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Richtig anders - anders richtig von Kathrin Köller und Irmela Schautz - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing





Richtig anders - anders richtig 


von Kathrin Köller und Irmela Schautz

Selbstbewusst neurodivergent


ADHS wird oft als eine Störung bezeichnet. Das ist eine extrem negative Bewertung. Tatsächlich funktionieren manche Bereiche im Gehirn anders. Das bringt Schwierigkeiten mit sich, aber auch Sachen, die besser funktionieren. Das Wort «Neurodivergenz» bewertet nicht. Und das ist gut so.

ADHS, Autismus, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie, Mental Health: Der Druck, zu funktionieren, ist groß. Von klein auf. Wer irgendwie anders tickt, hat schnell das Gefühl, nicht ganz richtig zu sein. Und bekommt das auch vermittelt. Dieses Buch soll betroffene Jugendliche und deren Eltern unterstützen, aufklären, helfen, diese Handycaps anzunehmen – man ist anders, aber richtig! Auf keinen Fall krank! Aufklärung für eine breite Öffentlichkeit. Eine neurale Störung – ist es überhaupt eine Störung? Jeder Mensch ist anders, einzigartig auf dieser Welt. Die Menschen setzen Normen, ob nun der Krümmungsgrad der Salatgurke, die Größe eines Eis oder Apfels. Wer nicht der Norm entspricht, ist nicht ganz so viel wert. Das macht der Mensch auch bei sich selbst: Zu groß, zu klein, zu alt, zu jung – behindert, krank, gestört.
 



Leute mit LRS oder ADHS sollen sich mal ein bisschen mehr anstrengen und autistische Personen bitte nicht so empfindlich sein. Mit einer banalen Lese-Rechtschreib-Störungen und Dyskalkulie braucht es viel Glück, um nicht früh in der Schule auf dem Abstellgleis zu landen. Dabei wissen wir heute, wie neurodivergente Hirne funktionieren: anders, aber richtig! Noch vor 20 Jahren war es gar nicht so einfach, LRS oder Legasthenie anerkennen zu lassen. In Bayern ist es bis heute schwierig, denn hier wird sehr deutlich, wie brisant die Sache ist: nur im Falle einer Lesestörung und Rechtschreibstörung in Kombination wird auch ein Notenschutz gewährt. Lehrer werden nicht grundsätzlich psychologisch ausgebildet, schon gar nicht nicht auf neurodivergente Handycaps – sie werden lediglich auf ihr Fachwissen geschult; damit fängt die Sache bereits an. Ich habe vor 40 Jahren meine Diplomarbeit über Autismus, Richtung Asperger geschrieben, musste mir über Pharmafirmen und Landesbibliotheken Literatur aus England und USA besorgen. Es gab keine deutsche Literatur. Viel habe ich direkt im Autistenzentrum in Hannover erfahren. Im Ausland war man hier wesentlich weiter.
 





Man vermutet, dass Winston Churchill ADHS hatte, so abgefahren und genial wie seine Entscheidungen waren - wobei das Ganze nach dem Tod immer etwas schwer zu diagnostizieren ist. Barbie-Regisseurin Greta Gerwig weiß es inzwischen von sich ganz sicher, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die sich ihr Leben lang fragen, was nur mit ihnen los ist.

Bereits 1775 wurde das erste Mal über ADHS geschrieben und immer wieder, erfahren wir. ADHS ist eine der am besten erforschten Neurodivergenzen. «ADHS-Gehirne sehen anders aus und funktionieren anders als die der meisten anderen Menschen. Nicht nur ein bisschen, sondern zentral im Frontend-Bereich, also dem Frontalhirn, das für alles Mögliche zuständig ist.» Wer ADHS hat, ist nicht unaufmerksam, im Gegenteil, diese Menschen nehmen über alle Sinne ganz viel auf einmal wahr, viel mehr als «wir Normalen». Während sie sich auf einen Vortrag konzentrieren, sehen sie die Fliege im Raum, hören intensiv draußen den Rasenmäher, riechen das wundervolle Parfüm des Nachbarn, sehen einen Fussel auf dessen Jacke, verlieren sich in das Muster eines Pullovers – und das alles auf einmal, denn sie haben eine sogenannte Filterschwäche. Und wenn sie irgendetwas machen, werden sie garantiert von 20 anderen Dingen abgelenkt. 





Dabei sind diese Menschen besonders gut in lösungsorientiertem Denken, exzellent im Krisenmanagement, besitzen viel Kreativität und Empathie, kurzum, sie sind große Sympathieträger. Bei Personen mit ADHS funktioniert der Transport der Botenstoffe nicht optimal, es herrscht ein Botenstoff-Chaos. Es wird zu viel Dopamin produziert, das nicht dort ankommt, wo es hingelangen soll. Zu allem Überfluss baut es sich auch noch schneller ab. Dieses Handycap wird weitervererbt. Und weil ADHS-Typen so viel mit ihren Sinnen aufnehmen, sind sie sehr emotional, empathisch, aber auch schnell überwältigt, weil sie überschwemmt werden von Gefühl, spielen gern mal eine Dramaqueen, oder sind superverletzt, wobei sie heftig reagieren können, schwer mit Kritik umgehen können. Das alles ist ziemlich gut und genau in diesem Buch beschrieben.





Dass auch Lese-Rechtschreibstörungen (LRS) und Dyskalkulie zum neurodivergenten Regenbogen dazu gehören, ist hingegen sehr viel unbekannter. Und der Blick auf Menschen mit diesen sogenannten Teilleistungsstörungen i hauptsächlich defizitär. Oft genug werden LRS und Dyskalkulie als individuelles Versagen gesehen. Das muss sich ändern.

Das Wort Legasthenie hat man früher benutzt. Heute weiß man, dass es viele verschiedene Ursachen gibt, verschiedene Ausprägungen, das Ganze differenziert betrachtet werden muss. Rechtschreibschwäche, Leseschwäche oder eben beides zusammen und in verschiedener Ausprägung. Buchstaben hüpfen durcheinander, verschwinden. Dieser Kinder brauchen doppelt so viel Zeit, einen Text zu lesen, zu erfassen – darauf wird aber keine Rücksicht genommen. Doppelte Zeit zu lesen, doppelte Zeit zum Schreiben. Den Stressfaktor nicht einmal berücksichtigt. Manch einer muss sich so sehr auf das Vorlesen konzentrieren, dass dabei die Texterfassung nicht funktioniert, er hinterher nicht weiß, was er vorgelesen hat. Auch hier muss sich die Schule besser einrichten – Fortbildung für Lehrer, Rücksichtnahme, eine andere Art des Unterrichts – viele Länder sind hier weiter als Deutschland. 





Dyskalkulie, die Rechenschwäche, Autismus, Synästhesie, Dyspraxie, Bipolarität und Hochsensibilität werden erwähnt, bzw. länger ausgeführt. Zwischendurch kommen in den Rubriken «Hero», «Voices», «Interview», «Porträt» immer wieder Betroffene zu Wort, die erzählen, welche Schwierigkeiten sie haben, aber auch Erhellendes zeigen, zum Umgang mit ihrem Handycap. Ein klasse Sachbuch, dass sicher vielen Betroffenen und ihren Angehörigen hilft, zu verstehen und Interessierten in lockerer Sprache diese Handycaps erklärt. Aufklärung steht an erster Stelle, damit sich mehr Menschen interessieren und sich hoffentlich endlich unser Schulsystem ändert. Irmela Schautz hat das Buch illustriert, klasse mit ganzseitigen und kleinen Bildern; farbige Seiten, Spalten, der Text aufgelockert in Spalten, machen das Lesen leichter. Der Hanser Verlag gibt eine Altersempfehlung ab 11 Jahren, das passt, aber auch als Erwachsener liest sich das Buch gut – also Allage.


Kathrin Köller hat lange als Schulbuch-Redakteurin für den Cornelsen Verlag gearbeitet, bevor sie sich als Autorin, Übersetzerin und Fachjournalistin im Bereich Kinder- und Jugendmedien selbständig machte. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Irmela Schautz, 1973 in Ravensburg geboren, studierte Malerei und Grafik an der Kunstakademie Münster und Bühnen- und Kostümbild an der Akademie für Bildende Künste in Stuttgart. Während eines sechsmonatigen Arbeitsaufenthaltes in Tokio entwarf und fertigte sie für die Mozartoper «Cosi fan tutte» Kostüme aus Alltagsmaterialien an. Die japanische Ästhetik und der besondere Umgang mit Papier in Japan beeinflussten ihre Arbeit nachhaltig.Seit 2005 arbeitet sie als freie Illustratorin in den Bereichen Kinder- und Jugendbuch, populärwissenschaftliches Sachbuch, Biografien, Weltliteratur und Kreativbuch, für Magazine und Zeitungen sowie für Kunden aus der freien Wirtschaft.Im Jahr 2012 gründete sie mit ihrer Kollegin Annabelle von Sperber das Illustratorenatelier atelier2gestalten.Seit 2012 lehrt Schautz außerdem an der Akademie für Illustration und Design in Berlin. Sie lebt und arbeitet in Berlin.





Kathrin Köller, Irmela Schautz
Richtig anders - anders richtig
Selbstbewusst neurodivergent
Sachbuch, Neurodivergenz, ADHS, Autismus, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie, Mental Health, Dyspraxie, Bipolarität, Hochsensibilität
Broschur, 240 Seiten
Carl Hanser Verlag, 2025
Altersempfehlung ab 11 Jahren – Allage






Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
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