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Entscheidung in Spanien von Paul Ingendaay - Rezension

Rezension

von Sabine Ibing



Intro mit KI erstellt



Entscheidung in Spanien 


von Paul Ingendaay

Der große Kampf der Literatur 1936–1939 Sommer 





1936: In Madrid kühlen Anwohner das heiße Straßenpflaster mit Wasser, im Parlament wird eine Pistole gezogen. In Bayreuth erhält Hitler während der Wagner-Festspiele einen Brief – ein gewisser General Franco bittet um militärische Unterstützung für einen Putsch gegen die spanische Regierung. Am 17. Juli beginnt der Aufstand, am 19. Juli fliegt Franco nach Tetuán. Was folgt, sind fast drei Jahre Krieg und knapp vierzig Jahre Diktatur. 



Der spanische Bürgerkrieg begann am 17. Juli 1936 und endete am 1. April 1939.  Aber er ist alles andere als ein ferner Krieg. … Und er gehört zu den wenigen Kriegen, deren Geschichte die Verlierer geschrieben haben: als Gegengeschichte zu einem Aufstand rechter Generäle, die das Leid eines ganzen Landes in Kauf nahmen.

Über den Spanischen Bürgerkrieg gibt es Regale voller Bücher. Ingendaay wählt einen eigenen Zugang: Nicht der militärische Verlauf steht im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die ihn beschrieben, fotografiert und mitgekämpft haben. George Orwell, Ernest Hemingway, Martha Gellhorn, Simone Weil, Gerda Taro und Robert Capa, Arthur Koestler, Klaus Mann, Federico García Lorca. In kurzen, chronologisch angeordneten Episoden folgt der Autor ihren Wegen von 1936 bis 1939. Ihre Tagebücher, Reportagen, Briefe und Romane bilden das Gerüst.  Ingendaay ordnet ein: Orwell und die Buchstabensuppe der Linken. Besonders stark sind die Kapitel über George Orwell! Weil er die britische KP für opportunistisch hält, weigert sich deren Generalsekretär Harry Pollitt, ihn zu den Internationalen Brigaden zu vermitteln – Orwell sei «politisch unzuverlässig». In Paris rät ihm Henry Miller beim Abendessen, die Sache zu lassen, schenkt ihm aber eine warme Kordjacke. In Spanien landet Orwell bei der POUM, die als trotzkistisch gilt.




Orwell hat sich über den ideologischen Wirrwarr und die Buchstabensuppe linker spanischer Glaubensrichtungen von Anfang an lustig gemacht. Sie stehen für abweichende Programme, bekämpfen einander unerbittlich und sorgen dafür, dass es neben dem großen gemeinsamen Gegner – Franco und den «Faschisten» – immer auch eine Menge kleinerer Gegner gibt, was Ränke und Intrigen mit sich bringt. Später auch Folter, Kidnapping und Mord.

Was Orwell nie erfuhr: Der NKWD-Vertreter in Spanien, Alexander Orlow, hatte schon zwei Monate vor seiner Ankunft nach Moskau gemeldet, die POUM könne «leicht liquidiert werden». Das Wort «Lüge» zieht sich danach durch alle Spanien-Texte Orwells. Ingendaay zeigt, wie aus diesen Erfahrungen der spätere Autor von «1984» wird. Guernica und Badajoz kennt jeder. Weniger bekannt ist Durango, 25 Kilometer weiter südlich, das von der Legion Condor schon am 31. März 1937 bombardiert wird, morgens um 7:20 Uhr, während in den drei Kirchen die Frühmesse läuft. Ingendaay schildert den Angriff nüchtern und präzise: die Ordensschwestern in Santa Susana, der Pater, der bei der Kommunion stirbt, die Toten auf dem Friedhof, nummeriert von 1 bis 127. Radio Sevilla erklärt anschließend, die «Roten» hätten die Kirchen selbst zerstört. Das Kriegstagebuch von Wolfram Freiherr von Richthofen, Stabschef der Legion Condor, widerlegt das: «Es ist, als ob die Bomben die Kirchen geradezu gesucht hätten … Nur Mauern stehen noch.» Ebenso eindringlich: das Massaker von Badajoz, bei dem Gefangene in die Stierkampfarena getrieben werden, wo Maschinengewehre auf sie warten. Und Martha Gellhorns Besuch in einer Kinderstation in Katalonien, wo mehr als 200.000 Kinder im Vorschulalter unterernährt sind.




Allein der Devisenschwindel bringt rund 25 Prozent Gewinn. So gelangt die Sowjetunion billig und narrensicher in den Besitz des spanischen Goldes.

Gold für Moskau, alte Kanonen aus Polen, Ingendaay zeigt auch die Profiteure. Spanische Goldreserven im Wert von 518 Millionen Dollar lagern in Moskau, mit ihnen bezahlt die Republik ihre Waffen – und wird von Stalin bei jeder Umrechnung betrogen. Die polnische Militärdiktatur unterstützt offiziell Franco und verkauft der Republik unter der Hand Hunderte veralteter Kanonen, weit über dem Neupreis moderner Modelle. Das Buch endet nicht mit dem Fall Madrids. Ingendaay beschreibt die 194 Konzentrationslager Francos mit mehreren Hunderttausend Häftlingen, die Hinrichtungen, den Hunger – und das System der «aval», der schriftlichen Bürgschaft, ohne die ein Gefangener kaum Überlebenschancen hat. 




So werden die Verlierer des Bürgerkriegs zu Bittstellern ihrer ideologischen Widersacher. … Die lange spanische Nachkriegszeit – la posguerra – hat begonnen.

Neue Fakten wird man zum Spanischen Bürgerkrieg kaum noch finden. Ingendaay gelingt etwas anderes: Er verknüpft Literatur-, Kultur- und Kriegsgeschichte, stellt Goyas «Desastres de la guerra» neben die Fotos von Capa und Taro und lässt die Zeitzeugen selbst sprechen. Der Ton ist journalistisch, szenisch, nie reißerisch. Wer eine militärhistorische Gesamtdarstellung sucht oder die Perspektive der Franco-Seite, ist hier falsch – es ist ein Buch über die Seite der Verlierer und derer, die ihre Geschichte aufgeschrieben haben. Ein spannendes Sachbuch, das einem stellenweise die Tränen in die Augen treibt. Abbildungen und Karten ergänzen den Text. Großartig geschrieben und aufgearbeitet – Empfehlung!


Paul Ingendaay, geboren 1961 in Köln, studierte Anglistik und Hispanistik in Köln, Dublin und München und promovierte über William Gaddis. 1997 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Ab 1998 berichtete er als Kulturkorrespondent der FAZ aus Madrid über die Iberische Halbinsel, seit 2016 ist er Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin. Für seinen Debütroman «Warum du mich verlassen hast» erhielt er 2006 den aspekte-Literaturpreis. Weitere Bücher u. a. «Die romantischen Jahre», «Die Nacht von Madrid» und «Gebrauchsanweisung für Spanien».



Paul Ingendaay 
Entscheidung in Spanien 
Der große Kampf der Literatur 1936–1939 
Sachbuch, Spanischer Bürgerkrieg, Geschichte Spaniens, Literaturgeschichte, Zeitgeschichte Hardcover, 352 Seiten, mit 23 Abbildungen und 2 Karten 
C.H.Beck Verlag, 2026






Der Abgrund des Vergessens von Paco Roca und Rodrigo Terrasa 

Im September 1940, mehr als ein Jahr nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs: Ein Lastwagen fährt vor und junge Soldaten werden gezwungen, sogenannte Desaparecidos zu erschießen. José Celda, einer der franquistischen Sicherheitskräfte schießt nicht genau, wird zur Strafe gleich mit erschossen. Zwölf Männer werden in einem Massengrab verscharrt. Später versucht Pepica,  jahrelang die Ausgrabung zu erwirken, um ihren Vater zu identifizieren. Das Gesetz gibt ihr das Recht – und irgendwann ist es so weit. Nicht vergessen! Die Gräber von Paterna bei Valencia gelten als eine der bedeutendsten Stätten der franquistischen Repression in Spanien. Der Friedhof gilt als das größte Massengrab des spanischen Bürgerkriegs, Ein historischer spanischer Comic. Empfehlung!

Rezension:  Der Abgrund des Vergessens von Paco Roca und Rodrigo Terrasa 


¡Blut und Feuer! von Manuel Chaves Nogales

Manuel Chaves Nogales, war Spaniens herausragender Journalist der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Seine Artikel, die in dem für ihm typischen, erzählendem, humoristischem Stil, oft als Fortsetzungsgeschichten herausgab, sind bereits zu seinen Lebzeiten als Erzählungen in Bücher zusammengefasst worden. 1936 bis 1939 wütete in Spanien ein Bruderkrieg, der Guerra Civil. Die junge Demokratie wurde von General Franco geputscht, ein blutiger Bürgerkrieg, in dem sich keine Seite mit Ruhm bekleckerte. 1937 erschien «¡Blut und Feuer!», von Chaves im Exil in Paris verfasst – er war von beiden Kriegsparteien auf die Todesliste geschrieben. 9 Kriegsgeschichten, die unter die Haut gehen. Hier wird vor niemand Halt gemacht. Es sind wahre Geschichten, die aus den Erlebnissen von Chaves und Berichten entstanden, empathisch und bildlich erzählt. Spannender kann kein Roman sein. Empfehlung!

Weiter zur Rezension:   ¡Blut und Feuer! von Manuel Chaves Nogales



Historische Romane und Sachbücher

Im Prinzip bin ich an aller historischer Literatur interessiert. Manche Leute behaupten ja, historisch seien Bücher erst ab Mittelalter.  Historisch - das Wort besagt es ja: alles ab gestern - aber nur was von historischem Wert ist. Was findet ihr bei mir nicht? Schmonzetten in mittelalterlichen Gewändern. Das mag ganz nett sein, hat für mich jedoch keine historische Relevanz.  Hier gibt es Romane und Sachbücher mit echtem historischen Hintergrund.
Historische Romane


Sachbücher

Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.
Sachbücher




Spanische Literatur

Interesse an Literatur aus Spanien? Hier findet ihr Bücher von spanischen Autor:innen mit Links zu den Rezensionen   Spanische Literatur










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