Rezension
von Sabine Ibing
Das Glück liegt hinter der Hecke
von Sara Pennypacker
Der Anfang:Sobald sie das Wochenblatt Nutsmore Weekly dumpf gegen die Haustür schlagen hörte, jagte Leeva Thornblossom hi-naus. Es war der einzige Moment, den sie mit Erlaubnis ihrer Eltern im Vorgarten verbringen durfte.
Leeva lebt in einem Haus mit ihren profitüchtigen Eltern zusammen, für die nur Geld und Ruhm etwas bedeuten. Sie darf das Haus, bzw. den Garten nicht verlassen, wächst völlig vernachlässigt auf. Ihre Neugier und ihr Wunsch auf den Blick hinter die Gartenhecke lässt sie die Verbote vergessen und sie büchst aus, schleicht ins nächstgelegene Haus: die Stadtbibliothek. Welch wundersame Welt sie draußen findet! Menschen, die sie mögen, mit denen sie Freundschaft schließt. Davon handelt dieses herrliche Kinderbuch, begleitet vom Duft von Ingwerkeksen – eine Befreiung aus der Zwangswelt. Ein charmantes Buch, witzig, eine zärtliche Hommage an die Kraft von Beharrlichkeit, Gemeinschaft und Freundschaft.
Was sie immer wieder beschäftigte, war die Frage, die ihr Vater gestellt hatte: Wozu sind Menschen da? Die Frage rüttelte ihre schon knisternde Neugier noch weiter wach. Die Antwort, das spürte sie plötzlich überdeutlich, lag dort draußen. Das Problem war: Leeva war hier drin. Das genau würde sie morgen ändern müssen.
Die emotionalen Kälte ihrer egozentrischen Eltern konnte Leeva nicht brechen. Sie wird von ihren Eltern als Haussklave gehalten – so ein bisschen musste ich an Dobby in Harry Potter denken. Doch Leeva Thornblossom ist intelligent, ein starker Charakter, knapp unter zehn Jahren, so hat sie selbst berechnet – eine Schule hat sie nie gesehen. Ihre Neugier siegt, befreit sie aus einem Joch. Sie hat Glück, landet in der Stadtbibliothek und findet nicht nur interessante Bücher, sondern auch Freunde: Mrs Flowers, dier Bibliothekarin, ihren Neffen Harry, einen nerdigen Jungen im Schutzanzug, der einen Dachs als Haustier hält.
‹Gehalt kürzen›, las er vor.Leevas Mutter wischte die Strafe beiseite. ‹Sie kriegt kein Gehalt.›‹ Urlaub streichen.›‹ Sie kriegt keinen Urlaub.›‹Zusatzleistungen stoppen? Keine Bonuszahlungen mehr?›, versuchte es Mr Thornblossom weiter. ‹Entlassen?›Leeva hatte die Nase voll. Bestimmt hatte kein anderes Kind so ein Bediensteten-Handbuch, da war sie sich sicher. ‹Mich entlassen?›, schrie sie. ‹Aus was denn?›‹Aus der Arbeit, von uns großgezogen zu werden›, antwortete ihre Mutter. Sie griff hinüber und schlug das Handbuch zu. ‹Bring es zurück›, erklärte sie ihrem Mann. ‹Ich werde selbst über die Strafe entscheiden.›
In der Bibliothek leiht sich Leeva sogleich 10 Bücher aus, die sie gleich am nächsten Tag durchgelesen zurückbringt. Leeva schleicht sich ab sofort jeden Tag hinaus, um Ingwerkekse, Toast und Bücher zu genießen, Freunde zu treffen. Stück für Stück begreift sie, was ihre Eltern geschäftlich treiben, und nimmt ihnen nun das Heftaus der Hand, beginnt sie zu demontieren ... Wenn einer meint, dass es kitschig werden könnte, der irrt. Ausgeklügelt mit schwarzem Humor hat die Autorin eine wundervolle Geschichte entwickelt. Mit Mut und Beharrlichkeit und der Kraft der Freunde an ihrer Seite kämpft sich Leeva aus ihrem Gefängnis heraus. Sara Pennypacker arbeitet auch nicht mit Grausamkeit, sondern mit Humor. Und das macht die «gruselige Geschichte» erfrischend herzlich. Manchmal beginnt das Glück eben genau hinter der Hecke – und natürlich in einer Bibliothek! Der dtv Verlag gibt die Altersempfehlung ab 10 Jahren. Das passt für mich. Absolutes Lesehighlight in diesem Jahr unter den Kinderbüchern.
Sara Pennypacker, geboren 1951 in Massachusetts, war Malerin, bevor sie mit dem Schreiben anfing. Sie gehört zu den bekanntesten Kinderbuchautorinnen Nordamerikas, hat zwei Kinder und lebt auf Cape Cod, Massachusetts. Ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet.
Sara Pennypacker Das Glück liegt hinter der Hecke
Originaltitel: Leeva at Last
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Illustriert von Jens Rassmus
Kinderbuch, Kinderroman, Kinder- und Jugendliteratur
Hardcover, 320 Seiten
dtv Verlag, 2026
Altersempfehlung: ab 10 Jahren
Kinder- und Jugendbücher - 10 bis13 Jahre
Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.



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