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Das Nest von Sophie Morton-Thomas - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Das Nest 


von Sophie Morton-Thomas



Der Anfang: Der Basstölpel geht in den Sturzflug und durchschlägt die Wasseroberfläche wie ein Pfeil. Das Farbenspiel auf den Wellen zieht meinen Blick auf sich und mich selbst aus meinen Gedanken. Nach ein paar Sekunden taucht der Vogel wieder auf. Für die silbrig schillernde Beute im Schnabel hat es sich gelohnt, den eisigen Wogen zu trotzen. Ich sinke tiefer in die Allwetterjacke, deren viel zu lange Ärmel ich umständlich hochgekrempelt habe. Dom hat bestimmt nichts dagegen, dass ich sie ausgeliehen habe.


Ein Küstenort in Großbritannien, wo das Marschland auf den Ozean trifft, wo Vögel die bessere Gesellschaft sind, lebt Fran eine ereignislose Routine. Sich um den Campingplatz kümmern, der mit Mobilheimen ausgestattet ist, ihren Sohn von der Schule abholen, Abendessen kochen. Mit Dom, ihrem Mann, läuft es nicht mehr so, ihre Schwester lebt mit ihrer Familie in einem Wagen, zahlt keine Miete, dem Schwager hatte sie den Entzug finanziert und jetzt trinkt er wieder, hat keine Arbeit. Freude findet Fran nur an den verschiedenen Vogelarten, die sie am Strand beobachten kann; sie hat auch ein Häuschen zur Beobachtung finanziert. Und nun entdeckt sie ein Nest mit einer seltenen Vogelart, hofft, dass die Jungen ausschlüpfen werden.. 

Wir sind seit einer Stunde hier, und selbst der lauteste Teil der Traurigkeit wird übertönt von meinen klappernden Zähnen und dem eisigen Wind, dem ich nicht entkommen kann. Ich rufe nach Bruno, der noch immer mit hängendem Kopf am Strand entlangläuft. Er schaut auf und geht langsam, Schritt für Schritt, auf mich zu. Ich glaube, et bar aufgehört zu weinen. Sein Gesicht sieht aus, als wäre es il lang der Meeresbrise ausgesetzt gewesen. Die Augen sind nicht verschwollen, aber die Haut ist gerötet und trocken.

Irgendwas liegt in der Luft … Die neue Lehrerin kommt nicht mit der Nichte von Fran klar. Eine Gruppe von Roma schlägt in der Nachbarschaft des Campingplatzes ihr Lager auf, sie werden von der Bevölkerung mit Argusaugen beobachtet. Eines Tages (weit in der Mitte es Romans) verschwindet die Lehrerin. Und auch der Schwager von Fran ist kurz danach verschollen. Zwei Perspektiven, die von Fran und die von dem Roma Tad. Immer wieder liegen Vögel mit abgeschnittenen Köpfen herum. Im Prinzip ist der Roman ein Thriller, denn die düstere Atmosphäre, das Bedrohliche, läuft die ganze Zeit unterschwellig mit. Eine Frau verschwindet, ihre Leiche wird gefunden, ein Mann verschwindet – das alles irgendwie nebenbei. In dieser Familie läuft es nicht rund: Die Ehen funktionieren nicht, die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern von erwachsenen Geschwistern stimmt nicht. Das Ganze ist eingebettet in atmosphärisch geschilderte Landschaft und Vogelbeobachtung. 

Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wohin die Reise geht? Geht es um Fran, die nicht glücklich ist, oder um die Kinder, Cousin und Cousine, die mit der Lehrerin Stress haben. Geht es um die Verwahrlosung der Familie der Schwester, die nicht um Hilfe bitten mag? Oder geht es um das Thema Ausgrenzung und Vorurteil von Romas? Ach ja, nicht zu vergessen, die ermordete Lehrerin – aber die Geschichte wird nebenbei erwähnt, kommt irgendwann wieder zum Tragen. Nicht Fisch, nicht Fleisch, ein Ende, das für mich überhaupt nicht passt, völlig unlogisch. Das alles plätscherte an mir vorbei. Zu den Figuren fand ich keinen Zugang. Pendragon Verlag, Ausschnitt eines Interviews:  «Während ich an der ersten Hälfte saß, wusste ich noch nicht einmal, wer genau der oder die Schuldige sein sollte.» Genauso erschien mr der Plot. Mein Buch war es nicht. Etwas Bedrohliches liegt in der Luft, aber es ist ein laues Lüftchen, das sich für mich nie verdichtet hat. Ein Familiendrama, in dem für mich der Ritt auf dem Vulkan fehlte; was nicht unbedingt Action bedeutet, es kann auch die Tiefe der Figur sein. Hier ist alles oberflächlich, die Charaktere, das Geschehen. Gefallen haben mir die Landschaftsbeschreibungen, die wirklich gut gelungen sind, Ein literarischer Thriller, bei dem mir zum Ende allerdings die Luft ausging. Eins dieser Bücher, bei der sich die Leserschaft teilt: Man mag es oder eben nicht. 




Sophie Morton-Thomas wuchs in West-Sussex auf und war schon immer vom Schreiben begeistert. Bereits früh schrieb sie Kurzgeschichten, mit denen sie für mehrere Preise nominiert war. Mit »Travel by Night« hat sie bereits einen erfolgreichen Roman veröffentlicht.





Sophie Morton-Thomas 
Das Nest Originaltitel: Bird spotting in a small Town 
Aus dem Englischen von Lea Dunkel 
Thriller, Zeitgenössische Literatur, englische Literatur
Taschenbuch, 320 Seiten
Pendragon Verlag, 2025

Zeitgenössische Literatur
Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman



Krimis und Thriller

Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller




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