter Arbeit und Kämpfe einfahren. Es waren Soldaten a, D., erwachsene Männer, von denen einige unverhohlen weinten, als die ersten Zahlen in den Wahlsondersendungen genannt wurden. Es waren Arzte und Anwälte, Krankenschwestern, Lehrer und Ingenieure, Männer und Frauen, die sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hier in Pleasantville niedergelassen hatten.


Wir schreiben das Jahr 1996, Bill Clinton ist gerade wiedergewählt worden und in Houston steht eine Bürgermeisterwahl an. Der Wahlkampf konzentriert sich auf Pleasantville – das afroamerikanische Viertel der Stadt, das seit seiner Gründung im Jahr 1949 fast jedes Rennen entschieden hat. Der ehemalige Polizeichef und Sohn des Gründungsvaters, Axel Hathorne will erster schwarzer Bürgermeister von Houston werden. Sein Vorsprung gegen Sandy Wolcott, eine Strafverteidigerin, ist nur gering, als eine junge Wahlhelferin ermordet aufgefunden wird. Die dritte junge Frau in diesem Stadtteil. Jay Porter ist Anwalt, seit einiger Zeit mit eine Sammelklage beschäftigt, für eine große Anzahl von Bürgern eine Entschädigung mit einem Chemiekonzern wegen Umweltverschmutzung und Gesundheitsgefährdung auszuhandeln. Die Verhandlungen stocken, und eigentlich will der Witwer nach dem Prozess den Job an den Nagel hängen, sich um seine Kinder kümmern. Doch plötzlich wird Neal, der Sohn von Axel Hathorne des Mordes an der Wahlhelferin angeklagt.


Versucht jemand eine Wahl zu beeinflussen?


Jay sieht auf den Obduktionsbericht.
‹Sie hat sich heftig gewehrt›, sagt Lonnie und deutet auf die Bemerkungen zu Abwehrverletzungen und möglichen DNA Spuren unter den Fingernägeln.
‹Was ist mit Sperma? An den ersten beiden hat man welches gefunden.›
‹Ja, aber Samstag hat es geregnet, wenn du dich erinnerst.› Sie tippt auf ihr Exemplar des Obduktionsberichts. ‹Kein Sperma, nichts.›
‹Das heißt, dass bei ihrer Entdeckung am frühen Sonntagmorgen die meisten Spuren unwiederbringlich zerstört waren.›

Merkwürdigerweise unterstellt man Neal, diese eine junge Frau ermordet zu haben, aber nicht die anderen zwei, bei denen DNA-Spuren sichergestellt wurden, die nämlich ins Bild passen. Angeklagt von der Oberstaatsanwältin, die als Konkurrentin gegen seinen Vater im Kampf um das Bürgermeisteramt antritt. Das direkt vor der Wahl – und Jay ist sich sicher, es stinkt zum Himmel. Er ist eigentlich kein Strafverteidiger, doch Axel will, dass er den Fall übernimmt. Versucht hier jemand, mit solch fiesen Mitteln eine Wahl zu beeinflussen? Parallel dazu läuft ein Flyer herum, der lügenhaft behauptet, Axel wolle am Mangrovenwald ein riesiges Bauprojekt starten, was den Einwohnern nicht gefällt. Jay will zunächst versuchen, die Wahl zu verschieben, bis der Mordprozess abgeschlossen ist. Das hat es noch nie gegeben – eine völlig verrückte Idee.


Wie die die amerikanische Gesellschaft tickt

Wer John Grisham mag, dem wird dieser Kriminalroman gefallen. Wir erleben einen kraftlosen Jay, der nach dem Tod seiner Frau völlig niedergeschlagen ist, zu nichts mehr Lust hat, dem die Klienten wegspringen, weil er in der Sache mit der Chemiefabrik nicht weiterkommt. Und dann wird er von Axel erpresst, in einem Mordprozess zu verteidigen. Widerwillig sagt er zu, erstmal einzuspringen, bis ein guter Strafverteidiger gefunden ist. Doch als er ein Auto vor seiner Tür entdeckt, immer wieder, ein Mann, der sein Haus beobachtet, wird es persönlich für Jay. Er kämpft für Gerechtigkeit, für die Armen – und hier läuft gerade ein ganz schräges Ding von ganz weit oben – der alte Jay ist wieder da, will der Sache auf den Grund gehen. 1996 – Locke zeigt, wie bereits hier die amerikanische Gesellschaft ideologisch langsam auseinandergleitet, wie mit allen Mitteln Wahlkampf geführt wird – koste es, was es wolle; Lügen sind an der Tagesordnung bei den Republikanern.


Ein literarischer Thriller der Extraklasse

Im trüben Abendlicht liegen die Straßen verlassen da. Die Ledwicke Street, die Jay im Rückspiegel sieht, ist die Nord-Süd-Achse durchs Viertel. Sie führt um das Samuel P. Hathorne Community Center, das Schwimmbad und den Fußballplatz und endet an einer großen, wild überwucherten Brache. Eine der wenigen unbebauten Flächen in einer Stadt, die sich mit ihrer Geringschätzung für eine gute Stadtplanung rühmt und den Glauben an industrielles Wachstum als demokratisches Geburtsrecht begreift, das gleich nach dem Streben nach Glück kommt.

Wir kennen Jay Porter bereits aus «Black Water Rising», wo er sich mit einem einen Ölkonzern angelegt hatte. Langsam blättert Attica Locke ihre Charaktere auf, das Beziehungsgeflecht, geht zurück bis in die 40-er Jahre. Es ist wieder ein komplexer Roman, der die Gesellschaft der afroamerikanische Community beschreibt, sich mit dem amerikanischen Wahlkampf beschäftigt, mit der Entwicklung der Gesellschaft und natürlich mit dem persönlichen Schicksal von Jay. Ein atmosphärisch beschriebenes Setting, tief beschriebene Charaktere und eine spannende, authentische Geschichte, machen diesen Justizthriller zu einem Leseerlebnis. Ein literarischer Thriller der Extraklasse!


Attica Locke, 1974 in Houston geboren, studierte Drehbuch und Regie. Sie arbeitete als Autorin und Producerin für verschiedene Studios in Hollywood, für HBO und Fox. Für ihren Roman «Bluebird, Bluebird» über einen schwarzen Texas Ranger erhielt sie 2018 den Edgar.




Attica Locke
Pleasantville 
Originaltitel: Pleasantville
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf
mit einem Nachwort von Benjamin Whitmer  
Kriminalliteratur, Justizthriller, Whodunit, Kriminalroman, Literarischer Thriller
Hardcover mit Schutzumschlag, Lesebändchen, 450 Seiten
Polar Verlag, 2022



Black Water Rising von Attica Locke

Das ist mal wieder ein hervorragender Thriller! Anfang der 1980-er in Houston: Jay Porter, ein junger Anwalt, Anfang dreißig, Strafverteidiger, schenkt seiner Frau zum Geburtstag eine romantische Mondscheinfahrt auf dem Buffalo Bayou mit Picknick an Bord – ein Schrottkahn; immerhin mit bunten Lämpchen bestückt. Sie wollen sich gerade über die Schokoladentorte hermachen, als ein Schrei und ein Schuss durch die Nacht gellen, ein zweiter und kurz darauf ein Platschen ganz in ihrer Nähe. Jay springt in das ölschwarze Wasser, rettet eine Frau. Die Figuren sind authentisch, widersprüchlich und eben genau darum glaubwürdig. Spannung und Prosa im Einklang, ein Gefühl für ein historisches Setting machen diesen Noir-Thriller zum Leseerlebnis. Kriminalliteratur auf hohem Niveau! Meine Empfehlung. 

Weiter zur Rezension:   Black Water Rising von Attica Locke




Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller




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