Du kannst KI
von Iris Lanz
Ein Ratgeber für Menschen mit Berufserfahrung
KI ist kein Technikthema, sondern ein Menschheitsthema
Wer hat Angst vorm bösen Wolf? So ähnlich könnte man die Frage stellen, wenn es um Künstliche Intelligenz geht. Erinnern wir uns an die Zeit, als die ersten Personalcomputer Einzug in die Büros hielten. Viele Menschen begegneten dieser neuen Technik mit Skepsis, manche sogar mit Angst. Den gewohnten Stift aus der Hand legen und plötzlich mit einer Maschine arbeiten? Das war für viele zunächst unvorstellbar. Heute ist der Computer aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Mit der Künstlichen Intelligenz erleben wir gerade eine vergleichbare Entwicklung. Wieder gibt es Menschen, die begeistert experimentieren, während andere lieber auf Abstand bleiben. Genau an diese zweite Gruppe richtet sich Iris Lanz mit ihrem Ratgeber.

Die Autorin möchte vor allem Berührungsängste abbauen. Ihre Botschaft ist einfach: Nicht endlos darüber nachdenken, was diese neue Technologie möglicherweise alles verändern wird, sondern neugierig bleiben, ausprobieren, üben und sich auf etwas Neues einlassen. Niemand muss von Anfang an alles verstehen oder beherrschen. Lanz schildert in Tagebucheinträgen ihre eigenen Erfahrungen mit KI, berichtet von Lernprozessen und Unsicherheiten und ergänzt diese persönlichen Einblicke durch praktische Ratschläge. Dabei geht es auch um die Frage, welche Rolle unsere Berufs- und Lebenserfahrung in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt spielt. Denn Erfahrung wird durch KI nicht überflüssig. Im Gegenteil: Gerade wer über Fachwissen und Urteilsvermögen verfügt, kann die Ergebnisse einer KI besser einordnen und kritisch hinterfragen.

Wohin das führen kann, zeigt China: Dort wird Kl längst genutzt, um die Gesellschaft flächendeckend zu kontrollieren. Ein gefährliches Signal: Wenn umstrittene Kl-Systeme ohne klare ethische Leitplanken Teil staatlicher Machtstrukturen werden, steht das Vertrauen in die demokratische Kontrolle von Wissen und Technologie auf dem Spiel. Gerade vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie wichtig digitale Souveränität für uns in Europa ist.
Der Schwerpunkt des Buches liegt eindeutig auf der Arbeitswelt, insbesondere darauf, wie der einzelne Mensch KI an seinem Arbeitsplatz einsetzen kann. Es geht um Unterstützung bei alltäglichen Aufgaben, um neue Arbeitsweisen und darum, wie sich Berufserfahrene mit dieser Technologie vertraut machen können. Das ist durchaus sinnvoll, greift für meinen Geschmack allerdings etwas zu kurz. Denn Künstliche Intelligenz ist längst weit mehr als ein praktischer Helfer am Schreibtisch. Sie verändert die Medizin, die Forschung, die Industrie, das Bildungswesen und zahlreiche andere Bereiche unseres Lebens. Ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft sind enorm und werden uns in den kommenden Jahren noch intensiv beschäftigen. Diese weitreichenden Entwicklungen werden zwar am Rande angesprochen, bleiben aber weitgehend im Hintergrund. Wo die Autorin dies anspricht, weckt sie mein Interesse. Hier hätte ich mir eine etwas umfassendere Betrachtung gewünscht.
Gesellschaftliche und ethische Fragen
Dass die neue Technologie keineswegs unfehlbar ist, verschweigt Lanz ebenfalls nicht. KI kann Fehler machen, Informationen frei erfinden und diese mit einer solchen Selbstverständlichkeit präsentieren, dass man sie zunächst für bare Münze nimmt. Wer sich darauf blind verlässt, kann böse Überraschungen erleben. Deshalb ist es wichtig, Ergebnisse zu überprüfen und den eigenen Verstand nicht an die Maschine abzugeben. Auch gesellschaftliche und ethische Fragen greift die Autorin auf.
Während Wirtschaft und Wissenschaft über Kl als Werkzeug für Teilhabe, Mündigkeit und gemeinschaftliches Wissen diskutieren, entsteht parallel eine andere Realität. Machtvolle Einzelakteure prägen mit eigenen Plattformen und Deutungsansprüchen die Debatte darüber, wer Wissen gehört, wer es kuratiert und vor allem was als Wahrheit gilt. Das sind deutlich düstere Gegenentwürfe zu einer offenen, gemeinwohlorientierten Wissensordnung. Der Tech-Milliardär Elon Musk startete im Herbst 2025 mit Grokipedia eine Ki-basierte Enzyklopädie - ausdrücklich als Gegenmodell zum gemeinnützigen Wikipedia. Musks Grokipedia basiert auf seinem eigenen Kl-Chatbot Grok. Viele Inhalte erinnern stark an das, was Wikipedia auf seinen Seiten zeigt. Im Gegensatz zu Wikipedia bleiben Quellenlage, Transparenz und rechtliche Fragen bei Grok allerdings ungeklärt. Musk selbst bewirbt Grokipedia auf X als ,wahrheitsgetreue Alternative» und als Baustein eines neuen Wissens-Ökosystems. Die Vorstellung, dass einzelne Milliardäre globale Wissenshoheit und den Anspruch auf Wahrheit erheben, beunruhigt und wirkt nicht visionär.
Verständlich und ohne ihre Leser mit Fachbegriffen zu überfordern
Interessant fand ich einige ihrer Gedankengänge, insbesondere dort, wo sie über das Zusammenspiel von Mensch und Maschine nachdenkt. «KI ist kein Technikthema, sondern ein Menschheitsthema», schreibt sie. Ein durchaus treffender Gedanke, der für mich allerdings auch die Frage aufwirft, weshalb die Autorin ihren Blick dann so stark auf den unmittelbaren beruflichen Nutzen konzentriert. Denn wenn KI tatsächlich ein Menschheitsthema ist, sollten wir auch über die Veränderungen sprechen, die weit über unseren eigenen Arbeitsplatz hinausgehen. Das Buch ist ausgesprochen leicht und flüssig zu lesen. Nach gerade einmal zwei Stunden war ich damit durch. Komplizierte technische Erklärungen sucht man hier vergeblich, was für die angesprochene Zielgruppe sicherlich von Vorteil ist. Lanz schreibt verständlich und ohne ihre Leser mit Fachbegriffen zu überfordern.
Ein Buch für Anfäger
Allerdings muss ich auch sagen, dass das Buch für Leser, die bereits regelmäßig mit KI arbeiten, wenig Neues bietet. Die meisten Ratschläge und Erkenntnisse dürften ihnen längst vertraut sein. Auch die praktischen Hinweise bewegen sich überwiegend auf einem grundlegenden Niveau. Wer sich bereits intensiver mit KI-Anwendungen beschäftigt hat, wird hier kaum zusätzliche Erkenntnisse gewinnen. Allenfalls einige Fragen und Überlegungen der Autorin regen dazu an, den eigenen Umgang mit der Technologie noch einmal zu reflektieren. Du kannst KI ist ein leicht verständlicher Ratgeber für eine klar umrissene Zielgruppe. Wer bislang kaum oder gar keine Erfahrung mit Künstlicher Intelligenz gesammelt hat, vielleicht sogar Angst vor der neuen Technik verspürt, findet hier einen unkomplizierten Einstieg. Iris Lanz möchte ihren Lesern vor allem Mut machen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, statt sich von der rasanten Entwicklung einschüchtern zu lassen.

Für Menschen, die bereits mit KI arbeiten, bietet das Buch dagegen wenig Neues. Auch die Konzentration auf den beruflichen Alltag ist mir persönlich zu eng gefasst. KI verändert schließlich nicht nur die Arbeit am Schreibtisch, sondern zunehmend unsere gesamte Lebenswelt. Einige interessante Überlegungen bleiben dennoch hängen. SLetztendlich erinnert mich das Ganze an die Anfänge des Personalcomputers. Damals mussten wir lernen, den Stift beiseitezulegen und uns an die Tastatur zu setzen. Heute stehen wir vor der nächsten technischen Veränderung. Und Iris Lanz rät im Grunde genau das, was schon damals geholfen hat: Mach es einfach. Probier es aus.
Iris Lanz, Jahrgang 1969, studierte Politikwissenschaften und Publizistik. Seit über 25 Jahren bewegt sie sich an der Schnittstelle von Strategie, Kommunikation und Organisationsentwicklung. Sie ist als Geschäftsführerin, Beraterin, Aufsichtsrätin und Gründerin tätig – und hat sowohl kleine Initiativen als auch große Organisationen erfolgreich aufgebaut und weiterentwickelt. Als Beraterin und Mentorin begleitet sie Menschen und Unternehmen dabei, die Transformation durch Künstliche Intelligenz zu verstehen und umzusetzen. KI betrachtet sie als große Chance, sich agiler und resilienter aufzustellen. Sie vertiefte ihre Expertise in Künstlicher Intelligenz unter anderem an der Technischen Universität München im KI-Campus sowie durch den Abschluss als AI Expert und AI-Leadership an der Digital Business University, Berlin. Darüber hinaus engagiert sie sich in verschiedenen Netzwerken rund um das Themenfeld. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Iris Lanz
DU KANNST KI: Ein Ratgeber für Menschen mit Berufserfahrung
Taschenbuch, 184 Seiten
Sachbuch, IT, Künstlicher Intelligenz, AI, Arbeitswelt
Hewaldt Verlag, 2026
Die KI sei mit euch von Helga Nowotny

Wie viel Verantwortung sind wir bereit, an Maschinen abzugeben?
Künstliche Intelligenz entscheidet längst mit, welche Nachrichten wir lesen, welche Produkte uns angeboten werden und wie Menschen von Unternehmen oder Behörden beurteilt werden.
Algorithmen analysieren unser Verhalten, erkennen Muster und berechnen Wahrscheinlichkeiten. Doch was geschieht, wenn wir beginnen, diesen Berechnungen mehr zu vertrauen als unserem eigenen Urteilsvermögen? Schon ein wenig überholt das Buch und es verlangt dem Lesenden etwas ab.
Weiß die KI, dass sie nichts weiß? von Katharina Zweig
Chatbots wie ChatGPT und Co helfen uns bei der Arbeit, in der Freizeit. KI-Agentensystemen beantworten Fragen, schreiben eigenständig Texte, erledigen Suchaufgaben. Doch wie genau funktionieren die Sprachmodelle: Haben sie intellektuelle Fähigkeiten? Sie können weder denken, noch sind sie intelligent – sie basieren auf Musterfindung dessen, was der Mensch ihnen eingegeben hat. Katharina Zweig, Informatikprofessorin, zeigt, was ChatGPT und Co. wirklich können und und vielleicht niemals können werden. Zweig gelingt es, komplexe Zusammenhänge zwischen KI, Fehlerverhalten und Ethik verständlich zu machen, die Grenzen aufzuzeigen. Ein feines Sachbuch, das Sprachmodelle, KI, in seiner Funktionsweise verständlich erklärt.
Weiter zur Rezension: Weiß die KI, dass sie nichts weiß? von Katharina Zweig
Sachbücher

Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.
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