Rezension
von Sabine Ibing
Die vierzig Tage des Musa Dagh
von Franz Werfel
Gesprochen von Christian Brückner
Gekürztes Hörbuch, Spieldauer 13 Std. und 4 Min.
Die Nacht des Musa Dagh saugte schnell die Julidämmerung auf. Der waagrechte Halbmond stieß sich von den Gipfelschroffen des Amanus im Osten ab und fuhr frei in den Raum hinaus.
Als im Sommer 1915 die grausame Verfolgung der Armenier durch die Jungtürken auch die Dorfgemeinden an der syrischen Küste erreicht, wird der Moses-Berg, der Musa Dagh, für eine Gruppe von etwa 5000 Armeniern zur natürlichen Abwehrfestung. Die Männer und Frauen von sechs Dörfern flohen unter der Führung des ehemaligen Offiziers Moses Der Kalousdian, als der Befehl zu ihrer Deportation sie erreichte, und sie waren zum Widerstand fest entschlossenen. In diesem vor 80 Jahren erschienenen Roman schildert Franz Werfel den Völkermord an den Armeniern. Bis heute leugnet die Türkei ihre historische Verantwortung für den Tod von einer Million Armeniern.
Und dann erfolgt der Befehl der Deportation
Dies war aber nicht nur das gewöhnliche Kopfwackeln, das ihn seit seiner Krankheit häufig anfiel. Es bedeutete das fassungslose Nicht-Begreifen einer Welt, in der zum Geist verpflichtete Wesen, anstatt in die Wonnen der Definitionen, Formeln und Verse einzudringen, sich mit fanatischem Gurgelabschneiden befassen.
Zu Beginn des Romans kehrt der Kaufmann Gabriel Bagradian mit seiner Frau Juliette und seinem Sohn nach 23 Jahren aus Frankreich zurück in die Heimat, dem Dorf Yoghonoluk, um das Familienunternehmen zu übernehmen. Die Armenierdörfer am Meer gehörten seit ewigen Zeiten den Armeniern. Es ist eine schöne Zeit, die Dörfer vergleicht er mit der französischen Riviera. Doch plötzlich wird es ungemütlich. Die Türken bescheiden den Armeniern Rechte, die sich ebenfalls als Türken fühlen; Religion hat ja nichts Bürgerrechten zu tun. Aber Stück für Stück werden ihre Rechte weiter eingeschrenkt, ihnen werden die Pässe entzogen. Gabriel Bagradian kann nun nicht mehr mit seiner Familie nach Frankreich zurückkehren. Und dann erfolgt der Befehl der Deportation. Gabriel Bagradian fordert seine Glaubensleute auf, sich nicht dem Schicksal zu fügen, sondern sich zu wehren.
Ein wichtiger historischer Beitrag zur Nichtvergessen-Kultur
Sie fliehen auf den Berg Musa Dagh. Trotz der türkischen Übermacht halten sie sich hartnäckig Dank ziemlich kluger Kriegsführung. Mit wenig Waffen besiegen sie taktisch klug eine Einheit der Türken nach der anderen, bis die französischen Schiffe anlegen und die französische Marine ihnen zur Hilfe kommt. Der Musa Dagh wird zur natürlichen Abwehrfestung. Bis in die Einzelheit werden die klugen Manöver der militärischen Führung beschreiben. Es macht Spaß, dem zu folgen, wie sie türkische Heere schlagen, zu lesen, wie wenig man benötigt, um einen unorganisierten Haufen von unausgebildeten Soldaten zu schlagen, ohne selbst kaum Verluste zu erleiden. Die Armenier waren selbst ohne Erfahrung, aber sie hatten eine kluge militärische Führung, ordentlich Wut im Bauch und nichts zu verlieren. Eine klasse Schilderung dieses Widerstandes – wenn man bedenkt, wie viele Armenier durch die Deportation gestorben sind, die sich nicht gewehrt haben. Ein wichtiger historischer Beitrag zur Nichtvergessen-Kultur zu einem Völkermord, zur Vertreibung der Armenier; und ein grandios geschriebener historischer Roman.
Armenier sein ist eine Unmöglichkeit. Sehr wahr! Die Unmöglichkeiten sind aber für Gabriel Bagradian abgetan. Mit unbeschreiblicher Sicherheit erfüllt ihn das Einzig-Mögliche. Er hat das Schicksal seines Blutes geteilt. Er hat den Kampf seines Heimatvolkes geführt.
Franz Werfel, geboren 1890 in Prag und verstorben 1945 im US-amerikanischen Exil, war eine der prägendsten Stimmen des literarischen Expressionismus. Als enger Freund von Max Brod und Zeitgenosse Franz Kafkas begann er seine Karriere als Lyriker, dessen frühe Gedichte eine ganze Generation von Suchenden ansprachen. Werfel war ein Meister der grossen Gefühle und der ethischen Fragestellungen; sein Werk ist durchzogen von der Sehnsucht nach menschlicher Brüderlichkeit und der Suche nach religiöser Wahrheit. Er heiratete Alma Mahler, die Witwe Gustav Mahlers, und floh vor den Nationalsozialisten über Frankreich in die USA. Weltruhm erlangte er nicht nur durch seine Novellen und Dramen, sondern vor allem durch Monumentalwerke wie Die vierzig Tage des Musa Dagh und Das Lied von Bernadette. Als er mit seiner Frau in Damaskus eine Teppichweberei besuchte, fielen ihnen ausgehungert aussehende Kinder mit großen Augen auf. Man erklärte ihnen, dass es Überlebende des Genozids der Türken an den Armeniern waren. Das Interesse für den Stoff war geweckt – und so fing Werfel an, zu recherchieren. Clark Gable wurde für die Rolle des Gabriel Bagradian in der Hollywood-Verfilmung gecastet. Die türkische Botschaft jedoch übte so starken Druck auf den Produzenten aus, dass das Filmprojekt nie realisiert wurde.
Franz WerfelDie vierzig Tage des Musa Dagh
Gesprochen von Christian Brückner
Gekürztes Hörbuch, Spieldauer 13 Std. und 4 Min.
Historischer Roman, Bildungsroman, Türken, Armenier, Völkermord, Vertreibung der Armenier
Audiobuch Verlag, 2018
Fischer Verlag 2011, TB 1040 Seiten
LIWI Literatur- und Wissenschaftsverlag, 672 Seiten
Historische Romane und Sachbücher
Im Prinzip bin ich an aller historischer Literatur interessiert. Manche Leute behaupten ja, historisch seien Bücher erst ab Mittelalter. Historisch - das Wort besagt es ja: alles ab gestern - aber nur was von historischem Wert ist. Was findet ihr bei mir nicht? Schmonzetten in mittelalterlichen Gewändern. Das mag ganz nett sein, hat für mich jedoch keine historische Relevanz. Hier gibt es Romane und Sachbücher mit echtem historischen Hintergrund.Historische Romane
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