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Cassandra Darke von Posy Simmonds - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Cassandra Darke 


von Posy Simmonds 


Der Auftakt der Grafic Novel, der Prolog: Eine Frauenleiche wurde im Wald gefunden. Cassandra Darke ist eine Londoner Kunsthändlerin, eine arrogante, kauzige alte Dame mit Wohnsitz im noblen Chelsea. Nachdem herauskommt, dass sie unautorisierte Kopien eines verstorbenen Künstlers verkauft hat, ist ihr Ruf und der ihrer Galerie sind ruiniert, und auch finanziell bleibt ihr im Prinzip nur noch ihr Haus übrig. Doch ihre Überheblichkeit leidet darunter nicht. Als die Aktionskünstlerin Nicki sie um Hilfe bittet, lässt sie sie in der Souterrainwohnung wohnen, wofür sie täglich persönliche Aufgaben für sie erledigen soll. Doch Nicki zieht Cassandra in einen Mordfall hinein …




«Normalerweise hätte ich im The Wolseley bei Egg Benedict und Frucht-Scones abgewartet. Aber ich brauchte frische Luft. Ich rief meinen Fahrer an, dass ich mich allein auf den Heimweg machen würde und ließ mich stundenlang durch die Horde verblödeter Weihnachtsshopper treiben.»




Nicki, die Tochter von Cassandras geschiedenem Mannes und ihrer Stiefschwester gerät ungewollt in Schwierigkeiten, in die sie Cassandra mit hineinzieht und mit ihrem neuen Freund Billy werden die Probleme noch heftiger für die Frauen. So kommt Cassandra in einen Mordfall auf die Spur. Die Geschichte spielt in der Weihnachtszeit und ist so etwas wie eine moderne Ebenezer Scrooge-Story. Cassandra, eine ziemlich fiese Type, die alle Menschen vor den Kopf schlägt, hat doch unter ihrem Pelz ganz tief ihr Herz vergraben. Cassandra ist eine Feinschmeckerin und hat eine entsprechend runde Figur und sie ist Anfang siebzig, weit davon entfernt, attraktiv zu sein. Cassandra Darke bezeichnet sich selber als alt und fett und sie trägt einen Parka und eine russische Pelzmütze mit Ohrenklappen. Die Geschichte springt nach der Einführung zurück zu der Zeit, als Cassandra noch nicht aufgeflogen ist, noch eine Haushälterin und einen Fahrer hat, Nicki bei ihr einzieht. 




Nicki gerät in einer Bar für eine Wette an den falschen Typen, einen übergriffigen, brutalen Kriminellen. Statt ihrer Handynummer gibt sie ihm die von Cassandra. Diese erhält infolgedessen bedrohliche SMS und Penisbilder, die sie als Racheakte betrogener Kunden und Künstler einordnet. Nur wer tut so etwas? Nicki wird von Billy vor den fiesen Typen gerettet, die er kennt – die leider noch eine Rechnung mit ihm offen haben … und so nimmt das Drama seinen Lauf. Eine klasse vielschichtige Story, die die Arroganz der Reichen aufnimmt, Kunstfälschung, Kunstspekulation, Übergriffigkeit von Männern, Alterseinsamkeit, Generationenkonflikt von Künstlern (Cassandra handelt mit Skulpturen, Vasen und Bildern – Nicki ist eine sozialkritische Aktionskünstlerin) das alles ist obendrein in eine Kriminalgeschichte verpackt.




Besonders auffällig ist der erste Blick auf die Seiten von diesem Comic. Es sind wenig Sprech- und Denkblasen, Soundwörter vorhanden – dafür gibt es zwischen den einzelnen Panels längeren Fließtext, die Story wird romanartig erzählt. Die Zeitebene wechselt zwischen Rückblende und realer Zeit die Perspektive wechselt zwischen Cassandra, Nicki, und Billy. Und zeichnerisch wird bestochen scharf der Kontrast zwischen den Milieus Londons dargestellt, der zwischen dem noblen Chelsea und dem Viertel der Armen. Gesellschaftskritik mit bitterbösem schwarzem Humor in Wort und Bild unterfüttert. Posy Simmonds verbindet gesellschaftskritisches Panorama, intergenerationale Komödie und psychologisches Porträt zu einem Comic, der seinem Medium zeichnerisch wie erzählerisch alle Ehre macht. Für mich eine grandiose Graphic Novel – Abteilung Lieblingsbuch.



Die 1945 in Bershire, England geborene Posy Simmonds studierte Kunst in Paris und anschließend Grafikdesign in London. 1969 erhielt sie ihren ersten Auftrag für einen Fortsetzungsstrip in der Zeitung ‹‹The Sun››. Seit den frühen Siebzigerjahren zeichnet sie regelmäßig für die englische Tageszeitung ‹‹The Guardian›› und wurde für ihre Arbeiten zweifach als ‹‹Cartoonist of the Year›› ausgezeichnet. Internationale Beachtung fand sie als Autorin und Zeichnerin von ‹‹True Love››, ‹‹Gemma Bovery›› und ‹‹Tamara Drewe››. Genau wie ‹‹Gemma Bovery›› erschien ‹‹Tamara Drewe›› ursprünglich in wöchentlichen Folgen in ‹‹The Guardian›› und wurde erst später in Buchform veröffentlicht. Für ihre Verdienste um die Zeitungsindustrie wurde sie 2002 zum ‹‹Member of the British Empire›› ernannt. Posy Simmonds ist für ihren entlarvenden und karikierenden Stil bekannt, mit dem sie überaus treffend die britische Mittelklasse ergründet. In ihren gesellschaftsanalytischen Geschichten porträtiert Posy Simmonds gern typische Vertreter der britischen Literaturszene.




Posy Simmonds 
Cassandra Darke 
Comic, Graphic Novel, Kriminalliteratur, Englische Literatur
Hardcover, 96 Seiten, 23.3 x 26.6 cm
Reprodukt Verlag, 2019






Graphic Novel, Comic, Grafisches  

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