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In ihrem Haus von Yael van den Wouden - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




In ihrem Haus 


von Yael van den Wouden



Da bist du ja, sagte das schummrige Küchenlicht, das sie extra angelassen hatte. Ich habe auf dich gewartet, klackte der Schlüssel in der Tür.

Seit dem Tod ihrer Mutter lebt Isabel allein in dem großen, von der Zeit gezeichneten Familienhaus auf dem Land, ihre beiden Brüder wohnen in der Stadt. Die Tage ziehen ruhig und geordnet dahin. Isabel lebt mit ihren Erinnerungen, ihren Möbeln und Haushaltsgegenständen, mit denen sie redet, die sie ständig durchzählt, in Angst, das Dienstmädchen könnte einen Löffel stehlen. Doch als ihr Bruder Louis seine Freundin Eva bei ihr einquartiert, geraten Isabels stille Routinen ins Wanken, und das Haus, das Stabilität gibt, wird zum Schauplatz unheimlicher Veränderungen. Da das Haus Isabel nicht gehört, muss sie Eva erdulden, ob sie will oder nicht. Sie lässt Eva ihren Unmut spüren, überwacht sie voller Misstrauen. Plötzlich verschwinden Dinge und Isabel wird immer misstrauischer gegenüber Eva, fragt sich, was sie hier will.


Das einzige was sie in ihrem Leben hat, ist das Haus


Seine neue Freundin stand betreten daneben, auf den Lippen ein zittriges, verkrampftes Lächeln. Sie trug einen grell blondierten Bob und ein schlecht vernähtes Kleid – um die Taille zu eng, die Säume ungleichmäßig. Ihr Gesicht war sehr rot. Ansonsten war sie das, was Männer eben so hübsch fanden.

In der flirrenden Sommerhitze entwickelt sich eine unerwartete Anziehung zwischen den beiden Frauen, die Isabels festgefügtes Weltbild erschüttert. Sie war ein Kind, als sie hier eingezogen sind, ihre Mutter, mit den drei Kindern, weil es in Amsterdam nicht mehr sicher war im Krieg. Das Haus gehört dem Onkel, und wenn der einmal stirbt, wird es Louis erben. Doch sie wohnt hier fast ihr ganzes Leben lang, und sie hat nichts außer diesem Haus, dem Besteck, dem Porzellan mit den Hasen – sie hat nicht einmal Freunde. Was passiert, wenn Louis Eva wirklich heiratet und sie bittet zu gehen? Der Roman hat auf der Shortlist vom Internationalen Booker-Preis gestanden, zu Recht. Der erste Teil beschäftigt sich mit der neurotischen Isabel, die nichts hat, außer das Haus. Und dann bricht Eva in dieses Leben ein. Aus dem Hass gegen die Frau entwickelt sich Anziehung und die beiden stürzen in eine heftige Amour fou.


Wem gehört das Haus?


Ist das nicht seltsam? Niemand in diesem Land scheint irgendetwas zu wissen: Niemand weiß, wo sie wohnen, wer was getan hat, wer wohin verschwunden ist. Alles ein großes Geheimnis. Wissen ist flüchtig.

Gleich am Anfang des Buchs findet Isabel bei der Gartenarbeit eine Porzellanscherbe, das Stück eines Tellers, und Eva kann ihr später erzählen, wie der Teller zerbrach. Stück für Stück tasten wir uns heran an das, was Eva hier eigentlich will. Sie ist in diesem Haus geboren – sie ist Jüdin. Ihre Eltern sind verstorben, sie waren im KZ gelandet, und wenn man dort weggesteckt ist, ist man nicht mehr in der Lage, die Raten für das Haus abzubezahlen. Die Bank hatte das Haus für einen Spottpreis zwangsversteigert – und nicht nur dieses Haus. So hat man das Eigentum von vielen Juden auf legale Weise enteignet. Wer das KZ überlebte, stand am Ende mittellos da und es gab niemanden, der sich dafür einsetzte, das Unrecht wiedergutzumachen. Eva ist der Meinung, Isabel hätte es wissen müssen. Man zieht nicht einfach in ein möbliertes Haus ein, indem alles vorhanden ist, ohne sich zu wundern. Isabel kontert, sie sei damals ein Kind gewesen, habe sich keine Gedanken darüber gemacht. Die Frage nach einer Wiedergutmachung steht im Raum. Sind Kinder für die Verbrechen ihrer Eltern mit verantwortlich und müssen sie diese ausgleichen? Interessant, Yael van der Wouden, mit niederländischen Wurzeln ist in Israel aufgewachsen, lebt heute in den USA und sie hat das Buch in Englisch geschrieben, das in den USA ein Erfolg wurde, die niederländische Übersetzung wurde in den Niederlanden nicht erfolgsgekrönt.

Isabel entwickelt Verantwortung

Was mich ein wenig wunderte, dass Isabel in den Tag hinein lebt, sich keine Arbeit sucht. Ihre Brüder weisen sie immer darauf hin, sich einen Mann zu suchen, weil das Haus an Louis gehen wird, und sie irgendwann ausziehen muss. Sie erhält Unterhalt, was nicht weiter erklärt wird. Aus dem Erbe? Sie hat auch einen Verehrer in der Nachbarschaft, doch so sie kann sich nicht ernsthaft vorstellen, den Mann zu heiraten. Eva sagt, sie soll sich küssen lassen, dann werde sie merken, ob sie Verlangen zu ihm entwickeln kann – und sie lässt sich von ihm küssen. Das Verlangen in ihrem Bauch entwickelt sich aber später beim Kuss von Eva. Isabel durchläuft eine gewaltige Entwicklung auf allen Ebenen, was fein beschrieben ist, ebenso die flirrende Sommerhitze mit allen Sinnesorganen und die Sinnlichkeit der Gefühle, die sich zwischen den beiden Frauen entwickelt. Ein Roman, der sich zu lesen lohnt. Empfehlung!


Yael van der Wouden, geboren 1987 in Tel Aviv, ist eine niederländische Schriftstellerin. Sie ist Tochter einer Israeli und eines Niederländers. Sie wuchs in den Niederlanden auf. Sie studierte Komparatistik an der Universität Utrecht und an der Binghamton University, SUNY. Van der Wouden gab Kurse für Kreatives Schreiben und Komparatistik an der Universität Utrecht und der Universität Maastricht. Sie schreibt Kurzgeschichten und Essays.





Yael van den Wouden
In ihrem Haus 
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Stefanie Gebunden
Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten 
Zeitgenössische Literatur, Holocaust, Sharia
Gutkind Verlag, 2025

Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman


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