Rezension
von Sabine Ibing
| Intro erstellt mit KI |
Reservoir Bitches
von Dahlia de la Cerda
Meine Ma hat versucht, neu anzufangen. Sie hat sich mit zwei anderen Flachwichsern eingelassen, die ihr Kinder gemacht und sich dann verpisst haben. Den Männern fehlen echt die Eier, wenn es darum geht, mit anzupacken. Vielleicht stand sie auch einfach nur auf Arschlöcher. Wer weiß das schon, Bro? Immerhin hat sie ständig hinterfotzige Hurensöhne angeschleppt.
Wütend, laut, brutal – und verdammt gut. Schon der Titel macht klar, dass dies kein Buch ist, das es sich nicht um einen romantischen Liebesroman handelt. Dahlia de la Cerda schreibt über Frauen in Mexiko, über Gewalt, Armut, Klasse, Abtreibung, Drogen und Femizide – und über eine Gesellschaft, in der es einen gewaltigen Unterschied macht, auf welcher Seite der Gesellschaft man geboren wird.
Nach tauchen alte Bekannte wieder auf
In dreizehn Erzählungen begegnen wir sehr unterschiedlichen Frauen: einer Narco-Braut, einer Auftragskillerin, einer Prostituierten, einer Hausfrau, einer Studentin, reichen und bitterarmen Frauen. Zunächst scheint jede Geschichte für sich zu stehen. Doch nach und nach tauchen alte Bekannte wieder auf, Nebenfiguren werden zu Hauptfiguren und Ereignisse erscheinen plötzlich aus einer anderen Perspektive. Aus den einzelnen Geschichten entsteht so ein ziemlich düsteres Gesamtbild. Und genau das macht diese Kurzgeschichten so interessant.
Sieben Todsünden gibt es. Meine liebste ist die Habgier. Ich bin wegen der Kohle hier. Silber oder Blei? Ich wollte schon immer beides, ich bin eben gierig. Sie haben mich in den Frauenknast ge-steckt, wegen unerlaubtem Drogenbesitz und wegen Mord. Das hört sich jetzt vielleicht spannend an, aber in Wahrheit stand ich da noch auf der untersten Stufe der Hierarchie: Ich war Informantin für die Zelle eines mächtigen Drogenkartells.
Wer arm ist, hat kaum Möglichkeiten, sich zu wehren
Noir-Literatur, die den Frauen eine Stimme gibt, die das Buch tragen. Sie erzählen direkt, rotzig und manchmal geradezu unverschämt und aggressiv. Hier wird nichts schön formuliert, damit es leichter zu ertragen ist. Die Sprache ist vulgär, brutal und zynisch – und manchmal überraschend komisch. Kriminalliteratur aus Mexicos Slumvierteln. Der schwarze Humor hat mich überrascht, denn eigentlich gibt es wenig zu lachen. Frauen werden misshandelt, ermordet oder verschwinden. Männer verfügen über Frauenkörper. Wer arm ist, hat kaum Möglichkeiten, sich zu wehren, während Geld und gesellschaftliche Stellung ganz andere Handlungsspielräume eröffnen. De la Cerda zeigt diese Unterschiede gnadenlos.
Ihr müsst euch entscheiden: wir oder Gott, war das Erste, was er uns sagte. ‹Wir werden gegen das fünfte Gebot verstoßen und dabei mächtig reich werden. Ich brauch gute Leute an meiner Seite, Leute, die den Bossen Treue schwören und jeden ihrer Befehle ausführen, ohne zu zögern. Ich biete euch einen Deal an: Ihr passt auf mich auf, ich passe auf euch auf. Ihr gehorcht mir und lasst Köpfe rollen, ich mache euch zu Millionären. Wenn ihr mich hintergeht, seid ihr tot. Ihr habt zwei Minuten Bedenkzeit.›
Entweder du lässt sich zum Opfer machen; oder du lässt es icht zu
Dabei macht sie aus ihren Frauen keine Heiligen. Und genau das hat mir besonders gefallen. Ihre Figuren dürfen widersprüchlich sein. Sie sind Opfer und Täterinnen zugleich, egoistisch und berechnend, verletzlich, wütend oder vollkommen abgebrüht. Manche mochte ich sofort, andere überhaupt nicht. Einige handeln auf eine Weise, die schockiert. Gerade dadurch werden sie aber nicht zu Figuren, die lediglich eine feministische Botschaft transportieren sollen. Diese Frauen passen in keine Schublade von Gut und Böse. Sie leben in einer Welt, in der Gewalt zum Alltag gehört, und manche von ihnen beantworten diese Gewalt mit eigener Gewalt. Hey, rufen sie dem Lesenden zu, so ist das Leben – entweder du lässt sich zum Opfer machen; oder du lässt es icht zu.
Nichts für zarte Gemüter
Natürlich funktionieren nicht alle dreizehn Geschichten für mich gleich gut. Einige haben mich sofort gepackt, bei anderen brauchte ich länger. Und bei manchen hätte ich gerne noch mehr erfahren. Gerade hat man sich auf eine Frau und ihre Geschichte eingelassen, da ist sie schon wieder verschwunden. – Und manch eine taucht plötzlich wieder auf. Mit der Zeit entwickelt das Buch einen erstaunlichen Sog. Wer eine klassische Kurzgeschichtensammlung erwartet, der wird überrascht. Die Texte können einzeln stehen, ergeben aber durch die Verknüpfung ein soziales Geflecht aus Gewalt, Herkunft, Macht und den sehr unterschiedlichen Möglichkeiten, damit umzugehen. Die Sprache ist derb und ohne jede Zurückhaltung, passend zum Milieu und zu den Protagonistinnen und gibt dem Buch eine enorme Energie, die die Brutalität dessen, was erzählt wird verstärkt. Lesenswert – aber definitiv nichts für zarte Gemüter. Das Buch war nominiert für den International Booker Prize.
Dahlia de la Cerda, geboren 1985, ist eine mexikanische Autorin. Sie hat einen Abschluss in Philosophie und in einem Callcenter, einer Bar, einer Süßwarenfabrik sowie als Nachrichtenredakteurin und Straßenverkäuferin gearbeitet. Für »Reservoir Bitches« wurde Dahlia de la Cerda mit dem Premio Nacional de Cuento Joven Comala ausgezeichnet, und das Buch wurde für den International Booker Prize 2025 nominiert. Sie ist Mitbegründerin der feministischen Organisation Morras Help Morras und lebt in Aguascalientes, Mexiko.
Reservoir Bitches
Originaltitel: Perras de Reserva
Übersetzt aus dem Spanischen von Johanna Malcher
Kriminalliteratur, Kurzgeschichten, Noir, Frauenliteratur, Gesellschaftsroman, Mexikanische Literatur
Hardcover kartoniert, 184 Seiten
CulturBooks Verlag, 2025

Krimis und Thriller
Ich liebe Krimis und Thriller. Natürlich. Spannend, realistisch, gesellschaftskritisch oder literarisch, einfach gut … so stelle ich mir einen Krimi vor. Was ihr nicht oder nur geringfügig bei mir findet: einfach gestrickte Krimis und blutrünstige Augenpuler.
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