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Übung in Gehorsam von Sarah Bernstein - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing






Übung in Gehorsam 


von Sarah Bernstein


Diese Andeutung eines Risses in der absoluten Autorität meines Bruders wühlte mich auf, mir war klar, dass die Sache mit seiner Frau ihm einen Schlag versetzt haben musste, mein spärliches Wissen über Männer legte nahe, dass sie von Natur aus unfähig waren, allein zu sein, Angst hatten, nicht bewundert zu werden, und das Älterwerden samt seinen Begleiterscheinungen offenbar als persönliches Versagen betrachteten. Ja, ja, sagte ich. Natürlich käme ich. Natürlich!, sagte ich und brüllte dabei fast in den Hörer. Wann hatte ich ihm, meinem ältesten Bruder, oder einem der zahlreichen anderen Geschwister, über deren Verbleib mir gerade nichts bekannt war, je auch nur die kleinste Bitte abgeschlagen? Natürlich käme ich.


Eine junge Frau aus einer Anwaltskanzlei in der Stadt und zieht auf die Bitte von ihrem Bruder, der von Frau und Kindern verlassen wurde zu ihm in ein Land im hohen Norden; sie kann von dort ihren Job weiter erledigen. In dem abgelegenen Dorf in einem nördlichen Land lebten bereits die jüdischen Vorfahren der Familie;, es ist ihnen dort nicht gut ergangen. Als jüngstes von zahlreichen Geschwistern scheint es der jungen Frau nichts auszumachen, sich als Haushälterin des Bruders aufzuopfern. 


Einerseits hatte ich das Gefühl, mein Gehorsam sei endlich belohnt worden. Andererseits fürchtete ich, in dieser kalten, schönen Landschaft ein Leben zu führen, das ich mir nicht verdient hatte, und rechnete fest mit einer unverzüglichen und grausamen Vergeltung. Als ich in die letzte Erdbeere biss, kamen mir die Tränen, weil uns die Sprache, das spürte ich, nicht mehr zur Verfügung stand, weil es für uns in Worten nichts Verwendbares gab. Nichts blieb an seinem Platz.


Von den Dorfbewohnern, deren Sprache sie nicht spricht, wird sie argwöhnisch betrachtet, obwohl sie fleißig ist, sich am Gemeinschaftsdienst des Dorfs freiwillig beteiligt, Ställe reinigt. Der Bruder ist so etwas wie ein Gutsherr, ein reicher Mann, hochgeachtet. Er erkrankt plötzlich an einer unbekannten Krankheit.  Rätselhafte, beunruhigende Ereignisse häufen sich: Die Kartoffelernte verfault, eine Sau zerquetscht ihre Ferkel, so etwas wie BSE befällt die Kühe, Hühnerpest bedroht das Geflügel. Ein Gefühl wachsender Bedrohung stellt sich im Dorf ein. Wer trägt die Schuld? Wer kontrolliert hier wen? Wer wird zur Rechenschaft gezogen? Und wofür?


Ich konnte auf dem Gemeinschaftshof noch so hart schuften, noch so viele Misthaufen schaufeln, Hühnerställe abkratzen, Brennnesseln mit den Wurzeln ausreißen, zum Trocknen aufhängen oder zu einer Suppe kochen, und trotzdem spürte ich ihre Feindseligkeit. All diese Anstrengungen, stellte ich tieftraurig fest, waren vergeblich und wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Sie hatten mich nicht eingebürgert; ich blieb au-Ben vor, was ich, wie ich inzwischen begreife, zwangsläufig immer bleiben werde.


Dicht geschrieben in präziser Sprache erklärt die Icherzählerin von ihrem Leben in dem Haus. Zunächst lässt der Bruder sie allein und sie freundet sich mit dem Hund an, erkundet die Landschaft, beschreibt intensiv die Natur, findet ihre Hobbies. Bereits am Anfang wird erklärt, dass die Vorfahren verfolgt wurden, wobei man sofort an Judenvertreibung denkt – was sich im weiteren Verlauf bestätigt. Die Icherzählerin spricht diverse Sprachen, kann sich aber mit der Sprache an diesem Ort nicht anfreunden. Die Entwurzelung der Familie wird deutlich, das Heimatlose, immer bereit zu sein, wegzuziehen. Das Misstrauen der Anderen, die Ablehnung, die ihr entgegentritt – bis hin zu dem mittelalterlichen Glauben, dass an jedem Unglück ein Mensch seine Schuld trägt. Über dem Ganzen schwebt unterschwellig Antisemitismus. «Ich kehrte von diesen Ausflügen erschöpft zurück, als hätte mich das Land, dem meine Anwesenheit bis dahin in jeder Beziehung gleichgültig gewesen war, schließlich voller Unwillen bemerkt und arbeitete nun an meiner Vertreibung.» Vielleicht sogar ein Verweis auf den Holocaust, so mag man vermuten, wenn die Autorin sagt, ihre Vorfahren gehörten früher zur Gemeinschaft dazu, doch dann wurden sie verfolgt. Der Großvater schaffte es, vorzeitig zu fliehen. Zunächst ist die Icherzählerin frei, denn der Bruder ist außer Haus. Sie ist glücklich. Sie liebt das Haus, die Natur, kennt sich mit Pflanzen gut aus. Der Bruder kommt zurück, behandelt die Schwester wie eine Sklavin. Und dann wird er plötzlich krank – auch hier macht der Lesende sich seine Gedanken. Diese Frau wehrt sich nicht, nicht gegen den Bruder, nicht gegen die Gemeinde – sie nimmt alles hin. Wirklich? Ein Verweis an den Holocaust? Eine klare Sprache, aber auch eine Meisterin der Andeutungen. Sarah Bernstein ist eine feine Beobachterin, die eine unbenannte Erzählerin eine Geschichte aus irgendeinem Land im Norden zu irgendeiner Zeit berichten lässt. Alles ist offen; ist diese Erzählerin zuverlässig? Das Gehirn des Lesenden ist in Arbeit, viel Interpretation ist an vielen Stellen offen. Klasse!

... deren Vorfahren Seite an Seite neben meinen gelebt und mit ihnen gearbeitet hatten, mit ihnen das Brot gebrochen, unter demselben Himmel gelebt, dieselbe Kälte, denselben Mehltau, dasselbe Hochwasser, dieselben Katastrophen erlitten hatten, eine Zeit lang, eine Zeit lang. Denn alles hat ein Ende, ja, wie die Leben meiner Ahnen ein Ende hatten, das Leben an sich und das ihnen vertraute Leben, und nie erfuhren sie, nie verstanden sie, warum oder wozu, nur dass ein Gefühl, das jahrhundertelang unter den Nähten dahingeflossen war, an die Oberfläche getreten war.


Sarah Bernstein, geboren 1987 in Montreal, Kandada, lebt mit ihrer Familie in Schottland, wo sie Literatur und Kreatives Schreiben unterrichtet. Neben mehreren Lyrikveröffentlichungen erschienen zwei Romane. 2023 wurde sie als eine von ‹Granta’s Best of Young British Novelists› ausgezeichnet. Mit «Übung in Gehorsam» stand sie auf der Shortlist des Booker Prize und gewann den kanadischen Giller Prize.




Sarah Bernstein
Übung in Gehorsam
Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender
Zeitgenössische Literatur, Englische Literatur
Broschur, 160 Seiten
Klaus Wagenbach Verlag, 2025




Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman


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