Direkt zum Hauptbereich

Vincents Sternennacht von Michael Bird und Kate Evans - Rezension

Rezension 

von Sabine Ibing



Vincents Sternennacht 


von Michael Bird und Kate Evans


Die Kunstgeschichte beginnt vor 40.000 Jahren in einer Höhle in Deutschland und endet mit Ai Weiwei auf einem Fußweg in Peking im Jahr 2014. In der Zwischenzeit treffen wir Künstler an allen möglichen Orten: an einem Berg, in einem Steinbruch und mitten in der Wüste, in Hütten und Dampfbooten, Palästen und Gräbern – und natürlich in Ateliers und Werkstätten. Wir beobachten sie beim Malen und Zeichnen auf Felsen und Wände, Holz, Leinwand und Papier. Sie stellen Skulpturen aus Stein, Metall, Lehm, Draht oder sogar Haferbrei her. Geduldig setzen sie winzig kleine Mosaiksteine in Gips, fügen Fragmente bunter Glasscherben oder Flaschenverschlüsse zusammen, zerreißen Zeitungen und fotografieren. Warum verbringen Menschen ihre Zeit mit so etwas? Jeder Künstler in diesem Buch könnte dir darauf eine andere Antwort geben. (aus dem Vorwort)


Michael Bird erzählt Geschichten, mal spricht er mit der Stimme des Künstlers, ein anderes Mal berichtet er über die Zeit, die Menschen, ihre Vorstellungen. Künstler spiegeln ihre Zeit oder sind ihr voraus. Manche waren zu Lebzeiten berühmt, einige nannte man streitbar, bestreitbar, unmöglich, verrückt, besessen, andere wurden verehrt wie die Götter. Maler oder Bildhauer waren Handwerker, angesehene Berufe, die man von der Pike auf lernte, die von Auftragsarbeiten lebten – was sich natürlich auf ihre Werke auswirkte. Tapeten gab es noch nicht, aber Maler, die für entsprechendes Geld die Wände verzierten.



Egal, wen du in Rom fragst, alle werden bestätigen, ich bin der beste Freskenmaler. Aber hochnäsige Senatoren und ihre Gattinnen wissen nicht immer zu schätzen, wie aufwendig es ist, eine Szene zu malen.


Geschichten, angereichert mit Fotos der passenden Kunstwerke und Illustrationen von Kate Evans. Das ist eine Mischung aus Kunstgeschichte, Geschichte und Erzählungen. «Was sagst du da? Raffael ist tot!» Fürst Alfonso von Ferrara ist gar nicht begeistert. 1520 starb Raffael mit 37 Jahren an einem Fieber. Ein Mann namens Tizian wird geholt – er soll jetzt Michelangelo und Raffael das Wasser reichen. Wenn ein hoher Herr nicht zufrieden war, konnte das schnell mal den Lohn oder den Kopf kosten. Und Tizian erfüllt den Auftrag: Fürst Alfonso, dargestellt als Bacchus. Trotz dem Ansatz grauer Haare und Tränensäcke, die ja seinem realen Bild entsprechen, akzeptiert er das Bild – denn Tizian ist der Meister der Farben und ihrer Leuchtkraft. Photoshop lag damals in der Darstellung der Maler …



Französische Revolution. Maler hatten den Auftrag, die hohen Herren zu malen – doch nun ist alles anders! Sie sollen für das Volk malen. Jacques-Louis David wird beauftragt, den Tod von Marat zu malen. Er überlegt die Form: Soll er malen, wie Charlotte Corday auf den im Bad Liegenden einsticht? Er entscheidet sich anders  – Was mir an dieser Geschichte fehlt, ist der Zusammenhang: Wer sind diese beiden? Marat, ist Mitglied des Nationalkonvents, Besitzer einer Zeitung, getötet von Charlotte Corday, die den Girondisten nahestand, und die unter dem Einfluss der girondistischen Presse Marat für den Urheber des Terrors hielt, den sie erlebte.  – Gerade in der heutigen Zeit ist diese Information sehr wichtig (Fakenews gab es schon immer) – wie sonst soll man diese Geschichte verstehen. Bei Kardinsky z.B., der erzählt, das es ihm wichtig ist, über Formen und Farben nachzudenken, entscheidet, dass sein Wohnort Dessau mit dem Bauhaus für ihn der richtige Ort ist, nicht Russland, seine Heimat. Auch das braucht es ein wenig mehr Erklärung. Wenig wird über das Bauhaus berichtet. Viele Stellen in den Geschichten animieren, sich weiter zu informieren. Es wäre wahrscheinlich auch zu viel verlangt und zu verkopft, mehr Hintergrundwissen einfließen zu lassen. 




  • Aus Höhlen in die Zivilisation (40.000 – 20 v. Chr.)
  • Heilige Orte (800 – 1425)
  • Große Ambitionen (1425 – 1550)
  • Geschichten über das Leben (1550 – 1750)
  • Revolution! (1750 – 1860)
  • Mit anderen Augen sehen (1860 – 1900)
  • Krieg und Frieden (1900 – 1950)
  • Wohin die Reise geht (1950 – 2014)


Ein Buch über Künstler und Kunstgeschichte für Kinder und Jugendliche, die sich für Kunst interessieren. Angefangen mit prähistorischen Höhlenmalereien bis zu heutigen Künstlern gibt das Buch einen guten Eindruck über die Entwicklung von Kunst und die Intension, wie etwas entsteht, die Veränderungen von Darstellung und Technik. Die Kapitelüberschriften zeigen den Hinweis. Die Geschichten machen Spaß, man kann sie auch gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen lesen, gemeinsam ergänzen, googeln. Am Ende befindet sich eine Zeitleiste, die von der Eiszeit bis zu Ai Weiwei auf jeweils wichtige Maler der Jahrhunderte ausweist. In einem Glossar werden Fachausdrücke erklärt, es folgt eine Liste der Kunstwerke und ein Schlagwortindex; hierbleiben keine Wünsche offen, gezielt nach Informationen zu suchen, fast wie ein Lexikon. Für mich ein wundervolles Buch, weil es nicht einfach ein Lexikon ist, sondern weil es Geschichten erzählt. Denn das Wort sagt es ja schon – Geschichte wird nebenbei mitgeliefert. Ich finde, es ist ein Allage-Buch. Ausgewiesen ist der Band von 8 bis 10 Jahren. Das ist für mich etwas tief gegriffen. Meine Empfehlung: ab 10 Jahren. 




Michael Bird ist Autor, Kunsthistoriker und Radiomodrator. Die meisten seiner Bücher beschäftigen sich mit Kunst und Künstlern.

Kate Evans, nicht zu verwechseln mit der berühmten Comiczeichnerin, schloss ihr Studium der Illustration in 2006 ab und arbeitet freiberuflich für Verlage und Magazine. Sie lebt in Bristol.


Michael Bird / Kate Evans  
Vincents Sternennacht
Eine Kunstgeschichte für Kinder
Kindersachbuch, Kunst, Kunst für Kinder, Kunstgeschichte, Malerei
336 Seiten, Hardcover
Altersempfehlung: 8 bis 10 Jahren; meine Empfehlung: ab 10 Jahren, Allage
Midas Verlag, Collection




Kinder- und Jugendliteratur

Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.
Kinder- und Jugendliteratur


Kunst  in der Kinder- und Jugendliteratur

Kunstrichtungen, die großen Maler - kennenlernen und verstehen. Die Kinder- und Jugendliteratur bietet eine Menge Bücher, um Bekanntschaft mit Künstlern zu machen und mit deren Ideen.

Neugierig? Hier geht es zur Seite: Kinder- und Jugendliteratur - Kinder und Kunst


Kreative, künstlerische Seite

Auf dieser Seite stelle ich euch Bücher vor, die im weitesten Sinn mit Kreativität zu tun haben. Kunst und Kochen, das Schreiben hat eine eigene Seite erhalten.
Kreative, künstlerische Seite

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Rezension - Königin der Nacht – Ein kurzes Buch über meine Mutter von Lukas Bärfuss

Nach «Vaters  Kiste» hat Lukas Bärfuss nun in einem autobiografischen Essay mit dem Leben seiner Mutter abgerechnet. «Eine Mutter ist, was man nicht loswird. Auch nicht mit dem Tod.» 1971 in Thun geboren, die Mutter wohnt eher allein mit ihrem Sohn, bzw. mit vielen Männern. Lukas Bärfuss wächst im Rotlichtmilleu auf; seine Mutter war eine Frau ohne Bildung, die von ihrem Freiheitsverlangen getrieben wurde, in das der Sohn nicht hineinpasste. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen, am Abend stand sie an einer Rotlicht-Bar. Als sie älter war, arbeitete sie als Putzfrau und in einer Wäscherei. Der Junge war nie gewollt, so wurde er auch behandelt – als Rabenmutter titulierte sie sich sogar selbst. Eine Mutter, die ihn hat sitzen lassen in seiner Kindheit und ein System, das dieses Kind hängenließ. Ein wundervolles Buch, schnörkellos geschrieben, das sehr zu Herzen geht. Weiter zur Rezension:    Königin der Nacht – Ein kurzes Buch ...

Rezension - Marie Käferchen von Kai Lüftner und Wiebke Rauers

  Lieblich mit dem Po wackeln, Augenaufschlag, niemals wild und laut – so sollte sie sein. Aber Marie Käferchen hat darauf keine Lust! Ein wildes Käferchen, das auf Punk und Rock abfährt. Und als das Mädel zur Gitarre greift, ist der ganze Wald nur noch genervt. Ein herrliches Bilderbuch zur Stärkung des Selbstbewusstseins. My way! Das rockt: Gedichtform und bezaubernde Grafik! Empfehlung ab 4 Jahren. Weiter zur Rezension:    Marie Käferchen von Kai Lüftner und Wiebke Rauers

Rezension - Doppeltes Spiel von K.L. Slater

Intro mit KI erstellt   Ein luxuriöser Wolkenkratzer mit dem Namen Orbit, in dem die Reichsten der Reichen zusammenkommen: hier arbeitet die attraktive Alicia als Kellnerin. Als der charismatische Eigentümer des Orbit ihr das Angebot macht seine Freundin zu spielen und dafür ein großzügiges Gehalt zu erhalten, in seinem riesigen Apartment im Orbit zu wohnen, nimmt sie an. Immerhin ist es nur ein Spiel, denn er braucht eine Begleitung, will sich vor den vielen Frauen schützen … bis das Spiel plötzlich mehr zu sein scheint. Langweilig, uninteressant, voller Klischees, sprachlich kraftlos – mehr muss ich nicht sagen.  Weiter zur Rezension:   Doppeltes Spiel von K.L. Slater 

Rezension - WAS IST WAS Kraken. Acht Arme und drei Herzen von Dr. Stephanie Helber

  Perlboot , Sepia , Kalmar , Krake, Oktopus alles kompakt über das Leben der intelligenten Oktopusse , ihre Tarnung , Aufzucht und clevere Jagdtechniken . Sie sind wahre Verwandlungskünstler, blitzschnelle Jäger und ziemlich wendig: Kraken gehören zu den faszinierendsten Lebewesen der Ozeane. Sie haben acht Armen voller Saugnäpfe und eine Haut, die ihre Farbe im Bruchteil einer Sekunde ändern kann . Mit ihrer erstaunlichen Lernfähigkeit sind sie uns viel ähnlicher, als wir denken. Klasse Sachkinderbuch ab 8 Jahren über Tintenfische . Weiter zur Rezension:  WAS IST WAS Kraken. Acht Arme und drei Herzen von Dr. Stephanie Helber  

Rezension - Tödliches Angebot von Marisa Kashino

  Margo sucht für ihre hoffentlich bald wachsende Familie eine größere Wohnung, doch die Angebote sind rar. Nach monatelanger frustrierender Suche wird sie in der Nachbarschaft fündig. Sie hört, man wolle in der Nähe demnächst ein Haus verkaufen ... Und so versucht sie sich in die Familie einzuschleichen, das Haus abzusahnen, bevor es überhaupt auf den Markt kommt. Der Klappentext geht bis kurz vor Ende des Buchs, was es nicht besser macht. Die Geschichte schleicht langsam dahin – es fehlt jede Spannung und psychologische Raffinesse . Weiter zur Rezension:    Tödliches Angebot von Marisa Kashino

Rezension - Alte Feinde von Petra Ivanov

Um es gleich vorwegzusagen, mit diesem Thriller küre ich Petra Ivanov zur Queen of Crime der Schweiz. Schon das erste Kapitel ist atemberaubend. Cavalli ist wieder da! Wo hat er nur gesteckt? Der Leser wird es erfahren, Regina Flint noch lange nicht. – dies ist der achte Fall für Cavalli und Flint, wer die anderen sieben nicht kennt, der kann hier problemlos einsteigen. Regina Flint ermittelt derzeit in einem ungewöhnlichen Todesfall, ein Mann wurde mit einer historischen Waffe mit Pulvermunition erschossen. Der Tote ist ein Nachfahr von Heinrich Wirz, eine umstrittene Figur aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Und damit wären wir beim dritten Strang, der in die Zeit des Sezessionskrieges zurückführt. Weiter zur Rezension:    Alte Feinde von Petra Ivanov Petra Ivanov - Lesung Schloss Rapperswil Petra Ivanov, Sabine Ibing - Lesung Schloss Rapperswil

Rezension - Leere Häuser von Brenda Navarro

Intro mit KI erstellt Nur für einen kurzen Moment war seine Mutter in die Nachrichten auf ihrem Mobiltelefon vertieft gewesen, als der dreijährige Daniel vom Spielplatz verschwindet. Eine Unbekannte hat den Jungen mitgenommen und sich so den ersehnten Kinderwunsch erfüllt. Sie nennt ihn Leonel. Beide Frauen erzählen von ihrem Schmerz, ihrer Verzweiflung und ihren Schuldgefühlen. Beide reflektieren ihre Liebesbeziehungen und Lebensträume. Psychologisch gut aufgebaut, hervorragender Roman, lateinamerikanische, feministische Literatur . Weiter zur Rezension:    Leere Häuser von Brenda Navarro

Rezension - Curry: Die besten Rezepte von Indien bis Japan von Jimmy Guo

  Intro mit KI erstellt Kaum ein Gericht ist internationaler als ein «Curry». Wobei es das eine Curry natürlich nicht gibt. Denn in jedem asiatischen Land gibt es andere Varianten, die so unterschiedlich wie die Länder selbst sind – in jeder Familie die eignen Rezepte. Was als indischer Eintopf begann, hat sich weltweit als beliebte Speise verbreitet. Currys haben eine jahrtausendealte Reise hinter sich gebracht, die durch koloniale Machtstrukturen globalisiert wurde und sich heute als kulinarisches Chamäleon in fast jeder Kultur wiederfindet. In diesem Kochbuch finden wir aus Indien, Thailand , Sri Lanka , Singapur , Japan und Weltküche – dazu Kulinarisches, Wissenswertes und Tipps. Klasse Rezepte zu Currys, Empfehlung! Weiter zur Rezension:    Curry: Die besten Rezepte von Indien bis Japan von Jimmy Guo

Rezension - Die schwarze Lilie von Dirk Schümer

  Intro mit KI erstellt 1348: In der Finanzmetropole Florenz wütet die Pest in den letzten Zügen, während die Söhne des mächtigen Bankiers Pacino Peruzzi nacheinander ermordet werden. Wittekind Tentronk, den es als Agent des Patriarchen aus Avignon an den Arno verschlagen hat, soll recherchieren, die Familie beschützen. Nebenbei erzählt der Autor von der größten Bankenpleite dieser Zeit, von Pest, aber auch von Wittekinds Liebe zu der schönen Marktfrau Cioccia und einem illustren Freundeskreis um den erfolglosen Poeten Boccaccio und Dantes versoffenen Sohn Jacopo . Ein außergewöhnlich guter historischer Krimi. Weiter zur Rezension:   Die schwarze Lilie von Dirk Schümer 

Rezension - Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König

Intro mit KI erstellt   Dieses Mal steht neben Christopher das Mädchen Anya im Vordergrund. Ihr Großvater, der König, wird heimtückisch ermordet. Ihr Vater wird des Mordes beschuldigt und als Anya selbst in Gefahr gerät, muss sie fliehen. Gemeinsam mit Christopher, dem Hüter der Fabelwesen, muss sie nun ihren Vater retten und das magische Reich vor dem Untergang bewahren. Spannende Fantasie ab 10 Jahren! Weiter zur Rezension:   Impossible Creatures von Kathrine Rundel Der vergiftete König