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Moorhöhe von Maria Turtschaninoff - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing






Moorhöhe 


von Maria Turtschaninoff


Der Anfang:
Ein Soldat aus der Westhälfte des Königreichs hatte von der Krone ein Stück Land im Osten bekommen, als Lohn für treuen Dienst. Mit dem Schiff fuhr er übers Meer zur jungen Stadt Gamlakarleby, folgte einem Wasserlauf und gelangte an einen kleinen Weiler. Eine Kirche gab es dort nicht, und die Ansiedlung, die sich über ein weites Gebiet erstreckte, zählte nur fünfzehn Höfe. Er fragte sich durch, und die Leute, denen er begegnete, redeten Schwedisch, aber es gab auch Menschen, die Finnisch sprachen.

Ein Hof in Finnland, fünf Jahrhunderte. Geschichten von Nevabacka, «Moorhöhe», denn so heißt das kleine Gehöft im Norden Finnlands, umgeben von Flieder- und Moltebeerbüschen, eingebettet in mystische Wald- und Moorlandschaften. Im 17. Jahrhundert setzt der Bauernsohn Matts den ersten Spatenstich, seinen Nachkommen folgen wir bis ins 21. Jahrhundert hinein. Im Prinzip finden sich hier eine Menge von Kurzgeschichten zusammen, chronologisch der Zeit folgend. Sie sind unabhängig, lediglich das Setting ist gleich – der einzige weitere Bezug: manchmal bezieht man sich auf die Ahnen, Gerüchte, Geschichten, Realitäten. 


Kinder werden geboren, die Alten sterben

In unserem dritten Ehejahr schneite es bis in den April hinein. In der Zeitung stand, dass noch im März fünfunddreißig Minusgrade gemessen wurden. Und im Mai schien es, als wollte der Sommer gar nicht kommen. Noch in der zweiten Junihälfte konnten wir über zugefrorene Eisdecken fahren. Erst am 20. Juni durfte man mit Fug und Recht sagen, dass der Sommer kam, und als er kam, kam er mit Macht. Die Knospen sprangen im Nu auf, und die Kühe konnten endlich draußen im Wald Nahrung finden. Die Futternot war unbeschreiblich, und die Preise für Tierfutter stiegen ins Unermessliche. Der Herbstroggen war zum Großteil kaputt, und die Gerste kam sehr spät in den Boden. Die Kartoffeln zeigten sich erst nach Mittsommer. Im Juli fiel so viel Regen, dass die Heuernte verdarb, aber ein wenig Heu konnten Jakob und ich immerhin einbringen. In der Nacht auf den 23. August setzte Bodenfrost ein, der das Kartoffelkraut auf tiefliegenden Feldern wie unten im Dorf schwarz werden ließ. Auf Nevabacka blieben wir davon verschont. Unsere Felder liegen höher und werden vom umliegenden Wald geschützt.

Die Menschen hier sind tief im alten Volksglauben verwurzelt, für sie ist nur ein Leben im Verbund mit der Natur denkbar. Der Hof steht auf steinigem Grund und die Menschen müssen hart arbeiten, um dem Boden etwas abzugewinnen. Ein Moor und ein großes Waldgelände gehören zur Liegenschaft dazu. Hunger und Krankheit gehören zum Leben, lange Kälte, Missernten und Kriege – die Region wird von den Russen heimgesucht, der versteckte Moorhof, wird nicht entdeckt. Wichtig ist auch die Verbundenheit zum alten Volk. Matts, der erste Bauer, will das Moor trockenlegen – doch die Begegnung mit der Moorfrau hält ihn zurück und er gibt ein Versprechen. Sie schenkt ihm einen Sohn, kehrt später zurück ins Moor. Ein kleines Mädchen, das durch das Moor streift und von einem Troll gerettet wird, als sie sich verläuft; ein Pfarrer, der während des Kriegs seinen Gottesglauben verliert; eine junge Frau aus der Stadt, die auf den Hof einheiratet und eine gute Figur macht und eine andere, die vom Heimweh geplagt ist. Kinder werden geboren, die Alten sterben, das Leben nimmt seinen Lauf.


Gute Unterhaltung für Freunde des Nature Writing 

Atmosphärisch im Nature Writing geschrieben mit einem Schlag Mystik beschreibt Maria Turtschaninoff, das harte Leben auf dem kleinen Gehöft im Norden Finnlands, dort, wo die Winter lang sind. Das Moor und der Wald, die Naturgeister, stehen im Mittelpunkt der Erzählungen. Wer sie gut behandelt, wird beschützt – wer sie schlecht behandelt, oder habgierig ist, wird bestraft. Wunderschön geschrieben, klasse Buch zum Schmökern. Gute Unterhaltung für Freunde des Nature Writing und nordischer Mystik.



Maria Turtschaninoff, geboren 1977, studierte Humanökologie und arbeitet heute hauptberuflich als Schriftstellerin. Ihre «Maresi»-Fantasy-Trilogie für junge Erwachsene wurde in dreißig Sprachen übersetzt und in ihrer finnischen Heimat mehrfach ausgezeichnet. «Moorhöhe» ist ihr erstes Buch für Erwachsene. Es erscheint in dreiundzwanzig Ländern und wurde 2022 mit dem schwedischen YLE-Literaturpreis ausgezeichnet.



Maria Turtschaninoff
Moorhöhe
Aus dem Finnischen übersetzt von Ulla Ackermann
Originatitels: Arvejord
Zeitgenössische Literatur, Kurzgeschichten, Finnische Literatur
Hardcover mit Schutzumschlag, 444 Seiten
Kindler Verlag, Rowohlt, 2024


Zeitgenössische Literatur

Hier verbirgt sich manche Perle der Literatur. Ich lese auch mal einen Bestseller, natürlich, aber mein Blick ruht  immer auf den kleinen Verlagen, auf den freien Verlagen. Sie trauen sich was - und diese Werke sind in der Regel besser als der Mainstream der meistgekauften Bücher …
Zeitgenössische Roman






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