Direkt zum Hauptbereich

Maschinen wie ich von Ian McEwan - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing




Maschinen wie ich 


von Ian McEwan

Sprecher: Wanja MuesUngekürztes Hörbuch, Spieldauer: 11 Std. und 16 Min.


Der Anfang: Es war der Hoffnungsschimmer einer religiösen Sehnsucht, es war der Heilige Gral der Wissenschaft. Unsere höchsten und niedersten Erwartungen wurden geweckt von diesem wahr gewordenen Schöpfungsmythos, diesem ungeheuerlichen Akt der Selbstverliebtheit. Kaum war es machbar, blieb nichts weiter übrig, als unserem Verlangen nachzugeben und auf die Folgen zu pfeifen. Pathetisch gesagt strebten wir danach, unserer Sterblichkeit zu entrinnen, Gott mit seinem perfekten Ebenbild zu konfrontieren oder gar zu ersetzen. Praktischer gedacht wollten wir eine verbesserte, modernere Version unserer selbst schaffen und die Freuden des Erfindens genießen, das Hochgefühl wahrer Meisterschaft.

Charlie, ein Anthropologe, ist ein Lebenskünstler, der sich seinen Lebensunterhalt mehr recht als schlecht mit Aktiengeschäften im Homeoffice verdient. Als er eine größere Erbschaft macht, könnte er sich ein Haus kaufen, entscheidet sich aber für einen Androiden. Er ist neugierig. Die in Folie eingewickelte Maschine heißt Adam – ein äußerst attraktiver «Mann» kommt zum Vorschein, der allerdings programmiert werden möchte, denn die KI, künstliche Intelligenz, soll ganz auf die Bedürfnisse des Besitzers installiert sein. Charlie ist besonnen, will sich die vielen Fragen durch den Kopf gehen lassen, holt sich die clevere Studentin Miranda zur Hilfe, die im gleichen Haus wohnt wie er. Er möchte Miranda ein auch wenig näher kommen, sieht hier seine Chance. Die junge Frau ist begeistert. Adam, nun voll einsatzfähig, erweist sich als gute Hilfe im Haushalt. Und er lernt jeden Tag etwas dazu. Die drei Protagonisten kommen sich täglich näher. Charlie und Miranda werden ein Paar – doch auch Adam verliebt sich in Miranda. Und das Pärchen ist von Adam fasziniert, der sich immer weiter vermenschlicht – sie haben bald Schwierigkeiten, ihn als Haushaltsroboter zu sehen. Aber auch als Anlageberater hat Adam Charlie bald den Rang abgelaufen. Adam entwickelt sich zu einer Persönlichkeit, hat schnell den Abschaltmechanismus eigenständig deaktiviert. Als Miranda Charlie bei ihrem Vater vorstellt, vorsichtshalber erwähnt, sie bringe außer dem Freund auch einen Androiden mit, stellt der Vater später fest, dass dieser Charlie doch ein netter Androide sei, fast wirklichkeitsnah.

Miranda, die Sozialgeschichte studierte und promovieren wollte, sagte, sie wünschte, die junge Mary  Shelley könnte bei uns sein und mitverfolgen, wie nicht etwa ein Ungeheuer à la Frankenstein, sondern  dieser attraktive junge Mann mit dem Bronzeteint zum Leben erwachte.

Sind uns Maschinen moralisch überlegen? 

Eine Dreiecksgeschichte, die zwischen menschlicher Moral und mathematischer Logik hin und herspringt. Adam ist mit Gesetzen und Ethik gefüttert, die er konsequent anwendet. Er kennt keine Grauzonen. Was liegt höher, Gesetz und Ordnung oder Liebe? Welche Konsequenzen hat es, wenn immer nur logisch gehandelt wird – rücksichtslos, ohne Vorausschau. Was überhaupt ist Moral? Wo fängt sie an, wo hört sie auf? Ian McEwan ist ein kluger Autor mit viel Humor, was er uns in all seinen Büchern bewiesen hat. Wie auch dieses Mal wieder. Ist ein solcher Android eine Persönlichkeit, die wir als Lebewesen zu respektieren haben? Sind uns Maschinen moralisch überlegen? Und wo geht uns Menschen diese Moral auf die Nerven, weil sie unserem eigenen Ego entgegensteht? Miranda hat ein kleines Geheimnis … Als Charly und Adam davon erfahren, setzt dies eine Kette von Ereignissen in Bewegung, die lediglich dem Strudel der Logik und dem von Recht und Moral folgen, was für das Paar bedrohlich wird.

Adam sah und verstand die Welt durch das Prisma seiner Persönlichkeit; und seine Persönlichkeit stand im Dienste seines objektivierenden Verstandes mit seinen Myriaden Updates.
 

Was macht einen Menschen aus?

Kann eine Maschine denken, leiden, lieben – Gefühle entwickeln? Die Geschichte ist spannend und amüsant, spielt in den 80-Ern in England und gibt so manchen Spott über diese Zeit frei, die der Autor auch frei verändert. Alan Turing ist noch am Leben und ist interessiert an den Prototypen der 85 Adams und Eve’s. Einige von den Androiden begehen Selbstmord, zerstören sich selbst. Sie fühlen sich nicht als Persönlichkeit wahrgenommen. Unser Adam dafür entwickelt ein sehr ureigenes Profil. Der Autor hält den Lesern den Spiegel vor: Eure Moral steht auf Papier in Gesetze gefasst. Aber bitte, wo wendet ihr sie an auf der Welt? Ihr schwört auf die Bibel, Menschenrechte und Grundgesetze – doch wenn es euch selbst betrifft, schaut ihr gerne weg. Aber machen tugendhafte, nie lügende Menschen die Erde zu einer besseren Welt? Kann man menschliches Handeln verbessern, indem man «Falsches» dem Androiden verbietet? Güte, Verzeihen, mit Maß zu urteilen, Mitleid, Konsequenzen des Handelns zu analysieren, weitreichende Abläufe einzuschätzen - auch das sind Komponenten, die den Menschen ausmachen – wie bringe sich das der Maschine bei? Für mich ist dieser Roman außergewöhnlich gut gelungen, befasst sich in einer spannenden Story intensiv mit dem Thema Mensch und Maschine. Ian McEwan gibt eine Menge kluger Gedanken in die Runde. Was wollen wir für unsere Zukunft? Die Frage, ob der Adroid eine Maschine ist oder ein Wesen, wird zum Ende geklärt, zumindest für Ian McEwan. Meine Empfehlung  – für alle Romane von Ian McEwan.

Von einem gewissen Standpunkt aus gesehen besteht die einzige Möglichkeit, dem Leiden ein Ende zu setzen, in der kompletten Auslöschung der Menschheit. (Adam)

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot, lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg «Abbitte» ist jeder seiner Romane ein Bestseller, zahlreiche sind verfilmt worden. Ian McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences. Er erhielt den Jerusalem-Preis für sein Gesamtwerk 2011, in der Kategorie «Unterhaltung» ging der Preis «Wissensbuch des Jahres‹« des Magazins «Bild der Wissenschaft»  an «Solar», 2011, sowie für gleichen Roman der «Wodehouse-Preis», 2010.


Ian McEwan 
Maschinen wie ich
Originaltitel: Machines like me (and people like you)
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Sprecher: Wanja Mues
Ungekürztes Hörbuch, Audible, 2019
Spieldauer: 11 Std. und 16 Min.
Gebundenes Buch: Diogenes Verlag, 2019, 416 Seiten

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada

Am 08.11.2019 war ich zu einer Mischung aus Lesung und Definition des Begriffs Kriminalliteratur in St. Gallen in der Wyborada zu Gast, im Literaturhaus & Bibliothek in St. Gallen in der Frauenbibliothek und Fonothek Wyborada. Else Laudan sprach zum Thema Kriminalliteratur, erzählte ihren Weg mit ihrem freien Verlag Ariadne, ein Verlag, der ausschließlich literarische Kriminalliteratur von Frauen veröffentlicht. Weiter zum Artikel:    Was ist eigentlich Kriminalliteratur? - Ein Abend mit Else Laudan in der Wyborada 

Rezension - Chronisch gesund statt chronisch krank von Dr. med. Bernhard Dickreiter

Von der Schulmedizin bis heute ignoriert: Die wahren Ursachen der chronischen Zivilisationskrankheiten – und was man dagegen tun kann Noch nie hat es so viele chronisch Kranke gegeben wie heute: Arthrose, Diabetes, Alzheimer, Rückenleiden, Krebs, Burnout usw. Der Internist, Reha-Experte und Ganzheitsmediziner Dr. med. Bernhard Dickreiter ist überzeugt, dass diese Patienten selbst aktiv etwas dagegen unternehmen können. Sein Standpunkt: Wir müssen alles dafür tun, damit es den Zellen in unserem Organismus gut geht. Jede Zelle ist von einer organtypischen Umgebung eingeschlossen, in die sogenannte extrazelluläre Matrix (EZM). Dort zieht die Zelle ihre Nährstoffe, den Sauerstoff, und hier entsorgt sie ihre Abfallstoffe. Ist die Zellumgebung nicht gesund, werden wir krank. Die Schulmedizin bekämpft meist nur Symptome: Schmerzen – Schmerztablette. Die Ursachen werden oft nicht hinterfragt, bzw. operabel versucht zu beheben: neues Knie, neue Hüfte usw. Dickreiter geht ganzheitlich vor. ...

Rezension - #Erstkontakt von Bruno Duhamel

  Doug, ein ehemaliger Fotograf lebt von der Öffentlichkeit zurückgezogen in den schottischen Highlands. Niemand liked seine Fotos, er ist frustriert, darum hat er seit 17 Monaten nichts veröffentlicht. Doch dann fotografiert er durch Zufall am See vor seiner Haustür ein seltsames Wesen – und teilt den Schnappschuss im sozialen Netzwerk «Twister». Danach geht er duschen, kommt zurück, kann es nicht fassen: «150.237 Personen haben auf ihren Post reagiert; 348.069 mal geteilt». Sofort bereut er seinen Post. Er ahnt, was nun geschehen wird, er hat Büchse die Pandora geöffnet … Ein herrlicher Comic, Graphic Novel, fast ein Cartoon, nimmt mit schwarzem Humor Social Media und Aktivist:innen diverser Gruppen auf die Schippe. Weiter zur Rezension:    #Erstkontakt von Bruno Duhamel

Rezension - Die Entführung von John Grisham

  Mitch McDeere wiederbelebt, den wir aus «Die Firma» kennen – ein Folgeroman. Eher nicht, denn ihn und seine Familie erkennen wir nicht wieder, sie wären austauschbar durch irgendwen. Mitch ist nun Partner in der größten Anwaltskanzlei, Scully & Pershing, in Manhattan, die weltweit ihre Ableger führt. Fünfzehn Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit dem FBI die verbrecherische Kanzlei, «die Firma», in der er arbeitete, hat hochgehen lassen. Doch nun holt ihn wieder ein Verbrechen ein: Als ihn sein sterbenskranker Mentor Luca in Rom bittet, einen Fall gegen Arafats Libyen zu übernehmen, gerät er in Tripolis in eine Falle. Der schlechteste Grisham ever. Leider. Langweiliger Spannungsbogen, in diesen Justizthriller oberflächliche Charaktere. Weiter zur Rezension:    Die Entführung von John Grisham

Rezension - Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Kinder lieben Pupsbücher! Wie ist das eigentlich mit den Tieren? Wie pupsen die? Auf einer urkomischen Reise durch das Reich der Flatulenz beobachten Elefant und Maus die unterschiedlichsten Fürze. Und so lernt die Maus, dass Pupsen die normalste Sache der Welt ist! Witzig gestaltet, den Text in Reimform gebracht, macht dieses Bilderbuch Spaß! Lustiges Bilderbuch ab 3 Jahren, Empfehlung! Weiter zur Rezension:   Nur noch kurz ein kleiner Furz! von Jonny Leighton und Mike Byrne

Rezension - Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Theos bester Freund ist der Drache Kokolo, aber das darf keiner wissen. Denn Drachen gibt es ja gar nicht. Mitten in der Nacht klopft Kokolo an Theos Fensterscheibe: Sie müssen schnell etwas unternehmen denn der fiese Adler Malo hat eins der Babys von Tante Xenna Drachen entführt!  Werden sie noch rechtzeitig kommen? Lesenlernen mit einem Comic, kurze Texte, für Leseanfänger konzipiert. Eine spannende Graphic Novel ab 6 Jahren. Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Entführung im Drachenwald von Barbara van den Speulhof und Kurzi Shortriver

Rezension - Synthese von Karoline Georges

  Als ein 16-jähriges Model auf dem Weg nach Kanada ist, passiert zeitgleich in Tschernobyl ein Unglück in einem Atomkraftwerk. Das interessiert sie genauso wenig wie Mode. Eigentlich interessieren sie nur Fiktionen in ihren Büchern und Virtuelles. Sie liebt Bilder, Bilder im Kopf, würde selbst gern ein Bild sein. So wird sie Model, auch weil man so viel Geld verdienen kann, ohne studieren zu müssen. Sie macht in Paris Karriere und wird sehr jung finanziell unabhängig, bezeichnet sich selbst als «ein humanoider Kleiderbügel». Weiter zur Rezension:    Synthese von Karoline Georges

Rezension - Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

  Eine türkische Familiengeschichte, die mit der Urgroßmutter und der Großmutter einleitend beginnt. Die nächste Generation wandert nach Deutschland aus – das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Der Traum, den viele «Gastarbeiter» träumten: Arbeiten, viel Geld verdienen, nach Hause zurückkehren und ein Haus bauen. Und dann wurden aus den Gästen Einwohner. In Deutschland die Türken – in der Türkei die Deutschen – entwurzelt, nirgendwo wirklich zu Hause. Eine Familie, die sich bemüht hat, sich zu integrieren. Ein Zwiegespräch zwischen Sohn und Mutter – zwei völlig verschiedene Generationen, aber auch eine Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft und eine mit dem Heimatland und dem Machismo, mit der Erniedrigung der Frauen. Ein hervorragender Gesellschaftsroman, ein Bildungsroman über Migration, Rassismus und Misogynie – meine Empfehlung! Weiter zur Rezension:     Unser Deutschlandmärchen von Dincer Gücyeter

Rezension - Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

  Herr Wilson von nebenan hat ein Geheimnis! Er arbeitet in einer Bäckerei und backt die leckersten Kuchen. Da ist sich Liz sicher. Er hat grüne Haut, nur drei Finger, einen verdächtig langen Hals, klumpige Füße und eine seltsame Vorliebe für grüne Blätter. Ist er vielleicht ein Dinosaurier?! Niemand glaubt Liz. Darum fährt sie zum Museum für Paläontologie, denn die müssen es wissen! Mary sagt zwar, die seien ausgestorben, welch ein Quatsch! Doch was hat sie vor? Feines Bilderbuch zum Thema Toleranz ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:     Der Dinosaurier von nebenan von David Litchfield

Rezension - Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne

  Haya Molcho begibt sich mit ihren Söhnen auf eine italienische Reise von Triest bis nach Sizilien, wobei sie lokale Produzent:innen und Köch:innen besuchen, die über die unterschiedlichsten Facetten der italienischen Kochkunst erzählen und uns ihre liebsten Rezepte verraten. Im zweiten Teil der kulinarischen Reise gibt es italenische Rezepte der Familie, typisch Neni. Levantinische Küche trifft auf italienische Originalrezepte; dabei auch traditionelle italienische Gerichte im Original. Reiseliteratur, Kulinarisches mit vielen Rezepten, Italienische Küche, Levante-Küche – Empfehlung. Weiter zur Rezension:   Italien: Food. People. Stories von Haya Molcho & Söhne