Rezension
von Sabine Ibing
| Intro mit KI erstellt |
Der neue Fasten Code
von Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann und Johanna Katzera
Beim Thema Fasten habe ich oft den Eindruck, dass sich die Empfehlungen gegenseitig widersprechen. Was die einen für unverzichtbar halten, lehnen andere ab. An diesem Sachbuch hat mich deshalb vor allem die Frage interessiert, was während des Fastens mit unseren Darmbakterien passiert. Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann und Johanna Katzera stellen sie in den Mittelpunkt ihres Konzepts und hinterfragen dabei vertraute Fastenregeln. Nicht alles würde ich ungeprüft übernehmen. Zum Nachdenken hat mich das Buch aber durchaus gebracht.
Nicht streng, sondern alltagstauglich
Die Autorinnen stellen das sogenannte Mikrobiom-Fasten vor und hinterfragen dabei einige Regeln klassischer Fastenkuren. Ihr Ansatz: Der Darm soll nicht einfach geleert, sondern seine Bakteriengemeinschaft während des Fastens unterstützt werden. Dafür sieht das Konzept unter anderem Ballaststoffe und bestimmte Öle vor. Auch Kaffee wird nicht grundsätzlich vom Speiseplan gestrichen. Das ist ein anderer Blick auf das Fasten. Es geht nicht darum, möglichst viel auszuhalten und jede Annehmlichkeit zu verbannen. Genau das hat mir gefallen. Ein Konzept, das schon beim Lesen nach einer kaum zu bewältigenden Disziplinübung klingt, würde mich wenig ansprechen.
Der Darm muss nicht erst leer sein
Die Autorinnen erklären zunächst, weshalb unser Körper mit zeitweiligem Nahrungsverzicht umgehen kann. Nahrung war für Menschen nicht immer so selbstverständlich verfügbar wie heute. Dieser Rückblick macht verständlich, woran die Überlegungen zum Fasten anknüpfen. Für mich war er vor allem ein Anlass, über eine heutige Gewohnheit nachzudenken: Wir können beinahe jederzeit essen. Aber haben wir dann auch tatsächlich Hunger? Besonders interessant sind die Ausführungen Erläuterungen zur Darmreinigung. Das Abführen vor einer Fastenkur gehört schließlich zu den Empfehlungen, denen man immer wieder begegnet.
„Keine Darmreinigung vor oder während des Fastens“
So lautet dagegen eine der klaren Aussagen des Buches. Die Autorinnen beschreiben, weshalb Abführmaßnahmen aus ihrer Sicht keinen Beitrag zum Fastenerfolg leisten und die Zusammensetzung des Mikrobioms ungünstig verändern können. Für mich war dieser Perspektivwechsel der interessanteste Teil: Statt den Darm möglichst gründlich „leer machen“ zu wollen, soll man darauf achten, was mit seinen Bewohnern geschieht. Damit bekommt das Fasten einen anderen Schwerpunkt. Nicht nur der Verzicht zählt, sondern auch die Frage, wie die Darmbakterien in dieser Zeit versorgt werden.
Und der Kaffee?
Schon die Ankündigung, dass Kaffee bei diesem Fastenkonzept erlaubt ist, macht neugierig. Im Buch wird er im Zusammenhang mit der Autophagie betrachtet, also den zellulären Abbau- und Wiederverwertungsprozessen. Mir gefällt daran vor allem, dass eine vertraute Gewohnheit nicht automatisch zum Hindernis erklärt wird. Allerdings würde ich aus der Darstellung nicht die einfache Gleichung machen: Kaffee trinken und damit die Zellen erneuern. Hier lohnt es sich, auf die Erläuterungen und die jeweils angeführten Untersuchungen zu achten, statt nur die griffige Botschaft mitzunehmen.
Fasten, das zum eigenen Alltag passt
Auch das Intervallfasten bekommt Raum. Beschrieben werden unter anderem Essensfenster von acht bis zehn Stunden, denen entsprechend längere Pausen ohne Nahrung gegenüberstehen. Angenehm fand ich, dass dabei nicht jeder Tag nach demselben starren Muster funktionieren muss. Eine Einladung zum Abendessen darf eine Ausnahme bleiben, ohne dass deshalb gleich das gesamte Vorhaben gescheitert ist. Dazu kommen Anregungen für die Ernährung. Mehr Gemüse oder häufiger Vollkornprodukte zu essen, erscheint mir im Alltag greifbarer als eine lange Liste verbotener Lebensmittel. Die konkreten Tagespläne helfen dabei, sich vorzustellen, wie das vorgestellte Konzept praktisch aussehen kann.
Der andere Blick auf das Fasten
Verständlich und anregend geschrieben, macht es Spaß, sich mit dem Thema zu befassen. Die Erläuterungen zum Mikrobiom geben den Empfehlungen einen Zusammenhang, statt nur vorzuschreiben, was wann gegessen werden darf. Das Sachbuch eröffnet einen anderen Blick auf das Fasten, auf die vielen verschiedenen Möglichkeiten – legt sich nicht auf einen starren Aktionsradius fest. Besonders die kritische Betrachtung der Darmreinigung und die stärkere Aufmerksamkeit für das Mikrobiom fand ich lesenswert. Gut gefallen hat mir außerdem, dass die Autorinnen nicht möglichst lange Fastenzeiten zum Maßstab machen. Nicht jede zugespitzte Aussage würde ich ungeprüft übernehmen. Als verständliche Einführung in diesen Fastenansatz und als Anstoß, das eigene Essverhalten zu überdenken, lohnt sich dieses Buch. Wer fasten ausprobieren möchte, findet hier sicher eine Methode, die zu passt. Für alle, die sich für Fasten und Darmgesundheit interessieren: eine Leseempfehlung.
Prof. Dr. Michaela Axt-Gadermann ist Ernährungs- und Sportmedizinerin und Professorin für Gesundheitsförderung an der Hochschule Coburg. Dort erforscht sie unter anderem die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Darmbakterien und Gesundheit. 2018 hat sie das lizensierte Online-Ernährungscoaching «Gesund mit Darm» entwickelt, das von den gesetzlichen Krankenkassen bezuschusst wird. Neben zahlreichen Büchern zum Mikrobiom («Gesund mit Darm», «Schlank mit Darm» u.a.) ist sie auch Autorin des Spiegel-Bestsellers «Der Abnehmkompass».
Johanna Katzera ist Managerin für angewandte Gesundheitswissenschaften, Physiotherapeutin und Autorin. Nach mehrfachen Auslandsaufenthalten lebt sie inzwischen auf Sylt. In ihren Achtsamkeits- und Fastenseminaren gibt sie Impulse zu den Themen gesunde Stressbewältigung, mentale Gesundheit, achtsame Kommunikation und digitale Balance. Dazu hat sie bereits mehrere Bücher veröffentlicht.
Der neue Fasten Code
Sachbuch, Fasten, Ernährung, Darm, Mikrobiom, Darmgesundheit, Darmbakterien
Klappenbroschur, 192 Seiten
Südwest Verlag, 2024
Der Darm-Doc von Dr. med. Ulrich Selz
Der Darm ist ein Organ, dessen Bedeutung vielen Menschen erst dann bewusst wird, wenn ihnen die Verdauung aus dem Gleichgewicht gerät. Dabei beschränkt sich seine Funktion keineswegs auf die Verarbeitung von Nahrung. Das Verdauungssystem steht in enger Verbindung mit dem Immunsystem, kommuniziert mit dem Gehirn und kann sowohl die körperliche Verfassung als auch das psychische Befinden beeinflussen. Diesen komplexen Wechselwirkungen widmet sich Dr. med. Ulrich Selz in seinem Sachbuch «Der Darm-Doc». Verständliche gut geschriebene Einführung – was fehlt, ist die komplexe wissenschaftliche Feldanalyse. Alle paar Seiten gibt es Werbung für , was wirklich stört, ein Gratismarketing im Sachbuch versteckt.Weiter zur Rezension: Der Darm-Doc von Dr. med. Ulrich Selz
Sachbücher
Hier stelle ich Sachbücher vor, die im Prinzip nichts mit Fachliteratur zu tun haben. Eben Sachbücher jeder Art, die ein breites Publikum interessieren könnte.Sachbücher


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