Rezension
von Sabine Ibing
Der Nazi an Mamas Frühstückstisch
von Victoria Porten
Manche Männer ziehen ein. Andere nehmen ein. Alexander gehört zur zweiten Sorte. Kaum ist er über die Schwelle, stehen seine Kisten überall, auch im Kinderzimmer, als hätte der Typ dort schon immer gewohnt. Jona ist 19 und steckt mitten im Abitur, und plötzlich muss er sich fragen, wessen Zuhause das hier eigentlich ist. Alexander beantwortet das gleich selbst: „Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast …“ Meinem Tisch? Es ist Christines Tisch. Es ist Jonas Tisch. Alexander hat nicht einmal einen Stuhl mitgebracht. Der Mann ist führend in der NKU, der rechten Partei, die jetzt das Sagen hat.
Christine, die Mutter, ist eine Frau, die sich nicht wehren kann. Alleinerziehend, unpolitisch, auf der Suche nach einer heilen Familie, und sie hat es nie leicht gehabt. Jetzt ist sie einfach froh, nicht mehr allein zu sein. Sie ist so weich, dass jeder Druck eine Delle hinterlässt. Alexander findet, der Junge solle arbeiten gehen und ausziehen, statt zu Hause herumzusitzen und fürs Abitur zu lernen. Christine widerspricht nicht, steht ihrem Sohn nicht zur Seite. Das ist schlimm für Jonas. Irgendwann kracht es zwischen ihm und Alexander, und Jona geht. Erst zu Freunden, doch die packen gerade ihre Koffer fürs Ausland, weil das Leben unter der NKU für Linke und Migranten mit jeder Woche enger wird. Bleiben kann er da nicht. Es brennt im Asylantenheim.
Jonas landet im Tierheim, wo eine Freundin ihn zwischen Hundezwingern und Futtersäcken übernachten lässt. Und dann steht eines Tages die Mutter vor der Tür, mit Kater Rio im Transportkorb. Alexander habe eine Katzenallergie. Angeblich. Vom ersten Tag an konnte er das Tier nicht ausstehen, und man ahnt, dass sich seine Allergie gegen alles richtet, was vor ihm in dieser Wohnung war. Jona drückt den Kater an sich, gegenüber eine Mutter, die nicht mehr zu ihm hält. Die Szene tut weh, leise und genau. Richtig stark wird Porten, als der Tierheimbesitzerin auffällt, was Christine unter dem Ärmel versteckt. Christine wird geschlagen. Und sie entschuldigt ihn: Eigentlich sei er nicht so, er habe gerade nur viel Stress. Diesen Satz kennt jedes Frauenhaus auswendig.
Hier stimmt der Comic, hier hat er Gewicht. Eine Frau, die sich nicht wehren kann, erklärt einer anderen Frau, warum der Mann, der sie verprügelt, im Grunde ein Guter sei. Jetzt kommt mein Aber. Alexander sitzt als Spitzenpolitiker der NKU an den Hebeln und bringt ein Gesetz zur «Verschönerung der Stadt» durch. Obdachlose dürfen nachts nicht mehr draußen schlafen und sich tagsüber nicht mehr auf der Straße herumtreiben. Sollen sie doch arbeiten gehen. Dazu hetzt er gegen Ausländer, und zu Hause schlägt er seine Frau. Das ist eine ganze Menge. Trotzdem ist es mir zu wenig, weil es so verdammt erwartbar ist. Alexander ist der Rechte, wie man ihn sich vorstellt: herrisch, laut und mit lockerer Hand. Den erkennt man auf zehn Meter Entfernung. Gefährlich sind aber die anderen. Der freundliche Nachbar, der beim Grillen beiläufig fallen lässt, früher sei es hier sicherer gewesen. Die Stadträtin, die von Ordnung spricht und Sauberkeit meint, beim Elternabend nett lächelt und im Hausfrauenkreis Stimmung macht. Rechte Strukturen kommen selten mit dem Holzhammer. Sie drehen an kleinen Schrauben, ganz langsam, bis keiner mehr weiß, wann es eigentlich angefangen hat. Genau dieses Feine, das Schleichende hat mir gefehlt. Porten haut drauf. Mit dem Skalpell hätte sie tiefer geschnitten.
Zeichnerisch bleibt sie konsequent. Schwarzweiß, teilweise mit Farbe hinterlegt, und die Kamera klebt fast immer an den Figuren. Hintergrund gibt es kaum, es geht um Gesichter. Christines hochgezogene Schultern, Jonas zusammengepresster Kiefer, Alexanders Grinsen, das nie bis zu den Augen reicht. Das passt zu einem Kammerspiel am Küchentisch. Es ist aber auch ein Teil des Problems: Wenn die Welt draußen nur Kulisse bleibt, bleibt auch der rechte Staat Kulisse. Ein Wahlplakat statt einer Maschine. Man sollte fair bleiben. Das ist ein Debüt, und die Zeichnerin war beim Erscheinen gerade 21. Da steckt viel Wut drin und viel Herz, und beides spürt man auf jeder Seite. Ein guter Comic, überspitzt, mit klarer Haltung. Wer mit Jugendlichen darüber reden will, wie Politik in Familien einsickert, hat hier den richtigen Gesprächsanlass auf dem Tisch. Wer verstehen will, wie Rechte tatsächlich Macht gewinnen, freundlich, Schritt für Schritt und mit sauberen Fingernägeln, braucht mehr Grautöne, als dieses Schwarzweiß hergibt.
Victoria Porten ist Künstlerin aus Mainz und kann mit 21 Jahren bereits auf eine zehnjährige künstlerische Laufbahn zurückblicken. Ihr Interesse an Kunst begann mit sechs Jahren durch das Videospiel Art Academy, das an Comics und Manga, als sie fast täglich mit einem Freund die Stadtbücherei Wittlich besuchte. Ab 2019 besuchte sie das Landeskunstgymnasium Rheinland-Pfalz in Alzey und machte dort 2023 ihr Abitur mit einer Abschlussausstellung. Seit 2023 studiert sie freie Kunst an der Kunsthochschule Mainz in der Malereiklasse von Shannon Bool. Ihr großes Comic-Idol ist der Mangaka Andongshik mit der Manga-Reihe Lindbergh. Porten wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Alexandra-Lang-Jugendkunstpreis 2018, dem Preis für beste künstlerische Zusammenarbeit 2024 mit ihrer Studienklasse und dem Kulturförderpreis des Landkreises Bernkastel-Wittlich 2025. Ihre Arbeiten wurden zahlreich ausgestellt, zuletzt im Palais Carli in Marseille. Nach mehreren selbst erstellten Webcomics erschien 2025 bei Books on Mars ihr Debüt, die Graphic Novel Der Nazi an Mamas Frühstückstisch.
Der Nazi an Mamas Frühstückstisch
Comic, Graphic Novel, rechte Politik, häusliche Gewalt, Jugendbuch
Taschenbuch, 144 Seiten
BOOKS ON MARS Verlag, 2025
Graphic Novel, Comic, Grafisches
Für die Fans von Comis / Graphic Novels und sonstigem Gezeichneten, wie Satire. Hier auf dieser Seite zusammengefasst. Alle Altersgruppen. Graphic Novel, Comic, GrafischesKinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.Kinder- und Jugendliteratur
Kinder- und Jugendliteratur hat mich immer interessiert. Selbst seit der Kindheit eine Leseratte, hat mich auch die Literatur für Kinder nie verlassen. Interesse privat, später als Pädagogin, als Leserin, als Mutter oder Oma. Kinder- und Jugendbücher kann man immer lesen! Hier geht es zu den Rezensionen.




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