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Nebel und Feuer von Katja Riemann - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Nebel und Feuer 


von Katja Riemann

Gesprochen von Katja Riemann
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 8 Stunden und 27 Minuten



Sie steht mit dem Rücken zum Abgrund. Nackt. Im Fenster des fünften Stocks. Altbau. Die verputzte, ungestrichene Wand fällt steil und bedrohlich herab wie ein lautloser Wasserfall. Unter ihr, keine fünfzig Meter entfernt, liegt ein Friedhof. Kann man sich nicht aussuchen. Die beiden Fensterflügel sind nach innen geöffnet, der untere Teil des Fensters ist fest verbaut, und sie steht außen, auf einem gemauerten Absatz, der für Schuhgröße 36 taugt, mit dem Rücken gen Friedhof, und hält sich am Fensterrahmen fest. Der vordere Teil ihres Fußes, die Ballen und Zehen, stehen auf dem Sims, die Ferse ragt in die Luft und könnte runterfallen, wäre sie nicht am vorderen Fußteil festgewachsen. Füße sind zumeist aus einem Guss. Wenn man Füße hat. Wenn man nicht ohne Füße geboren wurde. Das kann passieren.


Wenn eine Schauspielerin oder ein Schauspieler einen Roman schreiben, so kann das in die Hose gehen, wie es mir kürzlich mit Michael Cane ging – oder es klingt richtig gut, es gibt Beispiele genug für beide Seiten. Drum war ich gespannt, was ich hier zu erwarten hatte. Und ich war mehr als positiv überrascht! In der Eröffnungsszene steht die Musikerin Johaenne auf ihrem Fenstersims im fünften Stock, der Friedhof ist praktischerweise gleich nebenan. Der Mann, den sie unbändig liebt, hat sie verlassen, die Liebe zu ihm jedoch ist geblieben. Das hält sie nicht aus. Sie hat ihr Testament geschrieben, verteilt ihren Besitz an Freundinnen und Musiker, das Haus in Brandenburg soll die Schwester erben. Es ist Nacht, nur der Mond kann sie sehen –  mit dem sie ein Zwiegespräch hält, begreift, dass sie gar nicht sterben will, nur unendlich traurig ist.


Dialog, Monolog, Erzählung in der dritten Person - Reales, Irreales


Der Mond ist runtergefallen, auf die Startbahn Tempelhof. Night-Kiter schmeißen sich in sein Licht hinein und cruisen auf den Wellen, die sich beim Aufprall gebildet haben. Eine Welle aus Mondlicht auf dem alten Naziflughafen. Das wär’s. Das hat sie nicht geschafft: im Mond baden. Und jetzt kann sie nicht einmal sehen, wie das Gepinkelte die Mauer runterläuft. Oder doch? Sie beugt den Kopf nach unten, oh, keine gute Idee, die Oberschenkel werden weich, runtersehen ist nicht gut, die Höhenangst. Schnell den Blick abwenden, nach vorn sehen, in die dunkle Wohnung hinein und atmen. Atmen ist leben. Atem ist meine neue Droge, sagte ihr unlängst ein Kumpel und kiffte trotzdem weiter. Ihre Beinchen. Werden weich oder steif oder beides. Das hat sie nicht bedacht, dass der Körper hier zum Gegner des Willens wird.


Sie besitzt diesen Bungalow in Brandenburg, den sie das Nest nennt, in das sie ihre Freundinnen einlädt,  Jamal und Shenmi, die Pianistin Ayo und dazu gesellt sich ein kleiner Hund. Es ist das Haus von Johaennes verstorbenen Vater. Ein Nebel bedeckt plötzlich die halbe Welt, ein Vulkan ist ausgebrochen; später kommen Feuersbrünste und Heuschreckenschwärme dazu. Um sie herum bricht das Chaos aus, die Welt steht Kopf, der Mob zieht durch die Straßen, die Frauen brauchen Essen und Hundefutter, trauen sich nicht in die Stadt. Das Nachbarhaus macht den Frauen Angst und sie entdecken dort merkwürdige, ja bedrohliche Dinge. Man könnte jetzt richtig viel stöhnen und kritisieren bei all dem Wirrwar: Dialog, Monolog, Erzählung in der dritten Person - Reales, Irreales, ein wenig Crime, ein wenig Fantasie und jede Menge Drama, gespickt mit allen Themen querbeet, die die Welt zu bieten hat. Ziemlich viele Gedankenspiele – dabei recht gute, dann wieder weniger Interessantes, Mainstreem, Dialoge zwischen den Freundinnen. Das hört sich wirr und durcheinander an. Das ist es auch, eingebunden in eine schräge Rahmenhandlung, die auf einen Kinderfahrschein passt. Aber trotzdem hat mich der Text gepackt und es hat mir Spaß gemacht, zuzuhören. 



Klangvoller Rhythmus mit einem guten Gefühl für Sprache


Die Hoffnung war, dass sich alles zurechtschweigen würde. Tat es aber nicht. Die ungesagten Worte nahmen immer mehr Platz in ihrer Beziehung ein, es wurde eng in ihr. Sie hätte die Beklommenheit in Form des Balls gern ausgespuckt, aber er war in ihr festgewachsen, wie ein Krebsgeschwür. Ich stecke zwischen zwei Zeiten. Dem Vorhin und dem Nachher. Und ich weiß nicht, auf welcher Seite ich sein möchte, wenn das nur jemand für mich lösen würde. Wenn der Schmerz nur aufhörte, die Ohnmacht, das Gefühl des Abgeschnitten-worden-Seins, der Verlust, der Kummer, die Verlorenheit, die Trauer um die jetzt ehemalige Liebe und nur vermeintliche Verbundenheit. Und nichts, nichts konnte sie mehr ändern, verbessern, rückgängig machen, so war es jetzt, und sie meinte, daran zu Grunde zu gehen und wollte zu Grunde gehen und wagte es nicht.


Vier Frauen in einer apokalyptischen Szenerie, die sich gegenseitig Halt geben. Johaenne ist unsagbar traurig. «Der geliebte Mann war einfach weggegangen und hatte seine Liebe vor die Tür geworfen.» Auch die anderen drei Freundinnen haben ihre Probleme, und Shenmi macht im Nachbarhaus eine ziemlich erschreckende Entdeckung. Vier Frauen belastet mit Problemen stehen im Chaos zusammen und sind sich gegenseitig eine große Stütze, ziehen die Kraft aus den anderen, um sich wieder aufzurichten. Was mir gefallen hat ist die Kreativität in diesem Text, absurde und humorvolle Betrachtungen, das alles wohlformuliert in klangvollem Rhythmus mit einem guten Gefühl für Sprache. Ich glaube, das war es, was micht gepackt hat. Gesprochen hat die Autorin es selbst, was sicherlich auch ein Vorteil ist. «Nebel und Feuer» ist Katja Riemanns erster Roman. Wer Schräge Texte mag, der liegt hier richtig.


Katja Riemann ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum, die sich sowohl mit feinem Gespür zwischen kommerziellem Kino und arthouse bewegt als auch im Theater und der Musikwelt zu Hause ist. Sie ist UNICEF-Botschafterin und erhielt für ihr Engagement 2010 das Bundesverdienstkreuz am Band. Zuletzt erschienen ihre Sachbücher »Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen« über humanitäre Arbeit und »Zeit der Zäune« über Orte der Flucht. Mit »Nebel und Feuer« gibt sie ihr Debüt als Romanautorin.




Katja Riemann
Nebel und Feuer
Gesprochen von Katja Riemann
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer: 8 Stunden und 27 Minuten
Zeitgenössische Literatur
Lauscherlounge, 2025
S. FISCHER Verlag, 2025, 304 Seiten



Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman

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