Rezension
von Sabine Ibing
Weit draußen in Alaska
von Dana Stabenows
Der Anfang:
Es war sechs Uhr morgens, der erste Frühlingstag, bis Sonnenaufgang war es noch eine halbe Stunde, aber das Loft der Blockhütte war schon erleuchtet von der silbrig kühlen Verheißung des frühen Morgens, als Kate die Augen öffnete. Sie setzte sich auf und streckte sich, dann warf sie die Bettdecke zurück.
Der erste Frühlingstag in Alaska. Der Schnee beginnt zu schmelzen, die Vögel zwitschern. Kate Shugak erwacht noch vor dem Morgengrauen, geht mit Wolfshündin Mutt vor die Tür zum Holzhacken, bringt ihre Blockhütte auf Vordermann; eine Grizzlybärin erwacht aus dem Winterschlaf und Mutt bandelt mit einem Wolf an. Gleichzeitig steigt, nur wenige Kilometer entfernt, auch Roger McAniff aus dem Bett, putzt sich die Zähne, rasiert sich, reinigt und lädt sein brandneues Winchester-Gewehr. Während Shugak Feuerholz hackt, zieht McAniff im Blutrausch mit einem Amoklauf durch das abgelegene Örtchen Niniltna im Hinterland. Er beginnt an der Poststation, knallt alle nieder, die ihm vor die Flinte kommen. Kate Shugak, die oft für die Polizei gearbeitet hat, wird gewarnt, dass er auf seinem Weg bei ihr vorbeikommen wird. Sie und ihr Hund werden McAniff stellen. Ein actionreicher, grandioser Anfang, eine Mischung aus Nature Writing und Tarantino.
Die erste Kugel traf ihn in den Rücken, als er sich zur Hütte umwandte. Sie zertrümmerte sein Rückenmark und riss beim Austritt ein fünfzehn Zentimeter weites Loch in seine Brust. Die zweite Kugel durchbohrte sein Genick und zerfetzte seine Kehle, sodass sein letzter Angstschrei zu einem blubbernden Röcheln der Fassungslosigkeit wurde.
Doch die Rechtsmedizin stellt fest, dass nicht alle Opfer dieses verhängnisvollen Tages mit derselben Waffe ermordet wurden. Lisa Getty wurde mit einem anderen Gewehr getötet – es gibt also einen weiteren Mörder im Nationalpark. Die Staatsanwaltschaft von Anchorage wendet sich erneut an ihre
ehemalige Mitarbeiterin Kate Shugak, die als Angehörige des indigenen Volkes der Aleuten ihr Vertrauen und das der Menschen vor Ort besitzt. Shugak setzt sich mit Mutt auf ihr Schneemobil und beginnt zu ermitteln. Die halbe Gemeinde steht unter Verdacht, denn Lisa hat so ziemlich mit jedem Mann angebändelt – vielleicht ist der ein oder andere sauer auf sie. Ebensoviele Frauen kommen in Frage, denen sie Ehemänner oder Lebenspartner abspenstig gemacht hat. Und Lisa hat Marihuana angebaut und vertickt. Vielleicht liegt hier der Grund vor.
Die Tür flog plötzlich auf. Herein brach, wie es schien, eine ganze Bärenmeute, die sich allerdings nach einigen Augenblicken lärmenden Durcheinanders als eine Gruppe von mehreren Männern und zwei Frauen entpuppte, alle in Daunenoveralls, Parkas und Bunny Boots. Ihre sonnenverbrannten Gesichter glühten, nicht einer von ihnen schien irgendwann in der näheren Vergangenheit ein Bad genommen zu haben, und als sie näher kamen, stellte Kate fest, dass sie einen entsprechenden Geruch ausströmten. Kletterer. Das konnte man immer erkennen, wenn nicht am Geruch, dann an den erschöpften, triumphierenden Gesichtern. Diese Woge lachender, schreiender, streng riechender Menschen schwappte direkt gegen den Tresen.
Dana Stabenows beschreibt atmosphärisch die wilde Natur des südlichen Alaskas, das harte Leben im Winter in dieser Region. Authentische Charaktere, die nie ohne Gewehr vor die Tür gehen, raubeinige Männer und Frauen, die im Einklang mit der Natur versuchen zu überleben. Bobby, ein Kriegsveteran, der im Rollstuhl sitzt, steht Kate zur Unterstützung beiseite. Es gibt einen zweiten Mord und auch Kate entkommt gerade noch einem Anschlag. Stück für Stück kommt sie dem Mörder auf die Spur. Ein sehr interessantes Setting, das wundervoll beschrieben ist, einschließlich des herben Menschenschlags. Schon dafür lohnt es sich diesen Krimi zu lesen. Ein Knaller am Anfang – und dann wird es ruhiger, doch der Spannungsbogen bleibt erhalten bis zum Ende.
Die Äste von Birken, Erlen, Schwarzpappeln, Fichten und herzblättrigen Weiden schlugen hinter ihnen zusammen und bedrängten sie von allen Seite. Kate bekam von einem Birkenzweig einen Schlag auf die Wange, eine stämmige Schwarzpappel boxte sie in die Seite, eine knorrige Erlenwurzel brachte sie kurz ins Stolpern. Mit rudernden Armen und eingezogenem Kopf kämpfte sie sich durch das Dickicht, bis sie die Lichtung in der Mitte des Wäldchens erreichte und außer Atem stehen blieb.
Dana Stabenows, geboren 1952 in Anchorage, Alaska, wuchs bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf. Die Eiseskälte in ihrem Heimatstaat im Winter und das Springen der Lachse in den Flüssen im Sommer kennt die Autorin ebenso gut wie ihre Protagonistin. Stabenow erwarb einen Bachelor in Journalismus und einen Master in Creative Writing und schreibt seither Kriminalromane und Science Fiction. Für In der Kälte Alaskas, den ersten Band der derzeit dreiundzwanzig Bände umfassenden Kate-Shugak-Reihe, wurde sie mit dem Edgar Award ausgezeichnet. 2007 wurde sie vom Staat Alaska zur Künstlerin des Jahres gekürt. Die Autorin selbst sagt über ihren Werdegang: »Ich bin in Anchorage geboren und auf einem Fischerboot in Südalaska aufgewachsen, und ich wusste, dass es irgendwo da draußen einen wärmeren, trockeneren Job geben musste.«.

Dana Stabenows
Weit draußen in Alaska
Der erste Fall für Kate Shugak, Band 1
Originaltitel: A Fatal Thaw im Verlag Berkley Books
Übersetzt von Mechtild Ciletti
Krimi, Kriminalroman, Kriminalliteratur, Alaska, Amerikanische Literatur
206 Seiten
Kampa Verlag, 2024

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