Rezension
von Sabine Ibing
Private Venus
von Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri
Duca Lamberti, ein ehemaliger Arzt, dem die Zulassung entzogen wurde, weil er einer älteren Patientin beim Sterben geholfen hat, braucht Arbeit, als er nach drei Jahren Gefängnis in die Freiheit kommt. Also erklärt er sich bereit, den alkoholkranken Sohn eines reichen Geschäftsmannes zu betreuen und ihm beim Entzug behilflich zu sein. Als Lamberti herausfindet, dass der junge Mann trinkt, weil er glaubt, am Tod der jungen Verkäuferin Alberta schuldig zu sein, die Suizid begonnen haben soll. Der Dottore stellt Nachforschungen an. Ein Suizid sieht anders aus. So recherchiert er, und der Fall wird bei der Polizei neu aufgerollt.
Duca Lamberti ist einer von den Guten. In seinem Prozess wurde er gefragt, wie lange Signora Maldrigati ihn gebeten hatte, ihr die Spritze zu geben. Er antwortete wahrheitsgemäß und wurde verurteilt. Hätte er sich nicht mehr genau erinnert oder sich ungenauer ausgedrückt, hätte es ein Freispruch werden können. Und nun will er dem jungen Mann helfen, sich von seinen Schuldgefühlen zu befreien, denn auch den plagen Suizidgedanken. Sie finden heraus, dass auch die Freundin von Alberta auf merkwürdige Weise ums Leben kam, recherchieren, es geht um junge Frauen, die sich aus Not oder Neugier prostituieren, um Pornografie und Mädchenhandel. Um an die Täter heranzukommen, benötigt Duca Lamberti einen Lockvogel.
Die Soziologin Livia Ussaro bietet sich an, um Albertas Mörder eine Falle zu stellen. Livia möchte im Selbstversuch ihre weibliche Sexualität und weibliche Selbstbestimmung erforschen. Lamberti will das Gesellschaftliche und das Medizinische verstehen: Warum tickt der Klient so oder Livia so, wie er oder sie ist. Giorgio Scerbanenco setzt sich mit der Nachkriegsgesellschaft Italiens auseinander. Livia will das untersuchen – doch letztendlich ist sie für all diese Männer lediglich ein Werkzeug, und es war keine gute Idee von ihr, bei dem Spiel mitzuspielen. Eine Graphic-Novel-Adaption, ein Krimi nach Giorgio Scerbanenco. Eine widersprüchliche Welt, bei der trotz Wirtschaftsboom in Italien viel Armut herrscht. Mailand: Autoindustrie, Mode, Kunst, viel Geld in den Händen von wenigen. Ausgebeutete Arbeiter, besonders Frauen – wie auch noch heute. Ein echter Noir-Krimi, komplex, der im sozialen Dreck wühlt.
Die Zeichnungen, eine Mischung aus großen Gesichtern und Szenen, sind sehr detailreich. Teils überlappende Zeichnungen, die nicht wie übliche Pannels angelegt sind. Ein düsterer Comic, der durch die Schwarz-Weiß-Zeichnungen besonders deprimierend wirkt. Der Noir von Giorgio Scerbanenco wurde als Graphic Novel gut umgesetzt und bekommt zeichnerisch seine Tiefe. Empfehlung von mir!
Giorgio Scerbanenco (1911-1969) wurde als Sohn eines ukrainischen Offiziers und einer Italienerin in Kiew geboren. Als der Vater ums Leben kam, ging seine Mutter nach Rom. Zeitlebens blieb Scerbanenco ein Heimatloser, der sich in vielen Jobs versuchte und schließlich seinen Lebensunterhalt als Klatschreporter und Romanautor verdiente. In seinen let zten Lebensjahren entstanden die Romane um Duca Lamberti, die seinen literarischen Ruhm begründeten.
Paolo Bacilieri wurde am 23. Februar 1965 bei Verona geboren. Er lebt und arbeitet in Mailand. Ihm gelingt das Kunststück, seit über 40 Jahren durch seine eigenen anspruchsvollen Graphic Novels eine wachsende Leserschaft zu begeistern als auch nebenbei für den italienischen Bonelli-Verlag innerhalb des Mainstreams (Napoleone, Dylan Dog) erfolgreich zu arbeiten. Er zählt zu den produktivsten und geachtetsten Comic-Autoren Italiens. In Deutschland werden seine Graphic Novels seit 2018 im avant-verlag veröffentlicht: Zunächst Fun eine gewissenhaft recherchierte Chronik über die Geschichte der Kreuzworträtsel. Dabei ist Fun gleichzeitig ein spielerisch-literarischer Kriminalroman, eine atemberaubend innovative und wundervoll gezeichnete Graphic Novel, die selbst so verschachtelt und einnehmend ist wie ein Kreuzworträtsel. Anschließend erschien seine Biografie über Emilio Salgari, Sweet Salgari. Dieser war zu Lebzeiten einer der meistgelesenen italienischen Autoren und sein tragisches Ende. Seine Abenteuerromane, insbesondere um Sandokan, den Tiger von Malaysia, brachten Generationen von Jugendlichen dazu, von exotischen Orten und Abenteuern zu träumen. Quasi der italienische Karl May.
Giorgio Scerbanenco, Paolo Bacilieri Private Venus
Aus dem Italienischen adaptiert von Myriam Alfano
Übersetzt aus dem Italienischen von Christiane Rhein
Graphic Novel, Comic, Krimi, Kriminalliteratur, Noir, Noir-Krimi, Italienische Literatur, Mailand, Italien
Hardcover, 160 Seiten, 17.1 x 24.4 cm
avant-verlag, 2024
Graphic Novel, Comic, Grafisches
Für die Fans von Comis / Graphic Novels und sonstigem Gezeichneten, wie Satire. Hier auf dieser Seite zusammengefasst. Alle Altersgruppen. Graphic Novel, Comic, Grafisches
Krimis und Thriller
Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
Krinis und Thriller






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