Direkt zum Hauptbereich

Die Unbehausten von Barbara Kingsolver - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Die Unbehausten 


von Barbara Kingsolver

Gesprochen von Vera Teltz
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 16 Std. und 23 Min.


Der Anfang: 
‹Das Einfachste wäre, es abzureißen›, sagte der Mann. ‹Das Haus ist eine Ruine.›
Während sie diese Nachricht verarbeitete, brauste das Blut in ihren Ohren: Es war das Gebrüll bäuerlicher Vorfahren, die sich mit Steinen in den Händen gegen eine Zwangsräumung wehrten. Aber dieser Mann  war Bauingenieur. Willa hatte ihn kommen lassen und konnte ihn wieder wegschicken. Sie ließ die Panik etwas abklingen. Er stand da, betrachtete ihre Ruine und schien über seine Diagnose eine gewisse  Befriedigung zu .  Sie suchte nach Worten. ‹Es ist doch kein Lebewesen. Man kann es nicht einfach für tot erklären. Wenn irgendein tragendes Teil nicht mehr trägt, kann man es ersetzen. Habe ich recht?›
‹Das stimmt. Was ich sagen will, ist: Bei den tragenden Teilen, die ersetzt werden müssten, handelt es sich um alle. Tut mir leid. Sie haben kein Fundament.›

Alles scheint herum um Willa Knox zusammenzubrechen: Als freie Journalistin steht sie ohne Aufträge da. Ihren Job hatte sie verloren, weil kaum noch Zeitungen gekauft werden. Ihr Mann Iano verliert seine Professur, Sohn Zeke, als Absolvent der Harvard Business School der große Hoffnungsträger der Familie, ist gerade Vater geworden; seine Frau jedoch kurz nach der Geburt Suizid verübt hat. Und ihr schwerkranker Schwiegervater schwärmt vom «Megafon», der gerne Präsident werden möchte, dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Doch dann erbt Willa von ihrer Tante ein Haus in Vineland, New Jersey, einer Kleinstadt und ihr Mann bekommt in der nahen UNI eine Anstellung. Da sie von einem Gehalt leben müssen, könnte das Haus ihre Rettung sein.


Endlich ein Zuhause  - und dann das!

Risse, gezackt wie Blitze, zogen sich durch die Backsteinmauern. Wie hatte sie das alles übersehen können? Willa war doch sonst immer diejenige, die bei jedem anstehenden Arzttermin, jedem nächtlichen Klingeln des Telefons den Schutzschild hochfuhr und gleich mit dem Schlimmsten rechnete, damit das Leben sie nicht kalt erwischte.

Vineland wurde in den 1870ern von Charles K. Landis gegründet, der eine alkoholfreie utopische Kolonie errichten wollte. Das Haus, in die Jahre gekommen, bräuchte diverse Reparaturen, also lässt man einen Fachmann kommen, der die Schäden einschätzt. Das Urteil ist vernichtend: Am günstigsten wäre ein Abriss und ein Neubau. Die Reparaturkosten übersteigen nämlich die eines Neubaus und jede Reparatur wäre Flickschusterei, die weitere Arbeiten nach sich zieht. Aber wenn man kein Geld hat … Tochter Tig, mit Hochschulabschluss, hat ein paar Jahre auf Kuba gelebt, um dem Kapitalismus zu trotzen; arbeitet nun, zurückgekehrt, unterbezahlt als Köchin. Willa übernimmt die Pflege vom nervenden rechtsgesinnten Opa und man nimmt den Enkel zu sich. Eine Mittelstandsfamilie mit guter Bildung geht am Armenstock. Der Sohn arbeitet halbtags im Finanzwesen in NY und wohnt zur Untermiete bei einem Freund, spart sich Geld an, weil er, wenn er Vollzeit arbeitet, sofort eine hohe Rate vom Studienkredit abzahlen müsste, ihm nichts mehr zum Leben übrigbliebe. Willas Mann, ein UNI-Professor, verdient so wenig, dass die Miete einer Wohnung die Familie in Armut stürzen würde. Glücklicherweise gibt es von der UNI eine Familienkrankenversicherung, in der auch Opa drin ist. Theoretisch. Denn das ist alles kompliziert, braucht lange Wege der Genehmigungsverfahren. Die Diabetes-Medikamente für Opa können sie sich nicht leisten – doch er braucht es sofort. Wie gut, dass es Obama-Care gibt. Opa würde lieber sterben, als das in Anspruch zu nehmen – aber man muss ihm ja nicht sagen, dass Willa die ganze Familie dort unterbringt, für alle die Anträge schreibt.


Die amerikanische Mittelschicht geht auf dem Zahnfleisch

Eine Parallelhandlung: Am selben Ort, 150 Jahre zuvor, freundet sich ein Lehrer namens Thatcher mit seiner eigenbrötlerischen Nachbarin an. Die Naturforscherin Mary Treat steht in lebhaftem Austausch mit Charles Darwin, doch in der verschworenen Ortsgemeinschaft wird die Theorie von der Evolution als Sünde angeprangert. Eine Andeutung auf die heutige Zeit, in der viele Christen auch wieder die Entstehung der Welt biblisch beschreiben, die Evolution ablehnen, Bücher verboten werden. Die Erkenntnis, dass Populismus in den USA durchgängig durch die Jahrhunderte ein großes Standbein hatte. Warmherzig, humorvoll und zutiefst menschlich erzählt Barbara Kingsolver von den Verwerfungen der Gegenwart, in denen gespenstisch vertraut die Vergangenheit durchklingt. Auf humorvolle Weise wird hier mit viel Empathie die amerikanische Mittelschicht beschrieben: Altersarmut für früher gutbezahlte Arbeiter, die keine oder kaum Rente erhalten, nicht krankenversichert sind, sich weder Arzt noch Medikamente leisten können. Krankenversicherungen, die kaum etwas zahlen, lange Hürden einbauen, damit man überhaupt an etwas herankommt. Junge Leute, die nach dem Studium hochverschuldet ins Berufsleben starten. 

Es beantwortet vielleicht auch, warum so viele das «Megafon» gewählt haben

Willa probiert, Fördergelder für das Haus zu erhalten, weil möglicherweise früher hier berühmte Menschen gewohnt haben. Es passiert eine Menge in diesem Buch, und nicht alles ist schön. Doch die Familie trägt es mit Geduld und erhobenen Hauptes. Und es gibt für jeden einzelnen Licht am Ende des Tunnels, jeder auf seine Weise. Ein Roman, der das Leben vor dem komischen Typen, den sie «Megafon» nennen, handelt – eben Trump. Das Buch war sieben Jahre vor Erscheinen geschrieben worden. Es beantwortet vielleicht auch, warum so viele das «Megafon» gewählt haben. Willa ist eine patente Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, der immer wieder etwas einfällt, um irgendetwas zu kitten. Doch was zerbrochen ist, ist nicht immer reparabel. Dann muss man neu durchstarten! Ein klasse Roman, der gut unterhält, aber gleichzeitig zum Nachdenken anregt. 


Barbara Kingsolver, 1955 geboren, hat Romane, Gedichte, Essays und ein Memoir verfasst, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet wurden, u. a. mit dem Pen/Faulkner Award, dem Orange Prize for Fiction, dem Women’s Prize for Fiction und dem Pulitzer-Preis. Sie wurde mit der National Medal of Humanities geehrt und ist Mitglied der American Academy of Arts and Letters. Aufgewachsen in Kentucky, lebt sie heute mit ihrer Familie auf einer Farm in Virginia.




Barbara Kingsolver
Die Unbehausten
Gesprochen von Vera Teltz
Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer 16 Std. und 23 Min.
Originaltitel: Unsheltered
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Zeitgenössische Literatur, Amerikanische Literatur
Argon Verlag, 2025, dtv, 2025 619 Seiten



Demon Copperhead von Barbara Kingsolver 

Ein Trailer in den Wäldern Virginias. Das Land der Tabakfarmer und Schwarzbrenner, der «Hillbilly-Cadillac»-Stoßstangenaufkleber an rostigen Pickups, aufgegeben von sämtlichen Superhelden und dem Rest der Nation. Hier kommt Demon Copperhead zur Welt. Seine Teenie-Mutter ist frisch auf Entzug, der Vater tot. Ein starker Charakter mit großer Klappe und einem zähen Überlebenswillen schlägt sich durch: Er lebt in Armut mit einer Junkie-Mutter, ein gewalttätiger Stiefvater kommt dazu, es folgen Pflegefamilien mit Gewalt, Missbrauch, Kinderarbeit. Aufwärts geht es mit Comiczeichnen, Football; weiter geht es mit Drogensucht durch Oxi und Meth, erste Liebe und unermesslicher Verlust. Ein Bildungsroman, der berührt, kraftvoll erzählt. Empfehlung.

Weiter zur Rezension:  Demon Copperhead von Barbara Kingsolver 




Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

  Offene Antworten auf deine Fragen zu Liebe, Lust und Pubertät Ein Aufklärungsbuch, das locker Fragen beantwortet und kurze Erfahrungsberichte von jungen Menschen einstreut, das alles mit knalligen Illustrationen unterlegt. Du bist, wie du bist, und du bist, wie du bist okay. Das Jugendbuch erklärt, stellt Fragen. Die Lust im Kopf, genießen mit allen Sinnen; was verändert sich am Körper in der Pubertät?, die Vagina, die Monatsblutung, der Penis, Solosex, LGBTQIA, verliebt sein, wo beginnt Sex?, Einvernehmlichkeit, wie geht Sex?, Verhütung, Krankheiten, Sextoys – das Buch spart nichts aus. Informieren, anstatt tabuisieren! Locker und sensibel werden alle Themenfelder sachlich vorgestellt. Prima Antwort auf offene Fragen; ab 11 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Sex in echt von Nadine Beck, Rosa Schilling und Sandra Bayer

Rezension - Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez

  Leigh Calvez erforscht als Wissenschaftlerin seit vielen Jahren das Leben der Wale. Hier erzählt sie sehr persönlich von ihren Begegnungen mit den Giganten der Tiefsee, darunter familiäre Orcas, weit wandernde Buckelwale oder uralte, tief tauchende Blauwale, die größten Tiere des Planeten.  Nebenbei erfährt man in diesem Buch viel über das Leben und Verhalten von sechs Walarten: Orcas, Buckelwale, Pottwale, Blauwale, Grauwale und Blainville-Schnabelwal, bzw. den Kleinen Schwertwal. Weiter zur Rezension:    Die Reise der Wale: Mein Leben mit den geheimnisvollen Meeresgiganten von Leigh Calvez 

Rezension - Verwandlung von Lara Swiontek

  Nach der Novelle von Mary Shelley Was fällt einem zu Mary Shelley ein? Wahrscheinlich «Frankenstein» oder vielleicht noch «Der moderne Prometheus». Die Verwandlung – Kafka, na klar. Aber auch Mary Shelley hat sich mit diesem Thema befasst: Verwandlung. Lara Swionteks hat diese Geschichte als Graphic Novel umgesetzt, eine Literaturadaption. Sie ist schnell erzählt: Reicher, gewissenloser Sohn verschleudert sein Erbe, stößt alle Menschen an den Kopf, die noch zu ihm halten und landet bildlich in der Gosse – hier ist es das Meer. Ein Schiff zerschellt vor seinen Augen – nur ein Zwerg mit einem Schatz überlebt und macht ihm ein Angebot ... Weiter zur Rezension:    Verwandlung von Lara Swiontek

Rezension - Der Fluch des Hasen von Bora Chung

  Bora Chungs «Der Fluch des Hasen» entzieht sich jeder literarischen Schublade und verwischt die Grenzen zwischen den Genres, ob magischer Realismus, literarischer Horror, Phantastik oder Speculative Fiction. Diese Kurzgeschichten sind klasse! Skurrile, unheimliche, intelligente Geschichten, die uns mit Gänsehaut überziehen. Die Titelgeschichte fand ich genial! Ein einfacher geliebter Haushaltsgegenstand ist mit einem Fluch belegt und bringt nun Unglück in eine Familie. Oder eine heftige Mensch-Android-Liebesgeschichte.  Oder «Narben», ein düsteres, gemeines Märchen. Klasse! Weiter zur Rezension:    Der Fluch des Hasen von Bora Chung 

Rezension - Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

  Die Politiker reden im Fernsehen über die faulen Armen, während Sonjas Ehemann als Leiharbeiter am Bau seinen Rücken verschleißt. Sie verkauft im Bio-Laden teure Tees. Und trotzdem reicht es mit zwei Kindern am Ende des Monats vorn und hinten nicht. Als sie dann ihre Arbeit verliert, weil sie unbezahlten Urlaub nimmt, um im Krankenhaus bei ihrem Sohn zu sein, bricht alles zusammen. Bald hat sie eine neue Arbeit: Mit dem Profil einer schönen, jungen Studentin soll sie nichtsahnende Männern auf einer Datingplattform lange in der Leitung halten. Weiter zur Rezension:    Ein verlassenes Haus von Lisa Wölfl

Rezension - Der beste Zufall der Welt von Rafik Schami und Annette Swoboda

  Emilia lernt im Supermarkt Samia aus Syrien kennen, die an einer Erdnussschokolade schnuppert. Ihre Lieblingsschokolade, die ihre Mutter ihr jedoch nicht kaufen kann, weil sie nicht genug Geld hat. Emilia ist betroffen, besucht Samia, bringt eine Schokolade mit. Die beiden haben viel gemeinsam: Sie lieben Malen und Tanzen, sind neugierig auf das Leben der anderen, und sie sind sofort zur Stelle, wenn jemand Hilfe braucht. So werden sie Freundinnen, eine Dritte kommt dazu. Ein Kinderbuch ab 5 Jahren über Freundschaft und Solidarität. Empfehlung!  Weiter zur Rezension:    Der beste Zufall der Welt von Rafik Schami und Annette Swoboda

Rezension - Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling

  Gesprochen von Marc-Uwe Kling Ungekürztes Hörbuch, Spieldauer, 6 Std. und 27 Min. Die Känguru-Werke, Band 5  Neues vom Känguru! Der Kinderbuchautor (Kleinkünstler Richtung Comedy im Zweitberuf ;-) ), Marc-Uwe Kling und das Känguru rebellieren: bissig, politisch und brandaktuell. Scharfzüngiger Humor, pointierte Gesellschaftskritik und jede Menge Lacher mit dem Aufruf zur Rebellion. Scharf auf die aktuelle Politik geschaut und analysiert – Comedy mit Niveau und mit Haltung. Empfehlung! Weiter zum Verlag:    Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling 

Rezension - Wunderwelt der Insekten von Ross Piper und Carim Nahaboo

70 besondere Arten, brillant illustriert Nach einer kurzen Einführung zu Insekten im Allgemeinen und der Liebe des Autors zu den Tieren, geht es gleich los. Das Buch ist in vier Kapitel geteilt: Farbenfroh – Großartig – Mustergültig – Formvollendet. Dieses Buch stellt 70 der schillerndsten, außergewöhnlichsten und manchmal auch beunruhigendsten Insekten der Welt vor. In diesem reich bebilderten Sachbuch werden die bemerkenswerten Anpassungen der Insekten vorgestellt, ihre verborgenen Welten und wie sie auf überraschende Weise das menschliche Leben beeinflussen. Klasse Illustrationen und ein sehr interessantes Sachbuch. Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Wunderwelt der Insekten von Ross Piper und Carim Nahaboo  

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adria von Ines Cali

  Iva Markulin, Staatsanwältin in Zagreb , lässt sich in diesem Politkrimi nach Pula versetzen, als ihr Mann bei einem Attentat ums Leben kommt. Wem galt die Autobombe, die an ihrem Auto befestigt wurde? Ihm oder ihr? Mit ihrem kleinen Sohn Matteo zieht sie zu ihrem Großvater, der auf dem Familiengut Terra Rossa in Istrien Olivenöl produziert. Hier ruft sie eine Sonderkommission ins Leben, als deren Leiterin sie die Mörder ihres Mannes ausfindig machen will. Sie hat den Ruf der «Mafiajägerin», lernt schnell das Who is Who an Istriens Küsten kennen, denen es nicht passt, dass ihnen jemand auf die Finger schaut.  Spannender Wirtschaftskrimi , Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Commissaria Iva Markulin und die Schatten über der Adriavon Ines Cali