Direkt zum Hauptbereich

Rezension - Im Dunkel des Deltas von James Lee Burke




Rezension von Sabine Ibing





Im Dunkel des Deltas

von James Lee Burke





Der Anfang: »Die Familie Giacano hatte sich bereits zu Zeiten der Prohibition sämtliche schwarzen Geschäfte in den Bezirken Orleans und Jefferson unter den Nagel gerissen. Freibrief und Genehmigung kamen natürlich von der Kommission in Chicago, und kein anderer Familienclan traute sich jemals, in ihr Revier einzudringen. Seither waren Prostitution, Hehlerei, Geldwäsche, Glückspiel, Kreditwucher, Arbeitsvermittlung, Drogenhandel und sogar das Wildern in Südlouisiana ihre ureigene Domäne.«


Ehrenkodex des Mob


Nennen Sie Ihre*n Lieblings - Krimischriftsteller*in. Meine Antwort: James Lee Burke. Und für mich ist dieser Band um Cop Dave Robicheaux der Beste dieser Serie. Wie immer dabei Kumpel Clete Purcel, die Tochter Alafair, seine Frau Bootsie und Batist, der im Köderladen der beiden sitzt. Die Stadt New Orleans in der Schwüle des Südens, Regenschwaden überziehen den in malerisches Licht getauchten Bayou. Plötzlich taucht Sonny Boy Marsallus wieder in der Gegend auf, gibt Robicheaux sein Notizbuch in Verwahrung. Die beiden verbindet eine sentimentale Beziehung, Sonny lebt den »Ehrenkodex des Mob«, ist von Robicheaux auf seine Weise geachtet. Bertha Fontenors wohnt in New Iberia, sie kommt zu Robicheaux, bittet um Hilfe. Ein tiefer Graben des Misstrauens trennt die weiße und die schwarze Bevölkerung, doch die Farbige vertraut dem Detecitv mehr als einem Anwalt. Sie behauptet, das Land und das Haus, in dem sie wohne, gehöre ihrer Familie seit ewigen Zeiten, sie habe nur keine Papiere das zu beweisen. Robicheaux ist Polizist, er ist für Straftaten zuständig, nicht für Rechtsstreitigkeiten. Er schickt sie weg. Aber es lässt ihn nicht unberührt, dass man die Familie vom Land jagen will. Nur wer? Und warum kauft eine Immobilienfirma in dieser gottverlassenen Gegend Grundstücke auf?

»Doch als sie wegging, herrschte hinter ihr einen Moment lang Stille, ein Schweigen, das ihr förmlich in den Ohren dröhnte. Dann ertönte eine tiefe Männerstimme, und sie hatte das Gefühl, als zögen sich ihre Rückenmuskeln zusammen und verkrampften sich unter dem Kleid, so als übten diese derben unmissverständlichen Worte eine Macht aus, die sie sowohl körperlich als auch seelisch schrumpfen ließ.«

Gewalt ist in New Orleans an der Tagesordnung


Gewalt ist in New Orleans an der Tagesordnung, physische Gewalt, verbale Gewalt, manche Typen strahlen bereits mit ihrer Anwesenheit Gewalt aus. Robicheaux hat genug mit sich selbst zu tun, was gehen ihn die Belange anderer an. Aber er wäre nicht Robicheaux, wenn er sich nicht immer wieder überreden ließe, ein wenig nachzuforschen. Kumpel Clete zieht Ärger an, immer ein wenig zu frech, zu aggressiv … Und dann läuft ein Gerücht die Runde: In bestimmten Kreisen hat man auf Robicheaux ein Kopfgeld ausgesetzt, seine Familie ist in Gefahr.

»Der Abendhimmel war hellblau, von rosa gekräuselten Wolken durchzogen, und vom See her ging ein leichter Wind, mild und salzhaltig, nach Kaffee und Rosen duftend, mit einem trockenen versengten Ozongeruch durchsetzt, wenn die Oberleitung der Straßenbahn knisternd Funken warf.«


Mississippidelta, Mangrovenwälder, Sumpf, Fischfang


New Orleans, ein Ort der feucht-warme Schwüle des amerikanischen Südens, wo Menschen unterschiedlichster Länder und Rassen zusammenwohnen, sich zusammentun, sich gegenseitig bekämpfen, der Ort, an dem im letzten Jahrhundert ein erbarmungsloser Drogenhandel stattfand, ein Ort des Verbrechens, der Kartelle, ein guter Ort für korrupte Bullen. Aber die Bayous sind auch ein Ort der Stille, der Landschaft des Mississippidelta, Mangrovenwälder, Sumpf, Fischfang, Austern, Shrimps, Bootstouren. Robicheaux sucht die Stille auf seinem Boot, die Geborgenheit seiner Familie, den Ausgleich zu seiner Arbeit, bei der er mit übelsten Verbrechen konfrontiert wird. Doch diese Idylle bekommt einen Riss. Und Robicheaux ist keiner, der kuscht.

»Es dämmerte bereits an diesem Abend, als Clete Purcels rostzerfressender Caddy, dessen schimmliges und zerfleddertes Verdeck krumm und schief zurückgeklappt war, in die Auffahrt getuckert kam und abstarb wie ein krankes Tier.«




James Lee Burke gehört zu den mächtigsten Epikern der amerikanischen Literatur. Es gibt eine Menge guter Romane, die das Leben im Mississippidelta beschreiben. Aber niemand ist so wortgewaltig wie Burke, wenn er  den Leser auf allen Sinnen anspricht, die Stimmungen der Bayous, nebelverhangene Mangroven und der Atlantikküste beschreibt. Der Ausgleich in der Natur spendet Ruhe, Meditation, Erdung. Liest man Burke, schielt man immer ein wenig hoch zu den deutschen Dichtern, die ihm anscheinend beim Schreiben die Hand auf die Schulter legen. James Lee Burke, ist 1936 in Louisiana geboren, wurde bereits Ende der Sechzigerjahre von der amerikanischen Literaturkritik als neue Stimme aus dem Süden gefeiert, ehe er sich Mitte der Achtzigerjahre dem Kriminalroman zuwandte. Dieser Krimi erschien 1995 unter dem Titel »Burning Angels«.







Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Carola Christiansen - Interview

  von Sabine Ibing Zum 25-jährigen Jubiläum der Mörderische Schwestern habe ich mit der derzeitigen Präsidentin des Vereins , Carola Christiansen, ein Interview gemacht. Die Mörderischen Schwestern sind ein Netzwerk von Frauen, deren gemeinsames Ziel die Förderung der von Frauen geschriebenen, deutschsprachigen Kriminalliteratur ist.  Weiter zum Interview:    Interview mit Carola Christiansen 

Deutscher Kinder- und Jugendbuchpreis 2020 - Nominierungen

Am 16. Oktober 2020 wurde auf der Frankfurter Buchmesse überreicht der DEUTSCHE JUGENDLITERATURPREIS Und hier sind die Gewinner für 2020 Kategorie: Bilderbuch Dreieck Quadrat Kreis von Mac Barnett und Jon Klassen Mac Barnett (Text), Jon Klassen (Illustration), Thomas Bodmer (Übersetzung) Ab 5 Jahren (siehe unten) Kategorie: Kinderbuch   Freibad   Ein ganzer Sommer unter dem Himmel Will Gmehling (Text) Peter Hammer Ab 9 Jahren Kategorie: Sachbuch  A wie Antarktis von David Böhm Ansichten vom anderen Ende der Welt David Böhm (Text), David Böhm (Illustration), Lena Dorn (Übersetzung) Originalsprache: Tschechisch Karl Rauch Ab 8 Jahren (siehe unten) Kategorie: Jugendbuch  Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte Dita Zipfel (Text), Rán Flygenring (Illustration) Hanser Ab 12 Jahren Kategorie: Preis der Jugendjury Wer ist Edward Moon? von Sarah Crossan Sarah Crossan (Text), Cordula Setsman (Übersetzung) Mixtvision Originalsprache: Englisch Ab 14 Jahren (siehe unten) Kategorie: Sonderpreis

Rezension - Hey, hey, hey, Taxi! von Saša Stanišić und Katja Spitzer

  Saša Stanišić hat sein erstes Kinderbuch geschrieben – zusammen mit seinem Sohn! Gemeinsam haben sie sich verrückte Taxi-Abenteuer ausgedacht. Wir sollten öfter mal Taxi fahren, denn hier kann man die wildesten Dinge erleben! Taxifahrer sind Persönlichkeiten, die so einiges zu bieten haben! Autos, die bruffen, brukken und butschen, strickende Drachen, Gurken und Tomaten als Straßenampeln, ein Hexenbesen auf vier Rädern. Ein Bilderbuch voll phantastischer Abenteuer, und witziger Illustrationen, Kurzgeschichten kreativ, voll Fantasie  – absolute Empfehlung ab 4 Jahren! Weiter zur Rezension:    Hey, hey, hey, Taxi! von Saša Stanišić und Katja Spitzer

Rezension - Vermisst von Christiane Dieckerhoff

  Ein Spreewald-Krimi Der erste Satz hat mich gleich wieder aus dem Buch herauskatapultiert – die Frage war, ob ich weiterlesen soll. Der Himmel entlädt Sturzbäche, während Klaudia in der Nacht durch ländliches Gebiet fährt. Plötzlich rumpelt es und der Wagen bricht aus, landet im Gurkenacker. Sie steigt aus, findet eine tote Frau. Der erste Gedanke: Ich habe jemanden überfahren! Doch sie war bereits tot. Nun stellt sich heraus, die gerade erst Verstorbene ist angeblich bereits seit zwei Jahren tot; für den Mord wurde ihr damaliger Freund in einem Indizienprozess verurteilt. Leider ist von der von Auen- und Moorlandschaft des Spreewalds in Brandenburg nichts zu spüren. Das liest sich oberflächig gesehen spannend und logisch, eignet sich als Unterhaltung, wenn einem die Sprache egal ist. Weiter zur Rezension:  Vermisst von Christiane Dieckerhoff

Rezension - Die geheimen Muster der Sprache – Ein Sprachprofiler verrät, was andere wirklich sagen von Patrick Rottler und Leo Martin

Institut für forensische Textanalyse – was muss man sich darunter vorstellen? Erpresserbriefe, anonyme Verleumdungsschreiben, geschäftsschädigende Bewertungen kommen öfter vor, als man denkt. Nehmen wir ein großes Unternehmen, dass einen anonymen Hinweis auf Führungskraft X erhält, er würde Mitarbeiterinnen betatschen oder etwas betrieblich kungeln. Sprachprofiler kommen immer dann zum Einsatz, wenn Personen oder Unternehmen anonym angegriffen, bedroht oder erpresst werden. Der Auftrag ist es, die Täter anhand ihrer Sprachmuster zu überführen. Durch Fallbeispiele wird hier linguistisches Profiling erklärt, dargestellt, was ein sprachlicher Fingerabdruck ist. Weiter zur Rezension:  Die geheimen Muster der Sprache – Ein Sprachprofiler verrät, was andere wirklich sagen von Patrick Rottler und Leo Martin 

Rezension - Die Pflanzen und ihre Rechte von Stefano Mancuso

  Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur Pflanzen entfalten sich seit 2 Milliarden Jahren auf der Erde. Sie haben den Blauen Planeten in eine Grüne Insel umgewandelt. Pflanzen können ohne den Menschen existieren, aber der Mensch nicht ohne sie. Leider vernichtet der Mensch immer mehr Lebensraum der Pflanzen, richtet mit Monokultur Umweltschäden an oder bringt Kurioses (Schädliches) durch Umverpflanzung zustande. Höchste Zeit, den Pflanzen Rechte einzuräumen, denn sie garantieren unser Überleben, sagt Stefano Mancuso. Eine neue geochronologische Epoche ist angebrochen: Anthropozän. Das Sachbuch ist ein Plädoyer für das Leben. Wer Bücher von Manescu bereits gelesen hat, weiß, wie mitreißend er schreibt, wie gut verständlich, übergreifend und humorig. Das ist ihm mit diesem Buch wieder gelungen. Weiter zur Rezension:    Die Pflanzen und ihre Rechte von Stefano Mancuso

Rezension - Im Fallen lernt die Feder fliegen von Usama Al Shahmani

  Die Bibliothekarin Aida hat seit neun Jahren eine feste Beziehung mit Daniel, sie wohnen zusammen. Doch Daniel weiß nichts über sie – klar, sie stammt aus dem Irak. Kein Wort über ihre Vergangenheit kommt über die Lippen. So sehr Daniel auch stichelt und fordert. Aida will darüber nicht reden – eine Sache, die diese Beziehung belastet. Als Daniel auf einer Alm den Rest seines Zivildienstes ableisten muss, setzt sich Aida hin und schreibt ihre Geschichte auf. Heimat, Identität, was ist das? Der Ort, an dem man geboren wird? Oder der, den man adaptiert hat, oder die Herkunft oder auch beides? Kann man nicht zwei, drei, vier oder mehr Heimaten haben? Aida konfrontiert sich mit ihrem Schmerz und ihrer Trauer, dem Verlust – schreiben hat ihr schon einmal geholfen … Ein empathischer Roman über Migration, Exil, Sprache und Sprachlosigkeit. Weiter zur Rezension:    Fallen lernt die Feder fliegen von Usama Al Shahmani

Rezension - 299 Katzen und 1 Hund von Léa Maupetit

  Ein Katzenknäuel-Puzzle weiß, dass es sinnlos ist, Katzen hüten zu wollen, und dieses teuflische Puzzle ist nicht anders: Jedes Teil hat eine andere Form, und sie lassen sich nicht zusammenstecken wie bekannte Puzzleteile. Damit sie alle zusammenbleiben, bauen wir zunächst den Rahmen auf. Stück für setzt sich das Puzzle mit Katzenliebe zusammen, und mit Katzenglück gar nicht so schwer wie gedacht. Ich denke, ab 8 Jahren kann man beginnen. Ein Riesenspaß auch für Erwachsene, Katzenfans, das ist was für euch! Weiter zur Rezension: 299 Katzen und 1 Hund von Léa Maupetit

Rezension - Die Schuld der Väter von James Lee Burke

  Ich persönlich halte James Lee Burke für einen der besten Autoren im Genre literarische Krimis. Seine Dave-Robicheaux-Serie spielt im Süden der USA, in Louisiana, im Gebiet New Iberia und New Orleans. Neben seinen tiefgehenden Figurenzeichnungen hat man beim Lesen das Gefühl, sich in den Bayous zu befinden. Die Geschichte beginnt mit der Ermordung von Amanda Boudreau. Der Verdächtige ist der Musiker Tee Bobby Hulin. Doch Dave Robicheaux zweifelt an dessen Schuld und ermittelt weiter. Ein Gespräch mit der Großmutter von Tee Bobby führt in die Vergangenheit und zu dem dem Plantagenaufseher Legion Guidry, der Inkarnation des Bösen, bei dem es selbst Dave eiskalt den Rücken hinunterläuft. Ein exzellenter atmosphärischer Noir-Krimi, ein feiner literarischer Krimi. Weiter zur Rezension:  Die Schuld der Väter von James Lee Burke

Rezension - Im Bann des Eichelhechts von Axel Hacke

  und andere Geschichten aus Sprachland Ich gestehe, ich gehöre auch zu den Menschen, die im Ausland Schilder und Speisekarten fotografieren, die auf «deutsh» übersetzt wurden und manchen Lacher herausbrachten. Axel Hacke hat über die Jahre Material gesammelt und in kleinen Kapiteln gestaltet. Rechtschreibfehler, Stilblüten, Anekdoten, Übersetzungsfehler, Wortakrobatik; Wer einmal richtig lachen möchte, dem empfehle ich dieses Buch, wohltemperiert interpretiert und kommentiert. Fischhuhn, Nothuhn, Huhn des Spuckens, Fingerfoot auf der Speisekarte. Neue Tierarten entdeckt: Eichelhecht, Ochsenschwan, Rächerlachs, Cumberlandwurstkröte oder Aschenpudel. Wer auf Schweinereien und Misshandlungen der Sprache steht, sollte an dieser Satire nicht vorübergehen!  Weiter zur Rezension:    Im Bann des Eichelhechts von Axel Hacke